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17.04.20 / Versenkung der „Cap Arcona“ / Die ersehnten Retter trugen vielfachen Tod in die Neustädter Bucht / Die Tragödie der KZ-Häftlinge aus Neuengamme und Stutthof nur wenige Tage vor Ende des Krieges

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16 vom 17. April 2020

Versenkung der „Cap Arcona“
Die ersehnten Retter trugen vielfachen Tod in die Neustädter Bucht
Die Tragödie der KZ-Häftlinge aus Neuengamme und Stutthof nur wenige Tage vor Ende des Krieges
Klaus J. Groth

Mit den ersehnten Rettern kam der Tod: Am 3. Mai 1945 versenkten britische Jagdbomber in der Neustädter Bucht die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“. Auf beiden überfüllten Schiffen hofften KZ-Häftlinge auf ihre baldige Befreiung. Stattdessen kam es wenige Tage vor Ende des Krieges zu einer der größten Schiffskatastrophen. 

Auf ihren letzten Reisen hatte die „Cap Arcona“ als Flüchtlingsschiff gedient. In der Nacht zum 4. Februar war sie in Gotenhafen ausgelaufen, an Bord 13 000 Flüchtlinge in höchster Not, die in den einst hocheleganten Festräumen, in Kabinen und Gängen einen Patz gesucht hatten. Der frühere Luxusdampfer, Flaggschiff der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft, war im September 1939 der Kriegsmarine unterstellt worden. 

Damit endete der glanzvolle Teil der Geschichte der zeitweiligen „Königin des Südatlantiks“. Ihre Jungfernreise 1927 nach Buenos Aires war beworben worden mit dem Versprechen „Elegantes Leben, heitere Geselligkeit, Sport und Baden an Bord“. Davon blieb nur die prunkvolle Ausstattung, als die „Cap Arcona“ samt Besatzung Teil der Kriegsmarine wurde. Das Schiff wurde nach Gotenhafen verlegt, wo es als Wohnschiff diente. Anfang 1945, nach Beginn der sowjetischen Winteroffensive, wurde die „Cap Arcona“ umgebaut, um möglichst viele Flüchtlinge und Verwundete zu transportieren. 6000, vielleicht auch 7000 Flüchtlinge werde das Schiff aufnehmen können, war geschätzt worden. Als mehrere Schlepper den Dampfer in der Nacht zum 4. Februar aus dem Hafen bugsierten, befanden sich 12 000 oder 13 000 Menschen an Bord, genau wusste das niemand. 

Vier Angriffswellen mit Jabos

Wenige Tage zuvor, am 30. Januar, hatte die „Wilhelm Gustloff“ Gotenhafen verlassen, an Bord 10 300 Menschen, überwiegend Flüchtlinge. Drei Torpedos eines sowjetischen U-Bootes hatten das Schiff versenkt, dabei starben 9300 Menschen. Die Tragödie der „Wilhelm Gustloff“ war bekannt, als die „Cap Arcona“ auf dem Weg war. Sie wurde auf einem anderen Kurs gesteuert, geriet aber dennoch unter Beschuss eines sowjetischen U-Bootes. Die Torpedos verfehlten ihr Ziel, das Flüchtlingsschiff erreichte die Neustädter Bucht und ankerte auf Reede. Nach Neustadt einlaufen konnte es nicht, es war zu groß. Barkassen brachten die Menschen an Land. 

Die „Thielbek“ wurde mit getroffen

Die „Cap Arcona“ sollte eine weitere Fahrt machen, aber der Kapitän erklärte, das Schiff sei nicht mehr fahrtüchtig. Der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann, zugleich Reichskommissar für Schifffahrt, entwickelte den Plan, das festliegende Schiff als Unterkunft für KZ-Häftlinge aus Neuengamme und Stutthof bei Danzig zu nutzen. Die Lager sollten geräumt werden, bevor die feindlichen Truppen kommen. Das ließ sich nicht umsetzen, solange die „Cap Arcona“ der Kriegsmarine unterstand.

Reichskommissar Kaufmann ließ den Maschinendefekt überprüfen. Kurz nachdem der Prüfer das Schiff am 20. Februar verlassen hatte, wurde der Kapitän erschossen in seiner Kajüte aufgefunden. Ob der Tod in Zusammenhang mit den Plänen stand, aus der „Cap Arcona“ ein KZ-Schiff zu machen, wurde nie geklärt.

Ein neuer Kapitän kam am 1. März an Bord. Heinrich Bertram hatte schon mehrere Flüchtlings- und Verwundetentransporte über die Ostsee gebracht. Den gleichen Auftrag erhielt er jetzt wieder. Noch einmal brachte er 9000 Verwundete und 2000 Flüchtlinge von Hela nach Kopenhagen. Dann war der Antrieb wieder defekt, Schiff und Kapitän wurden nach Neustadt befohlen. Die Kriegsmarine musterte das Schiff aus und unterstellte es dem Reichskommissar Kaufmann. Da an eine Fahrt nicht mehr gedacht wurde, reduzierte man die Mannschaft von 250 auf 70 Seeleute. Für die Nutzung als KZ-Schiff schien das den Verantwortlichen zu genügen. Gauleiter Kaufmann hatte zudem den Dampfer „Deutschland“ sowie die Frachter „Athen“ und „Thielbek“ beschlagnahmen lassen. Der Kapitän der „Cap Arcona“, Heinrich Bertram, weigerte sich mehrere Tage, 

KZ-Häftlinge an Bord zu nehmen, bis er mit sofortiger Erschießung bedroht wurde. Da erst konnten die ersten 2500 Häftlinge und 300 Bewacher an Bord gebracht werden. Schließlich waren am 29. April 7300 Menschen auf dem Schiff, davon 6500 Häftlinge. Alle hungerten, das Frischwasser reichte nicht. Angeblich hatte Heinrich Himmler mit dem Schweden Folke Bernadotte die Übernahme von Häftlingen ausgehandelt. Deren Zahl an Bord wuchs weiter.

Am 1. Mai erreichten die Briten Lübeck, die Häftlinge hofften, am nächsten Tag könnten sie in Neustadt sein. Eiligst hatte die „Thielbek“ mit Gefangenen Lübeck verlassen müssen. Die Royal Air Force (RAF) griff an der Ostseeküste wahllos Menschenansammlungen an. Die „Thielbek“ ging nahe der „Cap Arcona“ vor Anker. Mehr als 9000 Häftlinge befanden sich zu dieser Zeit auf den Schiffen.

Mit 200 Maschinen flog die RAF am 3. Mai einen Großangriff auf Schiffe in der Lübecker- und der Kieler Bucht, 23 versenkte sie. „Cap Arcona“ und „Deutschland“ lagen vor Neustadt. Die „Deutschland“ wurde bei der zweiten Angriffswelle schwer getroffen. Gegen die „Cap Arcona“ flog die RAF vier Angriffe mit ihren Jagdbombern (Jabos). Die „Thielbek“ versank nach 15 Minuten, die „Cap Arcona“ blieb nach mehreren Treffern brennend auf der Seite liegen, die Wassertiefe war zu gering. 6400 Häftlinge auf beiden Schiffen kamen ums Leben. Die meisten verbrannten oder ertranken. Viele, die um ihr Leben schwammen, wurden mit Bordwaffen erschossen. Ebenso wie die 2000 Häftlinge, die am Kai von Neustadt stehend, auf ihre Einschiffung warteten. Auch sie wurden niedergeschossen. Mehr als 8000 Menschen verloren an diesem Tag bei und in Neustadt ihr Leben.

Die als Befreier erwarteten Briten hatten nicht die weißen Betttücher erkannt, welche die Häftlinge an Bord der „Cap Arcona“ in letzter Not aus den Bullaugen gehängt hatten. Bis heute wird gemutmaßt, dass die Briten nach ihrem Einmarsch in Lübeck von der Hilfsaktion des Schwedischen Roten Kreuzes und dessen Schiffen im Hafen der Hansestadt erfahren, diese Information aber nicht weitergegeben hatten.

Über 8000 Tote insgesamt

Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation, richtete der gerade gegründete „Britische Yachtclub Neustadt in Holstein“ eine Regatta aus. Wendemarken waren die Wracks der „Deutschland“ und der „Cap Arkona“.





Kurzporträts

Hamburgs NS-Gauleiter, Reichsstatthalter, Führer der Landesregierung sowie Chef der Staats- und Gemeindeverwaltung Karl Kaufmannn war ab 1942 auch Reichskommissar für die Seeschifffahrt

Heinrich Himmler war Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei sowie Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, Reichsinnenminister und Befehlshaber des Ersatzheeres

Der Offizier, Philanthrop und Autor des Buches „Anstelle von Waffen“ Folke Bernadotte Graf von Wisborg war ab 1943 Vizepräsident und ab 1948 Präsident des Schwedischen Roten Kreuzes