23.01.2022

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17.04.20 / seuchen-Bestseller / So viel wert wie Toilettenpapier

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16 vom 17. April 2020

seuchen-Bestseller
So viel wert wie Toilettenpapier
H. Tews

Albert Camus’ Roman „Die Pest“ ist in diesen Tagen so viel wert wie eine Rolle Klopapier. Das ist keineswegs despektierlich gemeint. Ähnlich wie die Leute in den Supermärkten um jede Packung des begehrten Abwischpapiers kämpfen, reißen sich die Leser in Corona-Zeiten um den 1947 erschienenen Roman. 

Die Nachfrage nach dem Buch, das es in Frankreich wieder in die Bestsellerlisten geschafft hat, ist auch hierzulande enorm. Gebrauchte Exemplare werden im Internet zu horrenden Preisen gehandelt. Die 90. Neuauflage lässt der Rowohlt-Verlag für 12 Euro pro Taschenbuch gerade drucken. Von diesem Sonnabend an ist es zum Beispiel über Amazon lieferbar.

Camus selbst hat einen Pestausbruch nie miterlebt. Die fiktive Ausbreitung der Seuche im algerischen Oran erinnert mit seinen Entwicklungsstufen – Kontakt- und Ausgangssperre, Solidarität der Menschen – nur vordergründig an Covid-19. Hintergründig steht die Pest für die Ausbreitung des Nationalsozialismus und den Widerstand (Résistance) dagegen. 

Sehr viel authentischere Erzählungen lieferten der „Robinson Crusoe“-Autor Daniel Defoe mit seinem „Bericht über das Pestjahr“ im London des Jahres 1665 und Alessandro Manzoni mit seinem Roman „Die Verlobten“ (in neueren Übersetzungen „Die Brautleute“). Seine grandiose Schilderung der Pest im Jahre 1630 findet dort statt, wo gerade Corona in Italien am meisten wütet: in Mailand beziehungsweise der Lombardei.