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28.02.20 / Erneuerung einer alten Dame / In Berlin läuft die Berlinale zum 70. Mal – Unter neuer Leitung werden dabei alte Zöpfe abgeschnitten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09 vom 28. Februar 2020

Erneuerung einer alten Dame
In Berlin läuft die Berlinale zum 70. Mal – Unter neuer Leitung werden dabei alte Zöpfe abgeschnitten
Andreas Guballa

Als Dame reiferen Alters hat sich die Berlinale erstaunlich gut gehalten. Wenn am Sonntag zum 70. Mal die Goldenen und Silbernen Bären vergeben werden, liegt wieder so viel Spannung in der Luft wie bei der Premiere. Als am 6. Juni 1951 die erste Berlinale begann, lag Berlin noch in Trümmern. Die US-Alliierten hoben das Filmfestival aus der Taufe. Der freie Westen sollte sich gegenüber dem Ostblock glamourös präsentieren. 

Heute zählt die Berlinale neben Cannes und Venedig zu den größten regelmäßig stattfindenden europäischen Kulturveranstaltungen. Nahezu 20 000 Fachbesucher aus 124 Ländern, darunter etwa 4000 Journalisten, akkreditieren sich jedes Jahr für die Filmfestspiele. Mit über 300 000 verkauften Eintrittskarten ist die Berlinale nicht nur Branchentreff, sondern auch das weltweit größte Publikumsfestival.

Wenn am Sonntag der letzte Vorhang fällt, werden 340 Filme über die Leinwand geflimmert sein, davon 18, die um die Goldenen und Silbernen Bären konkurrieren. Zwei Werke sind von deutschen Regisseuren: „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Quarbani, der Alfred Döblins Klassiker ins heutige Berlin versetzt hat und einen afrikanischen Asylsucher in die Haut von Franz Biberkopf schlüpfen lässt, sowie „Undine“ von Christian Petzold, eine zeitgemäße Adaption des romantischen Mythos von der Wassernixe. 

Natürlich waren alle gespannt, wie sich das neue Führungsduo, der Italiener Carlo Chatrian und die Niederländerin Mariette Rissenbeek, macht, das den langjährigen Intendanten Dieter Kosslick nach Kritik vieler Filmschaffender abgelöst hat. Das Jubiläumsfestival werde kein Spaß, hatte Chatrian vorausgesagt. Dass die Filme des Wettbewerbs ein düsteres Bild von der Welt zeichnen, sei indes nicht so sehr seiner kuratorischen Absichts geschuldet, sondern der Wirklichkeit. Denn Kino, und damit auch das Filmfestival, sei immer ein Spiegel der Zeiten.

Immerhin waren die neuen Chefs klug genug, ihren Neustart nicht als revolutionären Kraftakt zu gestalten – wissend, dass im ersten Jahrgang nicht alles umgestürzt werden kann und soll. Sie setzten klare Zeichen mit der Abschaffung des Kulinarischen Kinos und der NATIVe-Filmreihe. Dadurch liefen etwa 60 Filme weniger im Programm. Andererseits gab es mit dem neuen Wettbewerb „Encounters“ Zuwachs, das für ästhetisch und formal innovative Produktionen ins Leben gerufen wurde und mit 15 Filmen vertreten war. Darunter Werke von Altmeistern wie Alexander Kluge („Orphea“) und von Debütanten wie der Potsdamer Regisseurin Melanie Waelde („Nackte Tiere“). Zu befürchten ist, dass diese Sektion dem Forum, das in diesem Jahr immerhin sein 50. Jubiläum feiert, möglicherweise das Wasser abgräbt. 

Für Kritik hatte vor der Eröffnung die Ernennung von Jeremy Irons zum Jury-Präsidenten gesorgt. Der britische Schauspieler und Oscar-Preisträger war wegen früherer Aussagen zu Abtreibungen, der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und sexueller Belästigung von Frauen in die Kritik geraten. Mit einer persönlichen Erklärung bedauerte der 71-Jährige seine früheren Äußerungen und bekräftigte, „dass sie weder seine Denkweise noch seine Haltung repräsentieren“. 

Das Jubiläum ist auch ein Anlass für einen Blick zurück auf die Geschichte des Festivals selbst. Dass diese Erinnerung ganz anders ausfiel, als man sich das vorgestellt hatte, ist den Recherchen geschuldet, die Gründungsvater Alfred Bauer in zentraler Position mit der Filmpolitik des NS-Staates sehen. Wer Bauer war und wofür er verantwortlich war, will die Berlinale nun vom Münchner Institut für Zeitgeschichte erforschen lassen. Die Filmfestspiele werden sich dann eine andere Sicht auf ihre einst so lupenreine Geschichte als Schaufenster der freien, westlichen Welt gefallen lassen müssen. Geschichtliche Säuberungsaktionen sind ja in Mode gekommen. Die Berlinale, die sich immer gern dem Zeitgeist verpflichtet sah, wird auch das unbeschadet überstehen.