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04.10.19 / Wie das Netz unser Hirn prägt / Verdummt uns das Internet? Manche Forscher schlagen Alarm, andere bleiben gelassen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 40-19 vom 04. Oktober 2019

Wie das Netz unser Hirn prägt
Verdummt uns das Internet? Manche Forscher schlagen Alarm, andere bleiben gelassen
Wolfgang Kaufmann

Gehirnforscher schlagen Alarm: Das Internet drohe uns alle zu verdummen! Begriffe wie „Digitale Demenz“ machen die Runde. Doch wie berechtigt sind solche Warnungen?

In seinem Buch „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange?“ behauptet der US-Autor Nicholas Carr, dass die Nutzung des Internets zu oberflächlichem Lesen und Lernen führe – letztlich würden viele Informationen gar nicht mehr im Langzeitgedächtnis ankommen. Dadurch fehle es an echtem Wissen, welches für das komplexe, tiefgreifende und analytische Denken nötig sei. Und der Philosoph Michael Pauen beklagt dazu noch die Verkümmerung erlernter Fähigkeiten, von denen der Mensch glaube, er könne künftig auf sie verzichten.

Tatsächlich fällt es vielen Internetnutzern heutzutage schwer, sich längere Zeit auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren, wie beispielsweise auch der Regensburger Neurologe und Psychiater Volker Busch bestätigt. Schuld hieran sind insbesondere die Ablenkungen durch Verlinkungen in den Internettexten. Hier muss das Gehirn nämlich jedes Mal in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob der Link es wert ist, geöffnet zu werden, woraus ständige Unterbrechungen des Lektüre- und Verarbeitungsprozesses resultieren.

Ebenso kritisch sieht der renommierte Gedächtnisforscher Martin Korte das Internet. Der Mensch habe inzwischen die Gewohnheit entwickelt, keine nennenswerten Anstrengungen mehr zu unternehmen, um wichtige Informationen im Langzeitgedächtnis abzuspeichern. Es reiche ihm, wenn er sich merken könne, auf welchem Wege er das Wissen im Internet finde. 

Außerdem nehme auch die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses fortschreitend ab: Die durchschnittliche Speicherdauer von Informationen zwecks kurzfristiger Verarbeitung betrage nicht mehr 15 Sekunden wie vor einigen Jahrzehnten, sonderlich lediglich noch elf Sekunden. Wie Carr sieht Korte deswegen die Möglichkeit, dass der Mensch zunehmend aus dem Komplexen ins Einfache flüchte. Und das berge dann unter anderem Risiken fürs Mitdenken in der Politik und stelle somit eine ernst zu nehmende Gefahr für die Demokratie dar.

Andererseits betonen die Fachleute aber auch fast einhellig, wie anpassungsfähig und formbar unser Gehirn sei: Seit Anbeginn der Menschheit habe es sich ständig auf neue Gegebenheiten einstellen müssen und diese Aufgabe bisher stets bravourös gelöst. Das werde jetzt nicht anders sein. Eine Bestätigung dessen lieferten die Experimente des Psychiaters und Altersforschers Gary Small von der Universität von Kalifornien in Los Angeles. 

In diesen wurde nachgewiesen, dass sich bestimmte Stirnlappengebiete der Großhirnrinde, das heißt insbesondere der dorsolaterale präfrontale Cortex, bereits nach nur fünf Tagen intensiver Internetnutzung verändern. Damit wiederum verbessert sich die Fähigkeit zum strategischen Denken und Treffen von Entscheidungen sowie auch zum Multi­tasking und zur schnellen Bildverarbeitung. Ja, die Nutzung des Internets verlangsamt sogar das kognitive Altern beim Menschen.

Mit anderen Worten: Den Nachteilen für das Gehirn stehen unbestreitbare Vorteile gegenüber. Deshalb raten Experten wie der Berliner Psychiater Jan Kalbitzer zu mehr Gelassenheit. Und tatsächlich sollten wir unserem Denkorgan doch einfach eine Eingewöhnungszeit gönnen und auf unnötige Dramatisierungen verzichten! Halten wir es wie die Sumerer und Ägypter, als anlässlich der Einführung der Schrift und der damit einhergehenden Zurückdrängung des Mündlichen im 4. Jahrtausend vor Christi in vergleichbar alarmistischer Weise geklagt wurde.