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24.07.20 / Hiroshima und Nagasaki / „Ich brauche ein Stück Papier“ / Vor 75 Jahren erfolgte der schriftliche Befehl zum Atombombenabwurf über Japan

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30 vom 24. Juli 2020

Hiroshima und Nagasaki
„Ich brauche ein Stück Papier“
Vor 75 Jahren erfolgte der schriftliche Befehl zum Atombombenabwurf über Japan
Klaus J. Groth

Nachdem die US-Amerikaner im Sommer 1944 Tinian erobert hatten, hatten sie auf der Insel der Marianen im westlichen Pazifik einen gigantischen Luftwaffenstützpunkt errichtet, um von dort ihre Angriffe gegen Japan zu fliegen. In den letzten Julitagen des Jahres 1945 traf dort ein Befehl aus Haus Erlenkamp in Potsdam ein, in dem die US-Delegation während der vor 75 Jahren tagenden Potsdamer Konferenz untergebracht war. Präsident Harry S. Truman hatte ihn persönlich gegeben. 

Die Anweisung von allerhöchster Stelle löste auf dem Stützpunkt Irritationen aus, wie aus einem Gespräch zwischen den US-Generalen Carl A. Spaatz und Thomas T. Handy hervorgeht. Ersterer war Oberbefehlshaber der U.S. Strategic Air Forces in the Pacific und in dieser Funktion auf Tinian stationiert. Letzterer war stellvertretender Generalstabschef der Army (DCSA) und vertrat im August 1945 seinen abwesenden Chef. Spaatz sagte zu Handy: „Man berichtet mir, ich soll losziehen und da draußen das ganze südliche Ende der japanischen Inseln in die Luft jagen. Bei Gott, ich habe noch kein Stück Papier bekommen, und ich finde, ich brauche ein Stück Papier.“ Handy antwortete: „Ja, da gebe ich dir recht. Ich glaube, du brauchst ein Stück Papier, und ich nehme an, ich bin der Dumme, der es dir geben soll.“ 

Dazu muss man wissen, dass zum einen die US-Luftstreitkräfte damals noch keine eigene Teilstreitkraft bildeten, sondern – sofern sie landgestützt waren und nicht zur Marine gehörten – als United States Army Air Forces (USAAF) zur Army gehörten und dass zum anderen der stellvertretende Generalstabschef der Army im August 1945 seinen abwesenden Chef, George C. Marshall, vertreten musste. 

Das „Stück Papier“, das Handy unterschrieb, hatte furchtbare Folgen. Die Atombomben explodierten in einem gigantischen Feuerball über Hiroshima und Nagasaki. In beiden japanischen Städten starben schätzungsweise 230.000 Bewohner sofort oder in den Wochen und Jahren danach an den Folgen der Verstrahlung. 

Der Befehl kam aus Potsdam

Die US-Streitkräfte wählten Hiroshima als Ziel, weil sich dort die Führung von Japans 2. Hauptarmee (Heeresgruppe) befand, in Nagasaki produzierte Mitsubishi Langstreckenbomber. Truman, der nach dem plötzlichen Tod von Franklin D. Roosevelt erst drei Monate im Amt war, notierte zur Zielauswahl in sein Tagebuch: „Ich habe Stimson angewiesen, die Bombe so zu benutzen, dass militärische Anlagen, Soldaten und Seeleute die Ziele sind, nicht Frauen und Kinder.“ Den Eintrag zitierte Truman in seinen in den 50er Jahren erschienenen Memoiren. Historiker halten es für möglich, dass er ihn nachträglich zu seiner Rechtfertigung schrieb. 

Bei dem angesprochenen Stimson handelt es sich um den damaligen Kriegsminister Henry L. Stimson. Stimson sorgte dafür, dass Kioto von der Liste möglicher Ziele eines Atombombenabwurfs gestrichen wurde. Er hatte dort seine Flitterwochen verbracht und wusste um die Bedeutung der alten Kaiserstadt als kulturelles Zentrum Japans. Als Ersatz gelangte Nagasaki auf die Liste.

Am Tag nach dem ersten Bombenabwurf verkündete der Präsident der entsetzten Welt: „Die Kraft, aus der die Sonne ihre Macht bezieht, ist auf diejenigen losgelassen worden, die dem Fernen Osten den Krieg brachten.“ Der Einsatz der Atombombe sollte auch eine Warnung an Josef Stalin sein, sich in das Kriegsgeschehen nicht weiter einzumischen. Die Sowjets hatten den Neutralitätspakt mit Kaiser Hirohito gebrochen und waren in die von Japan besetzte Mandschurei einmarschiert. Truman wollte verhindern, dass die Kommunisten ihren Einfluss in Asien ausbauten. Am 26. Juli forderte er den Tenno zum letzten Mal auf, bedingungslos zu kapitulieren und abzudanken. Er drohte, bei einer Weigerung würde es Japan schlimmer ergehen als Deutschland. 

Die Entwicklung der Atombombe, Codename „Manhattan Projekt“, war streng geheim. Vermutlich wusste noch nicht einmal Roosevelts Vizepräsident davon. Auf der Konferenz von Québec 1943 hatten er und die Premierminister Kanadas und Großbritanniens vereinbart, die Kernforschung der drei Staaten zu forcieren. Ein Team aus US-amerikanischen, kanadischen und britischen Wissenschaftlern arbeitete gemeinsam an der Entwicklung von nuklearen Waffen in der Wüste von Neu-Mexiko. Der Chef des Los Alamos National Laboratory war Robert Oppenheimer, ein in New York aufgewachsener Physiker deutsch-jüdischer Abstammung. Die Bombe sollte Deutschland treffen, wurde aber erst nach der Kapitulation der Wehrmacht fertig. Geheimdienstmeldungen hatten bereits im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs im Pentagon Panik ausgelöst. Eine Forschergruppe um Werner Heisenberg experimentiere an der Entwicklung einer Nuklearwaffe und sei bereits weit fortgeschritten. Tatsächlich standen die deutschen Wissenschaftler noch am Anfang. Aber auch der in die USA emigrierte Albert Einstein glaubte an den Erfolg seiner deutschen Kollegen und warnte Roosevelt. Als sich die Gerüchte verdichteten, gab Roosevelt den Startschuss für das „Manhattan Projekt“.

An Zynismus nicht zu übertreffen waren die Namen, welche die Forscher den Atombomben gaben. Die für Hiroshima bestimmte nannten sie „Little Boy“, „Fat Man“ sollte Nagasaki zerstören. Beide Bomben wurden per Schiff in Einzelteilen von der Westküste der USA nach Tinian gebracht und in Gruben deponiert. Zwei Tage vor dem geplanten Einsatz, am 4. August, erhielt Pilot Paul Tibbets den Auftrag, nach Hiroshima zu fliegen. Ein Priester segnete den nach Tibbets Mutter „Enola Gay“ benannten Langstreckenbomber vom Typ Boeing B-29 „Superfortress“ und dessen Besatzung: „Allmächtiger Vater, wir bitten Dich, denen beizustehen, die sich in die Höhen Deines Himmels wagen und den Kampf bis zu unseren Feinden vortragen.“

Zynische Namensgebung

Um 8.16 Uhr Ortszeit in Hiroshima stieg der Atompilz 13 Kilometer in die Höhe, 20 Minuten später sank sein radioaktiver Fallout auf die Erde. Auf dem Rückflug nach Tinian schrieb der Copilot Robert Lewis erschüttert ins Logbuch: „Wie viele Japaner haben wir genau getötet? Ich habe ehrlich gesagt das Gefühl, um Worte zu ringen, um das zu erklären. Mein Gott, was haben wir getan?“ Das Richtige, davon war die Mehrheit der Amerikaner überzeugt. Der Abwurf beendete die kriegerischen Handlungen. Am 2. September 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation Japans an Bord des US-Kriegsschiffes „Missouri“.

Der „Vater der Atombombe“ genannte Oppenheimer war entsetzt über die Folgen seiner Forschung. Im Kalten Krieg setzte er sich für ein Ende des atomaren Wettrüstens der USA und der UdSSR ein. Überlebende in Hiroshima und Nagasaki leiden bis heute an Krebs, Leukämie und psychischen Krankheiten. Die „Enola Gay“, die Tod und Verwüstung brachte, ist im Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington zu besichtigen. Das North Field des Flugplatzes auf Tinian, wo die Flugzeuge mit den Atombomben starteten, ist heute die wichtigste Touristenattraktion des Schnorchel- und Taucherparadieses.





Verantwortliche

Carl A. Spaatz brachte es bis zum Vier-Sterne-General. Bis 1948 war er der erste Chief of Staff der 1947 gegründeten United States Air Force. Er starb 1974 im 84. Lebensjahr in Boyertown, Pennsylvania

Thomas T. Handy war ab dem März 1945 Vier-Sterne-General, 1944 bis 1947 DCSA und 1949 bis 1952 Oberbefehlshaber der Army in Europa. Er erreichte das 91. Lebensjahr und starb im Jahre 1982

Nach dem Atombombenabwurf wurde der Pilot der Boeing B-29 „Superfortress“, Paul Tibbets, mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Der Brigadegeneral starb 92-jährig 2007 in Columbus, Ohio