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15.11.19 / Wie die Inflation kleingerechnet wird / Einige Kommentatoren werfen Ex-EZB-Chef Mario Draghi sogar zu wenig Preistreiberei vor

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-19 vom 15. November 2019

Wie die Inflation kleingerechnet wird
Einige Kommentatoren werfen Ex-EZB-Chef Mario Draghi sogar zu wenig Preistreiberei vor
Norman Hanert

Fast mit Regelmäßigkeit melden Eurostat und die nationalen Statistikbehörden seit einigen Jahren einen lediglich schwachen Anstieg der Verbraucherpreise in der Eurozone. Für den vergangenen Oktober teilte etwa das Statistische Bundesamt in einer ersten Schätzung mit, dass die Inflationsrate hierzulande 1,1 Prozent betragen habe. Solche Teuerungsraten waren für einige Kommentatoren sogar Anlass, dem bisherigen Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, zum Ende seiner Amtszeit Versagen vorzuwerfen, er habe es in den acht Jahren an der Spitze der Zentralbank nicht geschafft, für mehr Inflation zu sorgen. In der Tat strebt die EZB erklärtermaßen keine Preisstabilität, sondern eine jährliche Steigerung der Verbraucherpreise von „unter, aber nahe zwei Prozent“ an. 

Im Kontrast zur Sichtweise, Draghi hätte nicht genug Inflation in Gang gesetzt, steht der Eindruck von Verbrauchern, dass die Lebenshaltungskosten hierzulande deutlich gestiegen seien. Zur Erklärung dieser Diskrepanz greifen Ökonomen auf den Begriff der „gefühlten Inflation“ zurück. Konsumenten nähmen Verteuerungen bei Alltagsprodukten stärker wahr als gefallene Preise bei langlebigen Konsumgütern, so die Theorie. 

Schwerlich als Wahrnehmungsproblem gedeutet werden kann allerdings, wenn ein beachtlicher Teil der Haushalte zum Monatsende kaum noch finanziellen Spielraum hat. In einer repräsentativen Umfrage haben die Versicherung Swiss Life und das Umfrageinstitut Yougov ermittelt, dass hierzulande 28 Prozent der Befragten nach Abzug der Lebenshaltungskosten zum Monatsende maximal noch 50 Euro in der Haushaltskasse haben. 

Im erst kürzlich veröffentlichten Umfrageergebnis spiegeln sich gleich mehrere langfristige Fehlentwicklungen wider. Die Deutschen müssen unter den Mitgliedern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung nach den Belgiern die zweithöchste Belastung an Steuern und Abgaben schultern, neben Dänemark aber auch die höchsten Stromkosten in Europa. Zudem hat Deutschland auch noch den größten Niedriglohnsektor Europas. Im internationalen Vergleich haben die Deutschen obendrein auch nur wenig Wohneigentum, sie sind ein „Volk der Mieter“. Die daraus resultierenden finanziellen Belastungen sind keineswegs nur „gefühlt“, sie sind in der Haushaltskasse vieler Deutscher eine Realität. 

Entsprechend wichtig wäre es, dass die offiziell ermittelten Inflationsraten auch die Realität der Preisentwicklung widerspiegeln. In den vergangenen Jahren hat es jedoch immer wieder Vorstöße gegeben, Inflation zu relativieren. Als Deutschland Inflationszahlen von über zwei Prozent meldete, wurde zur Verteidigung angeführt, die EZB müsse bei der Geldpolitik die ganze Eurozone im Blick behalten. Zwischenzeitlich gestiegene Energiepreise führten zur verstärkten Argumentation mit einer sogenannten Kerninflation, die weder Energie- noch Lebensmittelkosten umfasst. Auch der „Warenkorb“ zur Ermittlung der Inflationsrate bietet reichlich Stellschrauben, um die Preisentwicklung statistisch schwächer erscheinen zu lassen.

(siehe auch Seite 7)