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03.07.20 / OPERATION CATAPULT / Was braucht man Feinde bei solchen Freunden? / Vor 80 Jahren griff Großbritannien die Flotte seines Verbündeten Frankreich an, nachdem dieser vor Deutschland kapituliert hatte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27 vom 03. Juli 2020

OPERATION CATAPULT
Was braucht man Feinde bei solchen Freunden?
Vor 80 Jahren griff Großbritannien die Flotte seines Verbündeten Frankreich an, nachdem dieser vor Deutschland kapituliert hatte
Wolfgang Kaufmann

Zwischen Großbritannien und Frankreich herrscht eine uralte Rivalität, welche noch heute für permanente Unruhe in Europa sorgt. Beide Kontrahenten standen sich in nichts nach, wenn es darum ging, der anderen Seite möglichst schwer zu schaden. Ein typisches Beispiel für derartiges Handeln seitens der Briten ist die Operation Catapult vom Juli 1940, die zugleich ein grelles Schlaglicht auf den skrupellosen Umgang des Empire mit angeblichen Verbündeten wirft.

Im Artikel 8 des deutsch-französischen Waffenstillstands von Compiègne vom 22. Juni 1940, dessen Regelungen auch Italien anerkannte, hieß es: „Die französische Flotte wird sich in später zu benennenden Häfen versammeln. Sie wird dort unter deutscher oder italienischer Kontrolle demobilisiert und entwaffnet. Die deutsche Reichsregierung erklärt der französischen Regierung feierlich, dass sie nicht die Absicht hat, diese Flotteneinheiten zu eigenen Kriegseinsätzen zu benutzen.“ 

Darüber hinaus versicherte der französische Generalstabschef der Seestreitkräfte und Marineminister Flottenadmiral François Darlan der Führung in London im Rahmen einer formellen ehrenwörtlichen Erklärung, die Kriegsflotte seines Landes werde entweder uneingeschränkt französisch bleiben oder sich selbst versenken. Und genau so lautete auch der Inhalt eines verschlüsselten Befehls von Darlan, der am 24. Juni an alle ihm unterstellten Marineverbände ging. 

Frankreichs Wort genügte nicht

Der britische Premierminister Winston Churchill kannte den Wortlaut dieser Anweisung. Das hielt ihn aber nicht davon ab, den Franzosen in einer Rede vor dem Parlament in London zu unterstellen, sicher alsbald wortbrüchig zu werden. 

Währenddessen reisten Emissäre des Empire nach Französisch-Nordafrika, wo sie versuchten, die Befehlshaber der dort stationierten französischen Flottenkontingente zur Fortsetzung des Krieges an der Seite der Royal Navy zu überreden. Das blieb allerdings ohne Erfolg. Deshalb mobilisierte die Admiralität in London schließlich die in Gibraltar zusammengezogene Einsatzgruppe Force H unter dem Kommando von Vizeadmiral James Somerville, um den kampfstärksten Teil der französischen Marine im algerischen Stützpunkt Mers-el-Kébir unweit von Oran in Besitz zu nehmen oder zu versenken. 

Parallel hierzu liefen Vorbereitungen, die in britischen Häfen wie Plymouth, Portsmouth, Falmouth, Swansea, Southampton und Dundee sowie in der ägyptischen Marinebasis Alexandria liegenden Kriegsschiffe der Franzosen zu kapern und zu beschlagnahmen. Die anschließende Kaperung und Beschlagnahmung, „Operation Grasp“ genannt, verlief weitestgehend reibungslos. 

Zwischen dem 3. und dem 7. Juli brachten die Briten so 227 größere und kleinere Einheiten, darunter die Schlachtschiffe „Courbet“, „Paris“ und „Lorraine“ in ihren Besitz. Das französische Force-X-Geschwader unter Vizeadmiral René-Émile Godfroy in Alexandria hingegen kapitulierte nach mehrtägigen Verhandlungen sang- und klanglos. Ernsthaften Widerstand leistete lediglich in Plymouth die Besatzung des Unterseekreuzers „Surcouf“, damals das größte U-Boot der Welt. 

Als deutlich schwierigere Beute erwiesen sich die elf großen französischen Einheiten in Mers-el-Kébir, darunter die vier Schlachtschiffe „Dunkerque“, „Bretagne“, „Strasbourg“ und „Provence“ sowie das Flugzeugmutterschiff „Commandant Teste“. Deshalb versuchte Somerville, der über den Schlachtkreuzer „Hood“, die Schlachtschiffe „Resolution“ und „Valiant“, den Flugzeugträger „Ark Royal“ sowie 13 Leichte Kreuzer und Zerstörer verfügte, es am 3. Juli zunächst mit einem Ultimatum, das mit den Worten begann: „Es ist uns, die wir bis heute Ihre Kameraden sind, unmöglich zu erlauben, dass Ihre ausgezeichneten Schiffe in die Gewalt des deutschen Feindes fallen.“ Deswegen müssten die Franzosen nun weiter gegen Deutschland und Italien kämpfen oder sich ergeben – alternativ käme auch noch eine Selbstversenkung innerhalb von sechs Stunden in Frage. Andernfalls würde man angreifen.

Während der französische Oberbefehlshaber in Mers-el-Kébir, Vizeadmiral Marcel-Bruno Gensoul, das Ultimatum prüfte, begannen britische Flugzeuge bereits die Hafeneinfahrt zu verminen, was französische Abfangjäger zu verhindern suchten. Am 3. Juli um 16.46 Uhr erhielt Somerville von Premierminister Churchill den Feuerbefehl. Zehn Minuten später eröffnete die „Hood“ den Artilleriebeschuss auf die vor Anker liegenden und nicht auf Gegenwehr eingerichteten Schiffe Gensouls. Mit diesem Trommelfeuer begann die Operation Catapult, die 1297 französische Seeleute das Leben kosten sollte. Fast 1000 von ihnen starben beim Untergang der „Bretagne“ und weitere 210 auf der „Dunkerque“, die auf Grund gesetzt werden musste. Die „Strasbourg“ und die „Commandant Teste“ konnten im Konvoi mit fünf Zerstörern nach Toulon entkommen. Diesem britischen Überfall folgte der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Französischen Staat und dem Vereinigten Königreich.

Französische Treue trotz Überfall

Wie ernst die Franzosen trotzdem den Schwur Darlans vom Juni 1940 nahmen, zeigte sich zwei Jahre später, als nach der Landung der Alliierten in Französisch-Nordafrika, der Operation Torch, die Deutschen im Unternehmen Anton die bis dahin unbesetzte Zone Frankreichs besetzten und dabei im Unternehmen Lila versuchten, die französische Mittelmeerflotte in ihre Gewalt zu bringen. Um ebendies zu verhindern, wurden auf Befehl von Admiral Jean de Laborde 111 der in Toulon liegenden Einheiten, darunter auch die Schlachtschiffe „Strasbourg“, „Dunkerque“ und „Provence“ sowie die „Commandant Teste“, von ihren Besatzungen versenkt.