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27.09.19 / Wenn die Enkelgeneration anfängt zu forschen / Eine Nachkommin Vertriebener hat die Rolle als Geschichtswahrerin angenommen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-19 vom 27. September 2019

Wenn die Enkelgeneration anfängt zu forschen
Eine Nachkommin Vertriebener hat die Rolle als Geschichtswahrerin angenommen
Chris W. Wagner

Sucht jemand das Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Breslau in der Sonnenpassage am Ring, der muss der polnischen Sprache mächtig sein, denn die Hinweisschilder und der Name des Büros sind dort auf Polnisch zu finden. Im Verbindungsbüro fand am Vormittag des 23. Septembers die Eröffnung einer kleinen, aber feinen Ausstellung zum Thema „800 Jahre Löwenberg (Schlesien)“ statt. Initiatorin der Ausstellung ist Doris Baumert, eine junge Frau der sogenannten Enkelgeneration, deren Mutter aus dem Kreis Hirschberg, der Vater aus dem Kreis Löwenberg kam.

Angefangen hat Baumert mit Ahnenforschung. Um jedoch die Kirchenbücher besser lesen zu können, hat sie sich bald schon mit der Kirchengeschichte näher befasst, und schließlich zog es sie immer mehr in Richtung der Geschichte Schlesiens. „Was mich immer schon interessierte, ist die Kirchengeschichte, weil die schlesische Kirchengeschichte einen so besonderen Status hat. Besonders als Friedrich der Große Schlesien 1741 annektiert hatte, sind viele Gotteshäuser neu gebaut worden, und es sind diese wunderschönen evangelischen Kirchen – so hell und freundlich. Darüber gibt es viele Festschriften oder Jubelbüchlein. Die schlesische Kirchengeschichte ist schon ein ganz besonderer und zentraler Punkt für mich“, schwärmt Doris Baumgart. 

Es ist ihr wichtig, dass nicht nur Löwenberger die Breslauer Ausstellung besuchen. „Anhand der Fotoauswahl ist zu sehen, wie sich die schlesische Bauart in früheren Jahrhunderten entwickelte. Die Ausstellung dokumentiert auch die allgemeine Geschichte bis hin zur speziellen Geschichte der Stadt Löwenberg“, sagt sie. 

Im Verbindungsbüro ist aus Platzgründen nur ein Teil der insgesamt mehr als 170 Abbildungen großen Präsentation der Stadtgeschichte bis 1945 zu sehen. Die etwa 60 Bilder von heute werden in Breslau nicht gezeigt.

Doris Baumert engagiert sich seit vielen Jahren im Kreis Löwenberg [Lwowek Slaski]. 2014 initiierte sie im Haus Schlesien in Königswinter die Gründung des Geschichtsvereins Kreis Löwenberg (Schlesien) e.V. Dieser hat noch im Gründungsjahr eine Museumseröffnung im Kloster Liebenthal [Lubomierz] auf die Beine gestellt. Dafür wurden im Kloster drei nebeneinander gelegene Räume renoviert. 

Ausgestellt werden dort unter anderem die Kartusche eines Steins für die Äbtissin Martha Tanner aus dem Jahre 1722, Gesangsbücher, Akten der Klosterkirche, Ansichtskarten, Erinnerungsgegenstände sowie eine Sammlung von Klostergewanden. Im Kloster wurde ein Jahr darauf der Vorläufer der in Breslau präsentierten Ausstellung zur Geschichte Löwenbergs gezeigt. 

2015 konnte in Wünschendorf [Radomice] eine Informationstafel mit einer historischen Übersicht der Ortsgeschichte in polnischer, deutscher und englischer Sprache und acht Abbildungen aufgestellt und 2016 in Klein Röhrsdorf [Golejow] die 730-Jahrfeier des Dorfes begannen werden. 2017 ist der Geschichtsverein um Hilfe bei der Renovierung der einst evangelischen und nach dem Krieg katholischen Dorfkirche in Wiesenthal [Bystrzyca] gebeten worden. In diesem Gotteshaus sind neben dem Wappen der Familie von Schweinichen auch zwei Ehrentafeln für gefallene Krieger des Ersten Weltkrieges aufbewahrt und aus Sicherheitsgründen drei große Epitaphen der Adelsfamilie von Zedlitz aus dem 16. Jahrhundert durch die Gemeinde vom Friedhof in die Kirche gebracht worden – ein guter Grund für den Geschichtsverein die Innenrenovierung der Kirche zu fördern. 

2018 haben sich geschichtsinteressierte Polen und Deutsche in Löwenberg zur Einweihung einer Gedenktafel für das Boberhaus im Beisein des Löwenberger Landrates Marcin Fluder und des stellvertretenden Bürgermeisters Leslaw Krokosz eingefunden. Die Idee dafür hatte Werner Guder aus Dresden, der Mitglied des Städtepartnerschaftsvereins Heidenau-Löwenberg e. V. ist. 

Das Boberhaus wurde 1925 auf Initiative des an der Universität Breslau lehrenden Soziologen Eugen Rosenstock-Huessy, dem erst 18-jährigen Helmuth James Graf von Moltke und Artur von Machui als ein Volksbildungshaus und „Grenzvolkshochschulheim“ gegründet. Es befand sich in einer Villa, die 1910 für den Löwenberger Apotheker Zwirner oberhalb des Bobertales nach einem Entwurf des Berliner Architekten Hans Poelzig errichtet wurde. Es diente von 1926 bis 1937 als Bildungsstätte für Jugendliche aller Parteien, Klassen und Bekenntnisse. Gefördert wurden auch die Erwachsenenweiterbildung, die Musikerziehung sowie der Austausch mit dem Ausland, insbesondere mit Südosteuropa.

„Ich bin sehr stolz, dass wir es schafften, die Polen in Löwenberg für das Boberhaus zu interessieren, und dass drei Tafeln in Deutsch und Polnisch in der Stadt Informationen zum Boberhaus bieten. Die vierte und letzte Tafel wird im Frühjahr nächsten Jahres eingeweiht werden“, freut sich der 1945 nicht mehr in Schlesien geborene Sohn schlesischer Eltern. „Mein Wunsch ist, dass die Menschen solche Dinge zur Kenntnis nehmen und sich vielleicht auch daran erfreuen, wenn sie solche Ausstellungen besuchen, um so noch einmal einen anderen Blick zu bekommen“, hofft Baumert.