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15.11.19 / Stille Meisterschaft / Vincent van Gogh als Maler von Stillleben und Porträts – Ausstellungen im Potsdamer Museum Barberini und Frankfurter Städel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-19 vom 15. November 2019

Stille Meisterschaft
Vincent van Gogh als Maler von Stillleben und Porträts – Ausstellungen im Potsdamer Museum Barberini und Frankfurter Städel
Silvia Friedrich

Die „Sonnenblumen“ sucht man vergeblich. Vincent van Goghs be­deutendstes Stillleben, das eigentlich aus einer Serie verschiedener Sonnenblumengemälde besteht, fehlt in der Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini. 

Die „Mona Lisa der Moderne“ wird nicht mehr verliehen. Doch den Besucher, der den prächtigen Bau des Museums am Alten Markt in Potsdam betritt, erwartet mit der neuen Ausstellung „Van Gogh. Stillleben“ ein ungeahnter Kunstgenuss. Kaum zu glauben, dass van Goghs Stillleben noch nie gesondert Beachtung fanden. Doch genau diesen Aspekt des Œuvres eines der berühmtesten Maler aller Zeiten zu beleuchten, war seit Jahren eine Idee des Chefkurators Michael Phillip.

Schon als dieser noch beim Hamburger Kunstforum tätig war, ging ihm das Vorhaben, van Goghs künstlerische Entwicklung anhand seiner Stillleben zu be­trachten, nicht mehr aus dem Kopf. Zusammen mit der Barberini-Direktorin Ortrud Westheider verwirklichte er nun nach jahrelangem Klinkenputzen diesen Traum. „Wir brauchten viele Fürsprecher für ein solches Projekt“, sagt Westheider, „aber dass es noch nie eine solche Ausstellung gegeben hat, hat dann doch viele Leihgeber überzeugt.“ 

Van Gogh schuf in seiner kurzen künstlerischen Laufbahn etwa 800 Gemälde, davon 172 Stillleben. 27 sind im Barberini zu sehen. Darunter finden sich zwölf Leihgaben aus dem Kröller-Müller-Museum im niederländischen Otterlo. Das Haus besitzt die zweitgrößte Sammlung der Welt nach dem in Amsterdam beheimateten Van-Gogh-Museum. 

Wer in der Schau nach Wahnsinn und Genie sucht, sollte das lieber gleich wieder vergessen, meint Philipp. Es gehe allein um einen Künstler, der zehn Jahre lang Bilder malte und in diesen Jahren eine phänomenale Ent­wick­lung durchgemacht habe.

Der Bedeutung des Künstlers entsprechend, der als Wegbereiter der Kunst des 20. Jahrhunderts gilt, wird man am Eingang von Riesenlettern empfangen: „Stillleben sind der Anfang von Allem“, soll er einst gesagt haben. Gleich zu Beginn ist ein Foto des Bruders Theo van Gogh, des wichtigsten Menschen im Leben des Malers, zu sehen. Ihm schrieb er unzählige Briefe, in denen man, wie sonst kaum, in die Künstlerseele blicken kann. Während des Begleitprogramms zur Ausstellung wird der Schauspieler Ulrich Mathes am 20. No­vember im Auditorium des Mu­seums aus diesen Briefen lesen.

Van Gogh, der 1853 in Groot-Zundert in Nordbrabant als Sohn eines Pfarrers geboren wurde, versuchte sich wenig erfolgreich in vielen Professionen. Zur Malerei kam er erst mit 27 Jahren, als er sich bei seinem angeheirateten Cousin Anton Mauve, einem Maler der Haager Schule, in Den Haag ersten Unterricht in der Ölmalerei geben ließ. Mauve setzte ihn sogleich vor eine Ansammlung von Alltagsgegenständen. 

So entstand 1881 „Stillleben mit Kohl und Klompen“. Dunkle Erdtöne in Braun wirken behäbig und schwer, und die Malweise ist noch der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, des „Goldenen Zeitalters“, verhaftet. „Van Gogh wusste zu dem Zeitpunkt nichts von zeitgenössischer Malerei“, so Philipp. Persönlich motivierte Stillleben folgten, wie die „Vogelnester“, die vom Maler als „Menschennester“ bezeichnet wurden.

Chronologisch geht es durch des Künstlers Heranbildung von den Anfängen bis zu den farbstarken Blumenbildern der späteren Jahre. Fast alles hat er sich autodidaktisch beigebracht, woraus sich ein gänzlich neuer Stil entwickelt hat. Nach den Niederlanden begab er sich nach Paris, wo sein bisher erlerntes Können, die tonale realistische Malerei, als bereits überholt galt. Hier setzte er sich mit dem Impressionismus auseinander, die Bilder wurden heller. Pinselduktus und Farbgebung passten sich der französischen Avantgarde an.

Erstmals überhaupt ausgestellt ist auch das Gemälde „Vase mit Mohnblumen“ aus dem Wadsworth Atheneum in Hartford, USA, das nach jahrelangem Verharren im Depot nun nach wissenschaftlicher Untersuchung und nur wenige Monate vor Be­ginn der jetzigen Ausstellung zweifellos als ein Werk des Meisters identifiziert wurde.

In Paris machte van Gogh die Bekanntschaft mit Paul Signac, dem Vertreter des Pointilismus schlechthin. Es entstand das Stillleben „Restaurant-Interieur“, dessen pointilistische Malweise ihn mehr und mehr zu seinem eigenen Stil führte. Das Bild „Trauben, Zitronen, Birnen und Äpfel“ von 1887 zeigt quasi den Durchbruch. Sein charakteristischer Strichelstrich umgibt das Obst wie Eisenspäne, die wie von einem Magneten angezogen werden. 

Begeistert steht der Besucher dann im letzten Saal vor dem Bild der „Blühenden Kastanienzweige“, sein expressivstes Stillleben und kurz vor seinem Tode entstanden. Ab Februar 1888 lebte van Gogh in Arles, wo er mit Paul Gauguin eine Künstlerkolonie gründen wollte. Es kam jedoch zum Zerwürfnis. Ab 1889 wurde der Maler wegen seines Nervenleides wiederholt in Hospitälern behandelt. 1890 starb er an den Folgen eines Selbstmordversuchs.

Mit der zeitgleichen Ausstellung im Städel-Museum in Frankfurt am Main „Making van Gogh. Geschichte einer deutschen Lie­be“ (siehe Artikel rechts) sind mit insgesamt 70 Werken in beiden Schauen so viele Bilder des Künstlers in Deutschland zu sehen wie seit 1914 in der Retrospektive der Berliner Galerie Paul Cassirer nicht mehr.

Zeit seines Lebens wurde van Gogh von seinem Bruder Theo auch finanziell unterstützt. Dass der Künstler aber nur eines seiner Bilder jemals verkaufte, ist schon lange widerlegt. Es gab Verkäufe, wenn auch nicht viele. So schrieb der Künstler in einem seiner auch literarisch wertvollen Briefe: „Manch einer hat ein großes Feuer in der Seele und niemand kommt, um sich daran zu wärmen.“

„Van Gogh. Stillleben“ läuft bis 2. Februar im Museum Barberini, Alter Markt Potsdam. Internet: www.museum-barberini.com





Früher als irgendwo sonst auf der Welt fand das Schaffen Vincent van Goghs in Deutschland bei Künstlern, Privatsammlern und Museumsdirektoren große Be­achtung. Schon seit 1908 hängt im Frankfurter Städel-Museum van Goghs Gemälde „Bauernhäuser in Nuenen“ (1885). Damit kann es sich rühmen, als hierzulande erste öffentliche Sammlung ein Werk des Künstlers erworben zu haben. Nun stellt das Städel in der Ausstellung „Making van Gogh“ 50 Gemälden und Grafiken des Niederländers 70 Bildern deutscher Maler gegenüber, die sich bei ihm Anregungen holten.

Besonders beliebt sind van Goghs Selbstporträts. Die Ausstellung zeigt zwei, die er 1887 schuf. Auf der Leihgabe des Art Institute of Chicago setzte van Gogh sein Gesicht aus einem Geflecht feiner Pinselstriche zusammen, während die Jacke und der Hintergrund aus kleinen Farbpunkten bestehen. Auf dem aus dem Kunstmuseum Den Haag angereisten Selbstporträt hingegen sind Gesicht und Hintergrund „altmeisterlich“ glatt vermalt. Und überhaupt pflegte van Gogh einen äußerst variantenreichen malerischen Vortrag, wie der Rundgang erweist. Im Gemälde „Häuser in Avers“ (1890) hat er gar jedes Bildelement mit einer anderen Pinselschrift dargestellt. Eigentlich nicht gerade spektakuläre ländliche Motive wie die „Ernte in der Provence“ (1888) erlangen durch Pinselarbeit und Farbwahl ungemeine Ausdruckskraft.

Die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der Pinselschrift, die Wirkmacht der Farben und die Motivwelt van Goghs boten insbesondere den Expressionisten mannigfaltige Anregungen. Max Pechstein bekannte: „Van Gogh war uns allen ein Vater.“

Aber die Bildergebnisse fallen ganz unterschiedlich aus. Erich Heckels vielfarbig schillernder „Spätnachmittag (Dangast)“ (1907) löst das ländliche Motiv in pastose breite Pinselzüge auf. Karl Schmidt-Rottluffs „Roter Turm im Park“ (1910) hingegen wartet mit dünnflüssigen Zick­zacklinien in schrillem Rot, Grün und Blau auf.

In van Goghs „Weiden bei Sonnenuntergang“ (1888) recken sich Gräser und Geäst dem goldgelben Himmel entgegen. Quer gegenüber hängt der von Otto Dix gemalte „Sonnenaufgang“ (1913), der sich über einem winterlichen Acker mit Krähen ereignet. Er wirkt wie ein Weltuntergang mit explodierender Sonne. So etwas hätte van Gogh nie gemalt – und doch ist ohne ihn das Bild von Dix nicht denkbar. Die Kuratoren verallgemeinern das: „Ohne den Einfluss van Goghs wäre die deutsche Kunstgeschichte der Moderne in ihrer Entwicklung, wie wir sie kennen, überhaupt nicht vorstellbar.“Veit-Mario Thiede

Bis 16. Februar im Städel- Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main, geöffnet Dienstag, Mittwoch, Sonnabend und Sonntag von 10 bis 19 Uhr, Donnerstag und Freitag bis 21 Uhr. www.staedelmuseum.de