20.01.2022

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07.08.20 / Vor 150 Jahren / Erfinder der Kunstpostkarte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 32 vom 07. August 2020

Vor 150 Jahren
Erfinder der Kunstpostkarte
Bettina Müller

„Du, ich hab Dich so furchtbar lieb! Möchtest Du mir nicht ein einziges Mal ein Küsschen geben?“ Die verzweifelte Kinoliebhaberin, die 1919 diese Zeilen an den Schauspieler Conrad Veidt schrieb und die Kurt Tucholsky in der „Berliner Volkszeitung“ veröffentlichte, hatte damals die Qual der Wahl. Sie konnte ihren Liebling in kontemplativer, verträumter oder heldenhafter Pose käuflich erwerben, allerdings nur auf Bromsilberpapier. 

Die meisten der damals in Schreibwarenläden verkauften Starpostkarten zierte ein kleines Pferd, das für den Gründer des Berliner Postkartenverlags, Heinrich Ross, stand. Der vor 150 Jahren, am 10. August 1870, in Rokytno/Österreich-Ungarn geborene Heinrich Ross ließ sich am Ende des 19. Jahrhunderts in Rixdorf, das 1912 zu Neukölln wurde, nieder, und machte sich im Jahr 1902 als „Fabrikant von Luxuspapierwaren“ selbstständig. 

1907 gründete er die Ross-Bromsilber-Vertriebs-GmbH, aus der später der Berliner Ross-Verlag hervorgehen sollte. Ross setzte dabei auf Qualität und Vielfalt, bis zu 40.000 verschiedene Motive umfasste sein Programm zu den Glanzzeiten des Stummfilms, wobei es mehrere Reihen gab: Filmstars, „Bühnensterne“ und Filmszenen, fotografiert in so renommierten Berliner Studios wie denen von Alexander Binder oder Becker & Maaß.

1930 würdigte ihn die „Filmwoche“ in einem Artikel anlässlich seines 

60. Geburtstags. Da hätte er eigentlich längst in Rente gehen und sich nur noch seiner Arbeit in der Jüdischen Brüdergemeinde von Neukölln widmen können, deren Erster Vorsitzender er seit 1922 war. Doch 1933 brachte die Zäsur. 1934 legte Ross sein Gemeinde-Amt nieder, 1936 starb seine Ehefrau Berta, ein Jahr später wurde der Ross-Verlag arisiert und der Tobis Filmkunst GmbH einverleibt.

Am 13. Mai 1939 schiffte sich Ross in Hamburg auf die „St. Louis“ ein, was durch die Weigerung Kubas, das Schiff anlegen zu lassen, zur Irrfahrt werden sollte. Am 17. Juni durften die Flüchtlinge in Antwerpen von Bord gehen und wurden von verschiedenen Gastländern aufgenommen. 1947 wurde aus dem mittellosen Ross in Chicago schließlich ein US-Staatsbürger. 

Eine Entschädigung im Rahmen der „Wiedergutmachung von NS-Unrecht“ erhielt er kurz vor seinem Tod. Am 3. August 1957 verstarb Ross in Chicago an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Wahlheimat Neukölln sah er nie mehr wieder.