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17.04.20 / Östlich von Oder und NeißE / Der Wald ist tabu, nicht jedoch die Kirche / Die polnische Bevölkerung stimmt den Corona-Einschränkungen zu, aber es gibt einige Ungereimtheiten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16 vom 17. April 2020

Östlich von Oder und NeißE
Der Wald ist tabu, nicht jedoch die Kirche
Die polnische Bevölkerung stimmt den Corona-Einschränkungen zu, aber es gibt einige Ungereimtheiten
Chris W. Wagner

Etwa 87 Pozent der polnischen Staatsbürger befürworten die staatlich verordneten Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie. Dies berichtet die Zeitung „Rzeczpospolita“, die das Institut für Markt- und Gesellschaftsforschung (IBRIS) mit einer Meinungsumfrage beauftragt hatte. 62 Prozent der Befragten unterstützen die Maßnahmen im vollen Maße, 25 Prozent sind „eher dafür“. 

Die Fragestellung war: „Sind Sie mit dem Verbot, die Wohnung ohne triftigen Grund zu verlassen und für hohe Bußgelder bei Nichteinhaltung einverstanden?“ Die wenigsten Befürworter der Restriktionen wohnen in Großstädten, dort waren 

75 Prozent der Befragten einverstanden. In kleineren Städten lag die Zustimmung bei 88 Prozent, während die Menschen auf dem Land zu 91 Prozent zustimmten.

Was wundert, ist die Tatsache, dass ausgerechnet die Risikogruppe der über 70-Jährigen Probleme mit den Verordnungen hat – nur 70 Prozent stimmten den Einschränkungen zu, während die 

18- bis 29-Jährigen zu 87 Prozent zustimmen. In der Altersgruppe von 30 bis 

39 Jahren waren es gar 98 Prozent. Auch wenn die überwiegende Mehrheit das Gebot der sozialen Distanz begrüßt, sieht es bei einzelnen Verboten anders aus.

Einen besonders deutlichen Widerwillen löst das Verbot des Betretens von Wäldern aus. Dabei schreibt man doch eher den Deutschen eine innige Liebe zu ihrem romantischen Wald zu. 160 000 Menschen haben gegen diese Vorgabe bereits mit einer Internetabstimmung ihre Stimme erhoben. Sie sehen keine größere Gefahr im Waldspaziergang als bei der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Besuch eines Ladens oder der Kirche. Vielleicht sieht der Durchschnittspole hier die Gefahr heraufziehen, dass seine Lieblingsspeise, der kostenlos zu pflückende Pilz, in dieser Saison nicht zur Verfügung stehen könnte.

Nicht zu vergessen sind die kirchlichen Feiertage, an denen viele Polen besonders zahlreich die Gotteshäuser besuchen. Dazu zählen die Christmette, Aschermittwoch und die Auferstehungsmesse (Resurrektion) am Ostersonntag. Letztere fällt nun erst einmal aus. Die Kongregation für Gotteskult und sakramentale Disziplin des Polnischen Episkopats appelliert an die Gläubigen, Onlinegottesdienste zu nutzen und keine Kirchen zu besuchen. In ihrem Dekret vom 

9. April steht, dass die Ostermesse nur in Kathedralen und Gemeindekirchen gelesen werden sollte. Denn erstaunlicherweise hat man den Polen den Gang in die Kirche im Gegensatz zum nahezu leeren Wald nicht grundsätzlich verboten. Laut Verordnung dürfen sie sich jedoch nicht zu mehr als fünf Personen, abgesehen von den Zelebranten, zu einer Messe versammeln.

In den Kirchen fällt immerhin die Segnung der Lebensmittel aus, genau wie das Osterfeuer und Osterprozessionen. Primas Wojciech Polak gab den Diözesanbischöfen die Möglichkeit zu entscheiden, ob die Osterprozessionen in den Herbst verschoben werden. „Wir sollten nicht traurig über das begrenzte liturgische Feiern sein. Die Worte unseres Herren: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dort bin ich mitten unter ihnen’ (Matthäus 18, 20), sollen uns in diesen schweren Tagen besonders trösten und Hoffnung bringen“, so Primas Polak in seiner Ansprache an die Gläubigen.