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27.09.19 / Ein Abkommen, das Europa ins Verderben stürzte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-19 vom 27. September 2019

Ein Abkommen, das Europa ins Verderben stürzte
Friedrich-Wilhelm Schlomann

Claudia Weber, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Frankfurt (Oder), zeichnet in ihrem Buch „Der Pakt“ auf der Grundlage von vielen historischen Quellen minutiös nach, wie die „einzigartige Bedeutung“ dieses Bündnisses die Zusammenarbeit der beiden Diktatoren nicht nur den Zweiten Weltkrieg ermöglichte, sondern  ganz Europa in weniger als zwei Jahren ins Verderben stürzte. 

Zur Einführung erwähnt die Autorin die Handelsverträge zwischen Berlin und Moskau bis hin zu ihrer geheimen Mi­litär-kooperation. Deutschland benötigte dringend Rohstofflieferungen und Großaufträge für seine Industrie, um Reparationen aus dem Versailler Vertrag zahlen zu können, während es seinerseits die sowjetische Industrialisierung unterstützte. 1937 schloss Stalin auch politische Gespräche mit Hitler-Deutschland nicht aus. Der beiderseitige Verzicht auf Angriffe gegen ihre Staatsoberhäupter ein Jahr danach bedeutete den ersten Schritt zum Hitler-Stalin-Pakt. Das Abkommen von München, zu dem Stalin nicht eingeladen war, richtete sich in seinen Augen gegen sowjetische Sicherheitsinteressen. Er bot dafür Berlin verstärkte Wirtschaftsverhandlungen an, die Hitler wiederum sein Aufrüstungsprogramm mit sowjetischen Rohstoffen absicherten. Im März 1939 signalisierte Moskau, von London und Paris in die Isolation getrieben, sich „von jenen Kriegstreibern“ zu entfernen. Aus Furcht vor einem „zweiten München“ strebte er ernsthafte Gespräche mit den Deutschen an. Auch Hitler benötigte ein Bündnis, um seinen Einmarsch in Polen abzusichern. 

Nach sieben Stunden Verhandlungen wurde am 23. August 1939 der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Sein Kern war das streng geheime „Zusatzprotokoll“: Darin definierten beide Seiten ihre „Interessenssphären“ in Europa; Finn­land, Estland und Lettland sollten danach in der sowjetischen, Polen sowie Litauen (das später zur UdSSR kam) in der deutschen „Sphäre“ liegen. Der Vertrag habe „Hitler den Überfall auf Polen“ ermöglicht, die Wehrmacht vor einem Zweifrontenkrieg geschützt und „erlaubte 1940 die Expansion nach Westeuropa“. Laut der „Prawda“ diente er „der Sache der allgemeinen Festigung des Friedens“. Für die deutschen Kommunisten war er indes ein tiefer Schock, nach Moskau Geflüchtete wurden Hitler-Deutschland ausgeliefert und nach den sowjetischen Gefängnissen fanden sie sich jetzt in deutschen Konzentrationslagern wieder. Aber auch unter der NS-Elite stieß der Pakt auf heftige Kritik. 

Durch seinen „späten“ Einmarsch in Polen am 17. September trat Moskau nicht als Aggressor auf, sondern als Verteidiger seiner ukrainischen „Brüder“. Zur Niederschlagung des polnischen Widerstandes arbeiteten Himmlers SS-Täter und Berijas NKWD-Schergen lange Zeit zusammen. 

Das Abkommen hatte ebenfalls für Hitlers Nord- und Westeroberungen zentrale Bedeutung. Der Autorin zufolge wären die Blitzkriege anders nicht möglich gewesen. Mit der sowjetischen Besetzung Bessarabiens und der Nord-Bukowina, die durch einen Fehler Ribbentrops nicht in den Abmachungen erwähnt wurden, habe Stalin einen Schritt geplant, welcher – wie er wusste – zu einer starken bündnispolitischen Belastung führte: Denn auch Hitler benötigte Rumänien mit dessen wichtigen Ölfeldern. Sein Ziel war die Herrschaft über Europa, doch Stalin habe sich keinesfalls aus dem Kontinent verdrängen lassen wollen. 

Zugleich bot Churchill dem Kreml enge Handelsbeziehungen an, dazu die Kontrolle über die Balkanländer sowie den Zugang zu den Dardanellen-Meerengen.  Stalin kannte nun den Preis, den Großbritannien für seine Abkehr von Hitler zu zahlen bereit war. Die zwischen Berlin und Moskau strittige Finnland-Frage führte Anfang November 1940 nach stundenlangen Verhandlungen zwischen Hitler und Molotow zum Ergebnis, dass Deutschland sich nicht mehr an das geheime Zusatzprotokoll hielt. Ende des gleichen Monats forderte Moskau den Abzug aller deutschen Truppen aus Finnland und erhob außerdem Anspruch auf Bulgarien, der weit über die Absprachen hinausging und dem Hitler unmöglich zustimmen konnte – was Stalin ermöglichte, ihm die Schuld am Ende des Bündnisses zuzuschieben. 

Mitte Dezember diktierte Hitler den Befehl zum Angriff auf die UdSSR, der Stalin sehr schnell bekannt wurde. Da er damals militärisch schwach war, tat er alles für eine Verzögerung des Krieges. Es war Stalins Widerwille, den Pakt zu brechen und als Aggressor zu gelten. Molotow erklärte, Berlin habe „das Bündnis verraten“. Genau Gleiches sagte Goebbels. Im Namen Hitlers betonte er, das Bündnis sei man damals eingegangen, nur um „der britischen Einkreisungspolitik ge­gen Deutschland entgegenzuarbeiten“. Churchill wies den deutschen Willen zur Annäherung an London zurück und versprach Moskau jegliche Hilfe. Das Ende des Hitler-Stalin-Paktes war die Geburtsstunde der westlichen Allianz. 

Claudia Weber, „Der Pakt“, C.H. Beck-Verlag, München 2019, gebunden, 276 Seiten, 26,95 Euro