14.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
06.12.19 / Tschetschenienkriege / „Willkommen in der Hölle!“ / Vor 25 Jahren marschierten russische Soldaten in die abtrünnige Teilrepublik Tschetschenien ein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-19 vom 06. Dezember 2019

Tschetschenienkriege
„Willkommen in der Hölle!“
Vor 25 Jahren marschierten russische Soldaten in die abtrünnige Teilrepublik Tschetschenien ein
Dirk Pelster

Vor 25 Jahren, am 11. Dezember 1994, begann der Erste Tschetschenienkrieg. Die russischen Streitkräfte überquerten mit rund 40 000 Soldaten die Grenze zum abtrünnigen Tschetschenien und stießen mit drei Angriffskeilen auf deren Hauptstadt Grosny vor. Mit diesem Schritt eskalierte ein Konflikt, der bereits mehrere Jahre schwelte und dessen Ursachen tief in die Geschichte zurückreichen.

Schon unter Iwan dem Schrecklichen hatten die Russen erste militärische Expeditionen in der abgelegenen und von Stämmen beherrschten Kaukasusregion durchgeführt. Die Auseinandersetzung mit Moskau begünstigte die rasche Verbreitung des sunnitischen Islam unter den Tschetschenen, da er im Gegensatz zum christlich-orthodoxen Zarenreich stand. Erst 1864 gelang es den Russen, Tschetschenien vollständig unter ihre Herrschaft zu zwingen. Doch auch danach kam es immer wieder zu Aufständen der dortigen Bevölkerung. 

Im Zweiten Weltkrieg kooperierten einzelne Gruppen des tschetschenischen Widerstandes mit den Deutschen, doch die Wehrmacht wurde durch die Sowjets frühzeitig von ihrem Zugang zu dem Land abgeschnitten und der Nachschub für die geplante zweite Front blieb aus. Fast eine halbe Million Tschetschenen wurden als Strafe für diese Zusammenarbeit von den kommunistischen Machthabern nach Kasachstan deportiert. Erst nach Josef Stalins Tod durften sie in ihre Heimat zurückkehren.

Als sich zu Beginn der 90er Jahre die nationalen Spannungen innerhalb der Sowjetunion verschärften, lebten die Unabhängigkeitsbestrebungen in Tschetschenien wieder auf. Am 1. November 1991 erklärte der damalige Präsident, Dschochar Dudajew, die Unabhängigkeit Tschetscheniens. Die Russische Föderation, zu der die kaukasische Teilrepublik gehörte, betrachtete die abtrünnige Provinz weiterhin als integralen Bestandteil ihres Staatsgebietes. Doch in Moskau unternahm man zunächst weiter nichts gegen die Separatisten. Erst im November 1994 stellte der Kreml erfolglos ein Ultimatum, in dem die Separatisten aufgefordert wurden, sich wieder unter seine Kontrolle zu stellen. 

Die dem Ablauf des Ultimatums folgende Intervention war von Anfang an umstritten. Die kritischen Stimmen fanden in Moskau jedoch kaum Gehör. Hier ging man von einem schnellen Sieg aus. Doch die Bodenoffensive geriet rasch ins Stocken. Die russischen Einheiten waren demoralisiert und schlecht ausgerüstet. Der Widerstand der Separatisten erwies sich als stärker als zunächst angenommen. Die Tschetschenen konzentrierten sich vor allem darauf, die Hauptstadt Grosny zu verteidigen. Diese wurde von den russischen Streitkräften eingekesselt und massiv bombardiert. Zum Jahreswechsel 1994/1995 drangen die Russen in die Stadt ein. Entsprechend den bei der Niederschlagung der antisowjetischen Aufstände in der DDR, in Ungarn und in Prag gemachten Erfahrungen war es die Absicht der russischen Generalität, auch die tschetschenischen Rebellen mit Kampfpanzern zu bezwingen. 

Was dann folgte, war ein Lehrstück, das noch heute zum Unterrichtsstoff in den Militärakademien der Welt gehört. Die tschetschenischen Freischärler schalteten sich auf die Funkfrequenz der eindringenden Russen und setzten ihre kurze Botschaft ab: „Willkommen in der Hölle!“ Danach brach ein Inferno aus, und ein Großteil der russischen Panzer wurde mit Abwehrraketen aus den Ruinen von Grosny heraus zerstört und ihre Besatzungen wurden getötet. Das Fehlen jeglicher russischer Infanterieunterstützung hatte den Einsatz dieser mächtigen Großwaffen völlig ins Leere laufen lassen. Am ersten Tag des versuchten Sturms auf Grosny fielen über 1000 russische Soldaten. Es dauerte noch zwei weitere blutige Monate bis die Russen die Stadt erobern konnten. 

Danach verlagerten sie ihre militärischen Operationen in andere Landesteile. Die Tschetschenen führten diesen Kampf überwiegend als Guerillakrieg. Zunehmend schlossen sich ihnen ausländische Dschihadisten an. Der ursprünglich nationale Konflikt gewann somit zusätzlich eine religiöse Dimension.

Im April 1996 wurde der tschetschenische Präsident Dudajew durch eine russische Rakete getötet. Ihm folgte nach einer Übergangszeit Aslan Maschadow, dem es nicht mehr gelang, sich in vergleichbarem Maße gegen den steigenden Einfluss radikaler Moslems auf die Unabhängigkeitsbewegung durchzusetzen. 

Im August 1996 eroberten die Rebellen mit nur rund 1500 Kämpfern große Teile Grosnys von einer 12 000 Mann starken russischen Garnison zurück. Die steigende Kriegsmüdigkeit auf russischer Seite und der ausbleibende Erfolg führten noch im selben Monat zu einem ersten Waffenstillstandsabkommen. Dem folgte im Mai 1997 nach dem Abzug der russischen Armee ein offizieller Friedensvertrag. Dieser enthielt jedoch keine endgültige Regelung des Status von Tschetschenien gegenüber Russland. 

Die Kaukasusrepublik geriet nach dem Friedensschluss immer mehr zum Tummelplatz ausländischer Dschihadisten, ohne dass die Regierung Maschadow dem wirksam hätte begegnen können. Im August 1999 drangen radikal-islamische Kämpfer von Tschetschenien aus in die russische Teilrepublik Dagestan ein, um ihren Glaubenskrieg in die überwiegend von Muslimen bewohnte Region hineinzutragen. 

Russland sah sich erneut zu einer Militärintervention genötigt, dem Zweiten Tschetschenienkrieg. Die wichtigsten Rebellenführer wurden getötet. Darunter auch Maschadow. Als Statthalter Moskaus wurde in einer zweifelhaften Wahl 2003 Achmat Kadyrow installiert. Nachdem dieser bei einem Sprengstoffanschlag der Separatisten 2004 ums Leben gekommen war, wurde sein Sohn Ramsan zum Präsidenten ernannt, welcher der russischen Teilrepublik bis heute vorsteht. 

Der 43-Jährige regiert autokratisch und hat sich durch eine ausnehmende Vetternwirtschaft die wichtigsten Clans seiner Heimat dienstbar gemacht. Von Moskau wird er nach wie vor gedeckt, weil er den Einfluss des wahabitischen Islams rigoros zurückgedrängt hat und bislang keine Zweifel an seiner Loyalität hat aufkommen lassen. Dennoch wird er für den Kreml zunehmend zu einem politischen Risiko. Er agiert eigenmächtig und kompromittiert durch die Wahl seiner Mittel die russische Staatsführung auf dem internationalen Parkett. So wird etwa angenommen, dass der im August dieses Jahres im Berliner Tiergarten am helllichten Tag an einem radikalen Moslem begangene Mord von Kadyrow in Auftrag gegeben wurde, weil der Getötete einem Netzwerk tschetschenischer Separatisten angehört haben soll.