26.01.2022

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04.10.19 / Gegenwind / Eine Renaissance des Irrationalen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 40-19 vom 04. Oktober 2019

Gegenwind
Eine Renaissance des Irrationalen
Florian Stumfall

Tränenfluss und hemmungslose Emotion vor den Vereinten Nationen, einer der Bühnen der Weltöffentlichkeit – das war der Auftritt der Greta Thunberg, Ikone der Klima-Bewegung und verkörperte Irrationalität im Dienste einer Sache, die sie als die Zukunft der Welt begreift. Man könnte sagen – ein junges, etwas zurückgebliebenes und offenbar gestörtes Mädchen hat solche Anwandlungen, und das stimmt ja auch. 

Es stellt sich die Frage, wer sie, wenn man denn gewusst hat, wie Greta funktioniert, vor die UN geschickt hat, damit sie dort ihr Inneres preisgibt. Wenn dieses Mädchen Angst und Panik predigt, ist das eine Sache, Merkmal ihres Zustandes, doch wenn sie damit auf tausendfachen Jubel trifft, dann liegt das Problem tiefer. Bei näherem Hinsehen wird man einer kühlen Strategie gewahr, die sich derselben Irrationalität bedient, die Greta kennzeichnet. 

Es ist ein Handlungs-Duo aus überlegter Strategie und grenzenlosem Gefühls-Überschwang im Hintergrund, bei Gretas Regisseuren und Finanziers, erkennbar. Die Diskussion um das Klima hat sich mittlerweile zu einem Billionen-Geschäft entwickelt, klug geführt und basierend auf dem guten Willen besorgter Ahnungsloser. Dass die grundlegende Annahme der allgemein geltenden Theorie gegen zwei Hauptsätze der Thermodynamik verstößt, eines der Grundgesetze der Physik, und dass es ohne das als „Schadgas“ beschimpfte Kohlendioxid keinen Sauerstoff und damit kein Leben auf der Welt gäbe, spielt keine Rolle. Den Politikern ist es egal, die meisten Bürger wissen es nicht, und willfährige Wissenschaftler, ihrer Besoldung aus öffentlichen Geldern eingedenk, sehen darüber hinweg. Andere kommen ohnehin nicht zu Wort.

Was man also – an dem allzu prominenten Beispiel dargestellt – erlebt, ist eine Renaissance des Irrationalen. Die Vernunft hat für eine große Zahl von Menschen und in weiten Bereichen ihren Anspruch auf die Leitfunktion im abendländischen Denken verloren. Das Gemüt meldet sich mit ungeahnter Stärke zurück, und es ist nicht nur die Klima-Debatte, in deren Verlauf dies deutlich wird.

Das Gemüt also und ein damit innig verbundenes und für den Erfolg unerlässliches Vehikel, nämlich die Taktik, Fakten aus ihren sachlichen Zusammenhängen zu lösen und in den Bereich des Moralisierens zu leiten. Naturwissenschaftliche Tatsachen, und seien sie in Bronze gegossen, können so mit einem scheinbar ethischen Verdikt belegt und so ihrer Anerkennung vor einer an der Nase entlang geführten Masse beraubt werden.

Das Moralisieren versteht sich als übergeordnete Instanz, die sich als dafür zuständig hält, der Vernunft ihre Grenzen aufzuweisen. Denn diese wird nur insofern als uneingeschränkt wirksam anerkannt, als sie nicht der Heilslehre widerspricht. Damit wird offenbar, dass der Siegeszug der Aufklärung eben doch kein weltumfassendes Gebrause war, sondern nur ein Lüftchen, das lediglich vereinzelt in Denkstuben geistig regsamer Leute durchweht. In den allermeisten Fällen sind die heute wirksamen Reste der Aufklärung eitle Attitüde und unter dem Vorbehalt des Modischen stehende Angleichung. 

Schutz gegen eine politische Verführung durch kluge Strategen bieten diese Reste nicht mehr. Der Verstoß gegen sie ist Alltag: Wer Lotto spielt, handelt, mathematisch und im Lichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung gesehen, unvernünftig, dasselbe tut, wer seine Gesundheit vernachlässigt oder beim Autofahren ein erhöhtes Risiko eingeht. Und auch jener, der heimlich sein Horoskop liest oder einer schwarzen Katze ausweicht, ist Jünger der Unvernunft. Das ist indes bei Weitem noch nicht alles. 

Neben dem Glauben ans Horoskop gibt es New Age, Hexenwahn, Seancen mit Tischrücken und Schwarze Messen, es gibt Satanismus, hysterische Technikfeindlichkeit und den Triumph der Sekten; es gibt Okkultismus, Feng Shui, Orakel, Stein-Heilung, Esoterik, Wahrsagerei und Endzeitphilosophien. All dies ist eine Kampfansage an die Vernunft, und all dies bereitet das Feld für politische Rattenfänger. 

Da man aber beobachten muss, wie die Vernunft ihre Allmacht einbüßt, erkennt man gleichzeitig, dass alle jene Grotes-ken keinen Gegensatz zur modernen Welt mehr darstellen, sondern sich als zu ihren Bestandteilen gehörig erweisen. In einem solchen Umfeld fühlt man sich natürlich längst nicht mehr gehalten, eine vorgeblich naturwissenschaftliche Theorie an physikalischen Grundtheoremen zu prüfen und zu messen. 

Anstelle der sachlichen Richtigkeit tritt der heiße Glaube, statt im Prüfen und Wägen übt man sich in moralischen Wertungen. Es ist, als hätte es die Aufklärung nicht gegeben, geschweige denn die Philosophie der Scholastik, in deren Zuge im 13. Jahrhundert Thomas von Aquin davor warnte, gegen den Augenschein zu argumentieren, und zur selben Zeit Roger Bacon das Experiment als Quelle der Erkenntnis einführte. Sie und andere Denker des Abendlandes werden nun entthront im Namen einer höheren Sittlichkeit, die zu ihrer Rechtfertigung keines Ausweises bedarf.

Vorbehaltlich aller notwendigen Bekenntnisse zur Demokratie und ihren Segnungen drängt sich hier doch ein Wort Johann Wolfgang von Goethes auf: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität. Denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“ Dieses Zitat ist wie maßgeschneidert aufs Klima-Thema anzuwenden: Die kräftigen Vorgänger – heute würde man Vorreiter sagen – sind die Strategen, bei den Schelmen ist die Mehrheit der Medien-Leute zu finden, die Schwachen sind die Politiker und der Rest besteht aus den Bürgern, denen entscheidende Einzelheiten vorenthalten werden und eine abweichende Meinung längst verboten ist.

Zur Klarstellung im Dienste der Demokratie wäre anzumerken: Dieses Goethe-Zitat ist nicht Ausdruck der Menschenverachtung, sondern Kritik an einer Konstellation und entspricht im Tiefsten der Rede Heraklits von „den Vielen“.

Was aber die Strategen angeht, so steht als prominentes Beispiel der frühere US-Vizepräsident Al Gore, der durch den Emissions-Handel ein Milliarden-Vermögen gescheffelt hat, ohne dass sich dadurch die Menge des Kohlendioxids auch nur um einen Kubikzentimeter verringert hätte. Dieser Emissionshandel, so sagen führende Politiker heute, und dazu gehört auch Bayerns Ministerpräsident Manfred Söder, habe sich bewährt und müsse ausgebaut werden. Wenn die Klage über den Verlust der Vernunft in der Politik auch nur ein weiteres Beispiel gebraucht hätte – hier ist es.

Der von seinen Ängsten getriebene Mensch sucht nach Heil, aber längst tut er das nicht mehr bei Gott, sondern zunächst in seinem Inneren. Da er dort nicht fündig wird, irrt dann sein Blick und bleibt an denen haften, die ihn zum Opfer auserkoren haben. So wird er zur Verfügungsmasse für jene, welche die vielen Milliarden einschieben, die im Sinne des Klimas auszugeben sich die Politiker bemühen.