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27.09.19 / Stadt in Form eines Palastes / Urbino in der mittelitalienischen Region Marken feiert Raffael – Der berühmte Sohn der Stadt starb vor bald 500 Jahren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-19 vom 27. September 2019

Stadt in Form eines Palastes
Urbino in der mittelitalienischen Region Marken feiert Raffael – Der berühmte Sohn der Stadt starb vor bald 500 Jahren
Harald Tews

Kommendes Jahr können die Bewohner der italienischen Stadt Urbino mit einem deutlichen Zustrom an Touristen rechnen. Grund ist der 500. Todestag des Malers Raffael, der am 6. April 1520 zwar in Rom starb, aber 37 Jahre zuvor in Urbino geboren wurde. 

Auch wenn Raffael zu den be­deutendsten Renaissancemalern gehört, ist in der 14500 Einwohner zählenden Stadt in der Region Marken nicht mit einem sogenannten „Overtourism“ zu rechnen, also jenem Massentourismus, unter dem Städte wie Venedig oder Florenz leiden. Das liegt daran, dass Urbino tief in der italienischen Provinz vergraben liegt, und Kreuzfahrtschiffe mit ihren Tagestouristen können hier also auch nirgends anlegen.

Und das ist auch gut so. So kann man in diesem Schmuck­stück von einer Stadt, in der un­gewöhnlich viele Studenten leben – schon 1506 wurde hier die Universität gegründet –, noch ganz genüsslich herumschlendern. Be­sonders im Palazzo Ducale stören keine Unruhe verbreitenden, Selfie-süchtigen Besuchermassen.

Dabei besitzt der Palast eine der größten Renaissancesammlungen Italiens. Hier hängt mit „La Muta“ (die Stumme) ein berühmtes Frauenporträt von Raffael, das man an manchen Tagen ebenso ungestört betrachten kann wie die Gemälde des Künstlers Piero della Frances­ca, der im Auftrag Federico da Montefeltros, des Herzogs von Urbino, seine bedeutendsten Werke geschaffen hat.

Sein bekanntestes Porträt, die Reliefansicht des hakennäsigen Herzogs, hängt allerding nicht in Urbino, sondern in Florenz. Federico ließ sich immer nur von einer Seite abbilden, die andere Ge­sichtshälfte war entstellt von den vielen Schlachten, an denen er teilnahm. Als sein Halbbruder ermordet wurde, übernahm er das Erbe seines Vaters und ließ in Urbino von 1463 bis 1472 einen gigantischen Palast bauen, der seit 1998 zum UNESCO-Weltkul­turerbe zählt. Dieses Meer von Steinen beeindruckte auch den schriftstellernden Hofmann Baldassare Castiglione, der von Urbino als einer „Stadt in Form eines Palastes“ sprach. Ähnlich wie die Medici in Florenz hatte Federico aber auch viel Kunstverstand und versammelte in seinem Palast die Elite der italienischen Renais­sancekultur.

Der Palast beherbergt heute die Nationalgalerie der Marken und läutet am 3. Oktober mit der Ausstellung „Raffael und die Freunde von Urbino“ das Raffael-Jahr 2020 ein. Bis zum 19. Januar zeigt die Schau auf umfassende Weise die Beziehung von Raffael zu anderen in Urbino tätigen Künstlern, die seine künstlerische Laufbahn begleitet und beeinflusst haben, und stellt Werke des großen Malers mit denen damaliger Kollegen wie Perugino und Luca Signorelli in Dialog (Internet: www.gallerianazionalemarche.it).

Mit dieser Ausstellung verabschiedet sich Museumsleiter Peter Aufreiter aus Urbino. Der Wiener Kunsthistoriker wurde vor vier Jahren Direktor der Galleria Nazionale delle Marche, die unter seiner Leitung im Jahr 2018 mit 200000 Besuchern einen neuen Rekord aufgestellt hat. 

Aufreiter profitierte von einer Neuausrichtung der Kulturpolitik durch die vorvorletzte italienische Regierung. Weil neue Besen bekanntlich gut kehren, schrieb sie neue Direktorenposten in ihren Museen EU-weit aus. So kam es, dass zwei der bedeutendsten Museen in Florenz, die be­rühmten Uffizien und die Galleria dell’Accademia mit Michelangelos Original-Marmorstatue des David, an die Deutschen Eike Schmidt und Cecilie Hollberg gingen. 

Aufreiter übernahm die Leitung in Urbino. Doch die bis Anfang September amtierende Regierung aus Movimento Cinque Stelle und Lega Nord drehte wieder alles zurück auf Anfang. Während die anderen bereits ihren Posten verlassen haben beziehungsweise mussten, hat auch Aufreiter ein Jahr vor Vertragsende das Handtuch geworfen. Anfang des neuen Jahres kehrt er zurück nach Wien, wo er Direktor des Technischen Museums wird.

„Schlossherr“ Aufreiter bedauert seinen Abgang. Er hat sich wohlgefühlt in Urbino. Das tun auch die Besucher, die sich in den Gassen der von Festungsmauern umgebenen Altstadt verlieren. Außer dem Palazzo Ducale gibt es hier noch viel zu entdecken, so das Geburtshaus Raffaels. Ein Ausflug hierhin lohnt immer. Wer von Venedig oder Florenz genug hat, sollte unbedingt ins beschauliche Urbino reisen.