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04.10.19 / »Das ist meine Mission« / Zweimal wurde Jodlinski als Direktor geschasst, doch bleibt er historischer Überzeugungstäter

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 40-19 vom 04. Oktober 2019

»Das ist meine Mission«
Zweimal wurde Jodlinski als Direktor geschasst, doch bleibt er historischer Überzeugungstäter
Chris W. Wagner

Man trifft ihn bei allen wichtigen Veranstaltungen, die mit der Geschichte und dem Kulturerbe Schlesiens zu tun haben, sei es beim oberschlesischen Fest des Industrieerbes „Industriada“, bei der Eröffnungsveranstaltung der Kulturhauptstadt Breslau oder bei Jubiläumsveranstaltungen zu den polnischen Aufständen in Oberschlesien: Leszek Jodlinski. 

Der Kunsthistoriker und gebürtige Gleiwitzer ist Kandidat der Deutschen Minderheit in Kooperation mit der Bürgerkoalition im Wahlkreis Gleiwitz-Beuthen [Bytom] für die Sejm-Wahl im kommenden Monat. Auch wenn er Oberschlesier in erster Generation ist, so stammt er aus einem Elternhaus, das durchaus auch im deutschen Kulturkreis aufwuchs. 

„Meine Vorfahren kommen aus der Nähe von Lemberg, aus einem Ort, der noch bis 1918 Münchenthal [Muzylowice] hieß und von Galiziendeutschen gegründet wurde. 1949 wurde meine Familie zur Änderung des Nachnamens gezwungen. Jodlinski ist nun mein Name, diesen Teil meines Polentums werde ich nie verleugnen. Aber dieser Teil bereichert mich genauso wie der andere, und so habe ich ein großes Verständnis für diejenigen, die wegen ihres Andersseins diskriminiert werden und die ihre Geschichte – vor allem in unserem Museumswesen – nicht erzählen dürfen“, sagt der geschasste Direktor des Schlesischen Museums Kattowitz und des Oberschlesischen Museums Beuthen in der Sendung des Internetradios „Mittendrin.pl“.

Schon während seiner Studienaufenthalte in Heidelberg, Tokio und Warschau sei ihm stets klargeworden, wie sehr er doch an seiner Heimat Oberschlesien hängt. „In Warschau suchte ich naiver Weise nach schlesischen Spuren. Wie groß doch meine Freude war, als ich bei meinen Antiquariatsbesuchen auf historische Schlesienkarten stieß“, erinnert sich Jodlinski. „Schon der Schriftsteller Horst Bienek sagte, je weiter entfernt er von Schlesien sei, desto mehr fühle er sich als Schlesier. Ähnlich empfinde ich auch“, betont Jodlinski. Als ihm 2003 der Posten des Museumsleiters in Gleiwitz angeboten wurde, ergriff er die Chance, zu Hause wirken zu dürfen. Doch bald schon eckte er durch seine offene Affinität zum deutschen Kulturerbe an. Verbiegen wollte sich Jodlinski nicht, und so wurde er gleich mehrmals, wie er sich ausdrückt, „arbeitslos“. In seiner erzwungenen Arbeitslosigkeit blieb er jedoch nicht untätig, sondern gründete einen Verlag und gab Bücher heraus. Darunter auch die Tagebücher des Geistlichen Franz Pawlar. „Pawlar war Kaplan im Palast der Ballerstrems in Plawniowitz [Plawniowice] und so wie Norman Davies über den Breslauer Mikrokosmos schrieb, entdeck-te ich bei Pawlar etwas Adäquates“, so Jodlinski, der durch die Herausgabe der Tagebücher einen großen Beitrag zur Erinnerung an die sogenannte Oberschlesische Tragödie von 1945 leistete.

An seiner letzten Wirkungsstätte, dem Oberschlesischen Museum zu Beuthen, gründete Jodlinski einen Sammlerklub. Dort konnten Besitzer von Erinnerungsstücken über ihre Exponate erzählen. „Naturgemäß zählt der Großteil von ihnen zu Deutschen Volksgruppe. Ich habe den Klub deshalb gegründet, damit dieser Teil der Bevölkerung eine Stimme bekommt – ganz gleich ob als Einzelperson oder als Verband“, so der frisch entlassene Museumsleiter.

Mein Zuhause, meine Heimat, mein Arbeitsplatz – ist sein Wahlspruch. „Um sich zu Hause wohlzufühlen, muss man die Möglichkeit haben, seine Emotionen frei zu äußern – und das eben auch in seiner Muttersprache. Das ist bei uns immer noch nicht selbstverständlich“, so der Kulturmanager und Politologe Jodlinski, der für das Recht auf die eigene Erinnerungskultur stehen möchte: „Wenn es in unserer Region historische Erinnerungsstücke gibt, die mit deutscher Kultur zu tun haben, dürfen diese nicht nur nicht vernichtet werden, sondern sie dürfen auch nicht als wenig wichtig betrachtet werden. Denn auch dies ist wichtig, damit man sich zu Hause wohlfühlt. Darin sehe ich meine Mission. Was ich als Recht zur Erinnerung bezeichne, ist für mich als Museumsarbeiter deshalb so wichtig, weil der Jetztzustand eben nicht nur nicht zufriedenstellend ist, sondern es kommt dabei immer noch zu Diskriminierungen der deutschen Volksgruppe“. Viel zu oft, so Jodlinski, werden die Deutschen bei öffentlichen Diskursen oder Staatsfeierlichkeiten, wie neulich bei der Feier zum 100. Jubiläum der Aufstände, ausgegrenzt.