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28.02.20 / Wilhelm Conrad Röntgen / Der „spukhafte“ Blick in das geheime Innere des Körpers / Eine medizinische Revolution: Die X-Strahlen machten das Unsichtbare wie durch ein Fenster sichtbar

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09 vom 28. Februar 2020

Wilhelm Conrad Röntgen
Der „spukhafte“ Blick in das geheime Innere des Körpers
Eine medizinische Revolution: Die X-Strahlen machten das Unsichtbare wie durch ein Fenster sichtbar
Klaus J. Groth

Die Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen bedeutete eine Revolution in der medizinischen Diagnostik. Ärzte konnten nun wie durch ein Fenster in den Körper ihrer Patienten schauen. Röntgen wurde vor 175 Jahren, am 27. März 1845, geboren. Er erhielt den ersten Nobelpreis für Physik.

„Das Deckenlicht erlosch, nur das Rubinlicht noch erhellte die Szene … Der Fußboden bebte gleichmäßig … Irgendwo knisterte ein Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms hervor. ‚Sehen Sie, Jüngling?‘ fragte der Hofrat. Hans Castorp sah seine Hand auf dem Röntgenbild. Er sah das kleinlich gedrechselte Skelett seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring, vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte … Der Hofrat sagte: ‚Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit ist nicht zu verkennen.‘“

Thomas Mann hat in seinem Roman „Der Zauberberg“ ein Ereignis literarisch verarbeitet, das wie kein zweites die Menschen um die Wende zum 20. Jahrhundert faszinierte. Das Bild einer „Geisterhand“ mit scheinbar schwebendem Ring am Finger ging Anfang 1896 um die Welt. Es war die Hand von Röntgens Frau Bertha. Das Foto bebilderte seine Veröffentlichung mit dem schlichten Titel „Ueber eine neue Art von Strahlen“. Bertha Röntgen sagte später, sie habe bei der Aufnahme das Gefühl gehabt „in ihr Grab zu sehen“. 

„Der Teufel ist bei mir los.“

Das enorme Echo auf die Entdeckung, bei dem auch der Grusel-Effekt eine Rolle spielte, war dem bescheidenen und introvertierten Wissenschaftler unangenehm. Er habe den „Rummel“ um seine Person kommen sehen, schrieb er einem Freund. „Der Teufel ist bei mir los.“ Er habe von seiner Arbeit niemandem etwas erzählt und seiner Frau nur mitgeteilt, dass er etwas mache, von dem die Leute sagen würden, „der Röntgen ist wohl verrückt geworden“. Am 23. Januar 1896 stellte er die X­-Strahlen im vollbesetzten Saal der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft in Würzburg Wissenschaftlern und Personen von Rang vor. „Ich arbeitete mit einer Hittorf-Crookesschen Röhre, welche ganz in schwarzes Papier eingehüllt war. Ein Stück Bariumplatinzyanüdpapier lag daneben auf dem Tisch. Ich schickte einen Strom durch die Röhre und bemerkte quer über das Papier eine eigentümliche schwarze Linie! … Bald war jeder Zweifel ausgeschlossen. Es kamen ‚Strahlen‘ von der Röhre, welche eine lumineszierende Wirkung auf den Schirm ausübten.“ 

Nicht alle Anwesenden konnten den Ausführungen des Wissenschaftlers folgen. Die Wiener „Neue Presse“ erklärte ihren Lesern das Phänomen allgemeinverständlich. „Wie die gewöhnlichen Lichtstrahlen durch Glas gehen, so gehen die neu entdeckten Strahlen durch Holz- und auch Weichteile des menschlichen Körpers.“ Beim Röntgen des Thorax konnten Mediziner die Geißel der damaligen Zeit diagnostizieren: die Tuberkulose, im Volksmund Schwindsucht genannt. Auch Tumore und Knochenbrüche ließen sich auf dem Bildschirm erkennen. 

Wilhelm Conrad Röntgen, Sohn eines Tuchfabrikanten, wurde im heutigen Stadtteil Remscheids Lennep geboren. Seine Mutter war Niederländerin. Vermutlich deshalb zog die Familie nach Holland. Wilhelm Conrad besuchte die Technische Schule in Utrecht. Er stach nicht durch besondere Leistungen hervor. Seine Lehrer beurteilten ihn als lernfaul und unaufmerksam. Kurz vor dem Abitur musste Röntgen die Schule verlassen. Man warf ihm vor – zu Unrecht – einen Lehrer mit einer Karikatur verspottet zu haben. Ohne Abitur durfte er an der Universität Utrecht nur als Gasthörer an Vorlesungen in Physik und Mathematik teilnehmen. 1865 begann er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ein reguläres Studium des Maschinenbaus und der Physik. Dort zählte nur die bestandene Aufnahmeprüfung. Er promovierte und ging als Assistent an das „Physikalische Kabinett“ der Universität Würzburg. Weil ihm das Rektorat wegen seines fehlenden Abschlusses die Habilitation verweigerte, wechselte er an die Universität Straßburg, die ihm eine Professur anbot. 1888 kehrte er als Chef des Physikalischen Instituts nach Würzburg zurück. Dort entdeckte er am 8. November 1895 die X-Strahlen, wie er sie nannte.

Der von Haus aus wohlhabende Wissenschaftler verzichtete auf die Patentierung. Sie hätte ihm Millionen eingebracht. Auf ein Angebot der AEG antwortete er, er sei der Auffassung, dass seine Erfindungen und Entdeckungen der Allgemeinheit gehörten und nicht durch Patente, Lizenzverträge und dergleichen einzelnen Unternehmungen vorbehalten bleiben dürften. 

Die blitzenden, knatternden und nach Ozon stinkenden Apparate tauchten bald nicht nur in Kliniken und Arztpraxen auf, sondern auch in Gruselkabinetten und im Varieté. In der Berliner Gesellschaft wurde es Mode, in sein Innerstes zu blicken. Die Strahlendosis bei einer Bildaufnahme war etwa 1500-mal höher als heute. Die juckenden Rötungen der Haut, die sich danach bilden konnten, nannte man Röntgen-Brand. Auch Haarausfall kam nicht selten vor. Man erörterte die Möglichkeit, die Strahlen zur Rasur zu benutzen. In Schuhgeschäften mussten Kinder ihre Füße in sogenannte Pedoskope stecken, damit die Verkäuferinnen sehen konnten, ob die Schuhe passten. Die Gefahren der Radioaktivität wurden erst in den 1920er Jahren bekannt.

Das Preisgeld stiftete Röntgen

Als 1901 zum ersten Mal die Nobelpreise verliehen wurden, war Röntgen unter den Ausgezeichneten. Eine Dankesrede hielt er nicht. Die 50 000 Kronen Preisgeld stiftete er der Universität Würzburg. 20 Jahre lang, bis zu seiner Emeritierung, lehrte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Einer seiner Schüler war der Physiker Peter Pringsheim, der Bruder von Thomas Manns Frau Katja. Am 10. Februar 1923 starb Wilhelm Conrad Röntgen im Alter von 77 Jahren an Darmkrebs. Erst nach seinem Tod wurden die Röntgenstrahlen nach ihm benannt, obwohl er es in seinem Testament ausdrücklich untersagt hatte. Im englischsprachigen Raum heißen sie „x-rays“.