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04.10.19 / Moskaus Handlanger: Die »Gruppe Ulbricht« / Wie die Gründung der DDR aus dem Kreml gesteuert wurde

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 40-19 vom 04. Oktober 2019

Moskaus Handlanger: Die »Gruppe Ulbricht«
Wie die Gründung der DDR aus dem Kreml gesteuert wurde
Klaus J. Groth

Josef Stalin hatte einen Plan A: Zugriff nach dem Krieg auf ein vorerst neutrales Deutschland, Zugriff auf die Industriebetriebe an der Ruhr. Der Plan scheiterte. Stalin wechselte auf Plan B: Einsatz der „Gruppe Ulbricht“, in Moskau getrimmte Agitatoren, mit deren Hilfe die sowjetische Besatzungszone zum kommunistischen Vasallen gemacht werden sollte. 

Bereits während des Zweiten Weltkrieges hatten die wichtigsten Kriegsgegner Deutschlands, die USA, Großbritannien und die Sowjetunion, in Jalta und Teheran das besiegte Reich aufteilen wollen. Sie konnten sich nicht einigen. Erst nach der Kapitulation der Wehrmacht wurden bei der Konferenz von Potsdam im Juli 1945 Fakten geschaffen: Deutschland wurde in vier Besatzungszonen gestückelt, Berlin ebenfalls. Jede Siegermacht sollte in ihrer Zone nach eigenem Gutdünken in der Industrie demontieren dürfen. Ein Alliierter Kontrollrat sollte die Verwaltung übernehmen.

Stalin operierte in der von der Sowjetunion besetzten Zone vorsichtig. Es durfte nicht erkannt werden, dass am Ende ein kommunistisches Regime nach Moskauer Vorbild stehen sollte. Daran arbeitete die Sowjetische Militäradministration, für die zeitweise 50000 Mitarbeiter tätig waren. 

Trotz dieses Masseneinsatzes fiel der „Gruppe Ulbricht“ eine tragende Rolle zu. Die Gruppe bestand aus zehn nach Moskau emigrierten Mitgliedern der Kommunistischen Partei. Sie waren geschult worden, Schlüsselpositionen zu besetzen. Stalin schickte sie kurz vor Ende des Krieges Richtung Deutschland. Ihr Auftrag lautete, die Sowjetische Militäradministration beim Aufbau eines „antifaschistischen“ Deutschlands zu unterstützen, die von den Nationalsozialisten zerschlagene Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wiederaufzubauen und die politischen Voraussetzungen für die DDR zu schaffen. Walter Ulbricht, der spätere Staatsratsvorsitzende, führte die Gruppe an. Die zehn Männer landeten, aus Mos­kau kommend, mit einem Flugzeug am 30. April 1945 bei dem kleinen polnischen Dorf Kalawa. Es war eine schweigsame Gruppe, die Männer sprachen weder während des Fluges noch bei der anschließenden Fahrt zu den Seelower Höhen über den Auftrag, erinnerte sich später Wolfgang Leonhardt. Mit 24 Jahren war er das jüngste Mitglied der Gruppe. Erst am Vorabend war ihm von Wilhelm Pieck gesagt worden: „Wir brechen nach Deutschland auf, und Du bist dabei.“ Warum, hat Leonhard nie erfahren: „Unter Stalin stellte man keine Fragen.“ 

Leonhardt wurde zum Zeitzeugen dieses stalinistischen Kaderauftrages. Er hat darüber berichtet, nachdem er 1949 über Jugoslawien in den Westen geflohen war. Sein Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ wurde zum Bestseller. Darin werden die Zielsetzungen für den Einsatz, so wie Wilhelm Pieck sie formulierte, zitiert: „Legende zerschlagen, dass Rote Armee das deutsche Volk vernichten oder zerschlagen will, Hitlerstaat vernichten, aber nicht deutsches Volk.“ 

So instruiert, wurde die Gruppe, zu der auch der spätere Außenminister Karl Maron und der spätere Innenminister Otto Winzer gehörten, am 1. Mai in Bruchmühe bei Strausberg einquartiert. Dort befand sich das Hauptquartier der 1. Belorussischen Front. Und dort gab Ulbricht bei abendlichen Besprechungen seine Direktiven aus. Erste Aufgabe sollte es sein, so schildert es Leonhardt, in den zwölf westlichen Stadtbezirken eine Verwaltung aufzubauen. „Als Bürgermeister sollten wir möglichst einen Bürgerlichen am besten mit Doktortitel suchen. Dazu viele Sozialdemokraten (,Die verstehen was von Kommunalpolitik.‘) und Liberale sowie Techniker, Ärzte und auch einen Geistlichen.“

Die Methode Tarnen und Täuschen endete vorerst bei der Schlüsselposition des Stellvertretenden Bürgermeisters, denn „der macht die eigentliche Arbeit“. Und bei den Stadträten für Personal und Bildung, die seien in jedem Fall mit Kommunisten zu besetzen. Ulbricht gab die Devise aus: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

Am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation, nahm die „Gruppe Ulbricht“ in Berlin-Lichtenberg Quartier. Nun stellten sich neue Aufgaben, man brauchte neue Zeitungen, neue Rundfunksender, die ganze Bandbreite der Infiltration. Noch einmal Leonhard: „Von Sozialismus oder Kommunismus war in den Besprechungen nie die Rede. Es ging immer – zur Tarnung gegenüber den West-Alliierten – um die Stärkung der antifaschistischen demokratischen Kräfte.“ Verstärkt wurde die Gruppe Agitation und Propaganda durch Kommunisten, die bis dahin im Zuchthaus Brandenburg eingesperrt waren. Unter ihnen war auch Erich Honecker. Für alle befreiten Genossen hatte Ulbricht Verwendung, nur für Honecker nicht. Der wurde wieder fortgeschickt. 

Die Sowjetische Militäradministration ließ schon im Juni 1945 verschiedene Parteien, KPD, SPD, CDU und Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDP), zu. Die KPD wurde bevorzugt gefördert. Dennoch, oder gerade deshalb, gelang es den deutschen Kommunisten nicht, zur stärksten politischen Kraft in der Besatzungszone zu werden. Sie gerieten sogar zunehmend ins Abseits. Die Sowjets setzten den Hauptkonkurrenten, die SPD, unter massiven Druck. Mit Bestechung, Täuschung und Zwang erreichten sie die Vereinigung von SPD und KPD zur SED. Trotz der Aufnahme neuer, kommunistisch geführter Block­parteien, reichte es bei der Wahl zum 3. Volkskongress im Mai 1949 über eine Einheitsliste nicht für eine ausreichende Mehrheit. Kurzerhand wurden durchgestrichene oder leere Wahlzettel als Ja-Stimmen gezählt. Nur so erhielt man eine Zustimmung von 66,1 Prozent. Der auf diese Weise „gewählte“ 3. Volkskongress bestätigte am 10. Mai die Verfassung der DDR. Zugleich setzte er den 2. Deutschen Volksrat als ständiges Organ der DDR ein. Am 7. Ok­tober 1949 wurde dann das Werk vollendet. Der 2. Deutsche Volksrat erklärte sich zur Provisorischen Volkskammer. Zugleich setzte er die Verfassung der DDR in Kraft. Somit war die Deutsche Demokratische Republik gegründet.