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06.12.19 / Curzon-Linie / Die Westmächte schlugen Polens Ostgrenze vor / Die nach dem damaligen britischen Außenminister George Curzon benannte Linie orientierte sich an der Sprach- und Volkstumsgrenze

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-19 vom 06. Dezember 2019

Curzon-Linie
Die Westmächte schlugen Polens Ostgrenze vor
Die nach dem damaligen britischen Außenminister George Curzon benannte Linie orientierte sich an der Sprach- und Volkstumsgrenze
Wolfgang Kaufmann

Polens heutige Ostgrenze entspricht weitgehend der sogenannten Curzon-Linie, die sich wiederum an der Sprachgrenze orientierte. Vor 100 Jahren wurde diese nach dem damaligen britischen Außenminister George Curzon benannte Linie seitens der Siegermächte des Ersten Weltkriegs als polnisch-sowjetische Demarkationslinie vorgeschlagen.

Im am 28. Juni 1919 unterzeichneten Versailler Diktat war über weite Strecken detailliert geregelt, wie der Grenzverlauf zwischen dem Deutschen Reich und der mithilfe der Siegermächte des Ersten Weltkriegs neu entstandenen Zweiten Polnischen Republik aussehen sollte. Dahingegen blieb der Verlauf der polnischen Ostgrenze zunächst noch völlig offen. Hierzu hieß es im Artikel 87: „Soweit die Grenzen Polens in dem gegenwärtigen Vertrag nicht näher festgelegt sind, werden sie von den alliierten und assoziierten Hauptmächten später bestimmt.“ In Vorbereitung dessen betrauten die Siegermächte eine Kommission damit, einen Vorschlag zur Festlegung der fraglichen Grenzlinie unter Berücksichtigung des Prinzips des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu erarbeiten. Dieser sah folgerichtig vor, dass die polnische Ostgrenze dort verlaufen solle, wo die polnische Volkstums- und Sprachgrenze lag. Allerdings ignorierte Warschau diesen Lösungsansatz komplett.

Der Grund hierfür waren die polnischen Großmachtambitionen. Dem Führer des neuen polnischen Staates und Oberkommandierenden von dessen Streitkräften, Józef Pilsudski, und seinen Parteigängern schwebte die Wiederherstellung des Zustandes vor der ersten der sogenannten polnischen Teilungen vor. Das implizierte eine sehr viel weiter im Osten liegende Grenze. 

Deshalb hatte Polen im Februar 1919 auch einen Krieg gegen Sowjetrussland vom Zaun gebrochen, in dessen Verlauf die polnischen Truppen immer wieder in Gebiete vorstießen, in denen vorwiegend Weißrussen, Ukrainer und Litauer, aber nur wenige Polen lebten. Während der Kampfhandlungen legte der Oberste Rat der an der Pariser Friedenskonferenz teilnehmenden alliierten und assoziierten Hauptmächte am 8. Dezember 1919 eine Karte samt dazugehöriger Erläuterungen vor, welche die mögliche Demarkationslinie zwischen Polen und Sowjetrussland entlang der ethnisch-sprachlichen Grenze zeigte – ergänzt um die Bemerkung, dass Polen das Recht habe, „eine regelmäßige Verwaltung der Gebiete des ehemaligen russischen Reiches westlich der nachstehend beschriebenen Linie zu organisieren“. Letztere verlief von der Südostecke Ostpreußens nach Grodno und von dort bis zum Bug, dann diesen Fluss entlang über Brest-Litowsk nach Sokal, wo früher die Grenze zwischen den Reichen der Zaren und der Habsburger gelegen hatte. Zum weiteren Grenzverlauf in Galizien wurde hingegen noch nichts gesagt.

Da Pilsudski jedoch ein deutlich größeres Polen wollte, lehnte er den Vorschlag vom 8. Dezember 1919 ab und setzte seine Offensiven im Osten fort. Dann freilich wendete sich das Kriegsglück. Im Sommer 1920 vertrieb die Rote Armee die polnischen Invasoren aus der Ukraine und startete einen massiven Gegenangriff, der sie bis auf 100 Kilometer an Warschau heranführte. In dieser Situation bat der polnische Premierminister Wladyslaw Grabski die Alliierten eiligst um Vermittlung. Führende alliierte Politiker nahmen gerade mit Grabski auf einer Konferenz im belgischen Kurort Spa teil, in deren Verlauf die Höhe der deutschen Reparationen festgelegt werden sollte.

Zu den Teilnehmern der Konferenz gehörte auch der britische Außenminister George Curzon. Dieser konservative Politiker hatte bereits als Vizekönig von Indien, Lordsiegelbewahrer sowie Lord President of the Council fungiert und genoss auf diplomatischem Parkett höchstes Ansehen. Deshalb ließ man ihn wohl auch das Telegramm an die bolschewistische Regierung unterzeichnen, mit dem die Alliierten am 11. Juli 1920 die bereits am 8. Dezember 1919 vorgeschlagene Demarkationslinie nochmals als Waffenstillstandslinie und möglicherweise auch spätere polnisch-sowjetrussische Grenze durchzusetzen versuchten. Dabei wurde die ursprüngliche Regelung noch etwas modifiziert. Nun gab es auch klare Aussagen hinsichtlich des möglichen Grenzverlaufes im Süden bis hin zu den Bieszczady, einem Gebirgszug der Karpaten, mit den Varianten A und B, deren letztere die Region um Lemberg Polen zuschlug. Für diese nun anvisierte Grenzziehung bürgerte sich nachfolgend die Bezeichnung „Curzon-Linie“ ein. 

Weil der Kreml den Vermittlungsversuch am 17. Juli 1920 zurückwies und es den Polen mit französischer Unterstützung im Monat darauf gelang, das sogenannte Wunder an der Weichsel herbeizuführen und anschließend erneut weit nach Osten vorzustoßen, wurde die Curzon-Linie ­– zumindest vorerst ­– weder zu einer Waffenstillstandslinie noch gar zu einer Staatsgrenze. Vielmehr musste das militärisch geschwächte Sowjetrussland am 18. März 1921 den Friedensvertrag von Riga unterzeichnen, der eine bis zu 250 Kilometer östlich der Curzon-Linie liegende Grenze vorsah. 

Dadurch kamen nun Gebiete zu Polen, in denen die ethnischen Polen lediglich zehn Prozent der Bevölkerung ausmachten. Deswegen ist es unzutreffend, diese Kriegsbeute als „Ostpolen“ zu bezeichnen. Aber genau das geriet zum Ende des Zweiten Weltkrieges zur gängigen Praxis, als eine Abtrennung der deutschen Ostgebiete zugunsten der späteren Volksrepublik Polen damit zu rechtfertigen versucht wurde, dass das Land ja für seine vorgeblichen Gebietsverluste an die UdSSR „Kompensationen“ erhalten müsse.

Lange konnte Polen sich nach dem gewonnenen polnisch-sowjetischen Krieg seiner Beute nicht erfreuen. Da Moskau keinerlei Bereitschaft zeigte, die von Pilsudski aufgezwungene Grenze auf Dauer zu akzeptieren, nutzte es gleich die erstbeste Gelegenheit, sämtliche durch den faktischen Diktatfrieden von Riga verlorenen Territorien zurückzugewinnen. Die Gelegenheit hierzu boten der Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages vom 23. August 1939 und der anschließende deutsch-polnische Krieg. Durch den so problemlos möglich gewordenen sowjetischen Einmarsch in die im polnisch-sowjetischen Krieg verlorenen Gebiete kam das östlich der Curzon-Linie liegende Territorium wieder zu den Sowjets. Hieran änderte auch die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg nichts. Bis heute bildet die Curzon-Linie in der Variante A im Wesentlichen die Ostgrenze Polens.


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