19.01.2022

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28.08.20 / Arbeitszeit / Linkspartei fordert 30-Stunden-Woche / Neuauflage der Diskussion aus den 1980er Jahren über die 35-Stunden-Woche

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35 vom 28. August 2020

Arbeitszeit
Linkspartei fordert 30-Stunden-Woche
Neuauflage der Diskussion aus den 1980er Jahren über die 35-Stunden-Woche
Peter Entinger

Von Obwohl die Digitalisierung in Deutschland schleppend anläuft, fordert die Linkspartei, das Fell des Bären zu verteilen, bevor er erlegt ist. In einem Positionspapier verlangt sie eine Verkürzung der Arbeitszeit. Die Computerisierung müsse für den Menschen, nicht gegen ihn genutzt werden.

In ihrem Positionspapier geht die Linkspartei davon aus, dass die Digitalisierung viel menschliche Arbeit überflüssig machen werde. Die Gesamtmenge an Arbeit werde demnach kleiner. Die Produktivität der verbliebenen Arbeit steige. Dadurch werde die Gesellschaft noch wohlhabender.

„Wir brauchen eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche in Vollzeit, um die Produktivitätsfortschritte allen zugutekommen zu lassen und allen ausreichend Zeit für Familie und Sorgearbeit, für politische Einmischung, persönliche Weiterbildung und Muße zu ermöglichen“, erklärt die Parteivorsitzende Katja Kipping.
Die neuen digitalen Technologien, so die Politikerin, dürften nicht „zur Verdichtung von Arbeit, zur Erhöhung des Stresses, zur verstärkten Kontrolle durch das Management, zur Verlagerung von Tätigkeiten auf tariflose Subunternehmen und zum Druck auf Tarifstandards, Löhne und Arbeitsbedingungen führen“.

Mit oder ohne Lohnausgleich?

Unterstützung erhält die Linkspartei, die mit diesem Thema im anstehenden Bundestagswahlkampf punkten will, von den Gewerkschaften. Die hoffen mit einer geringeren Arbeitszeit auf weniger Arbeitsplatzabbau. „Die Vier-Tage-Woche wäre die Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie. Damit lassen sich Industriejobs halten, statt sie abzuschreiben“, sagte der Erste Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, der „Süddeutschen Zeitung“. Er forderte zudem „einen gewissen Lohnausgleich für die Beschäftigten, damit es sich die Mitarbeiter leisten können“.
Die Gewerkschaften sind traditionell Vorreiter einer Arbeitszeitverkürzung. In diesem konkreten Fall argumentieren sie mit der Notwendigkeit, branchenspezifische Probleme während der Corona-Krise abfedern zu müssen.

Laut einer Studie der University of Auckland in Neuseeland nimmt die Produktivität der Mitarbeiter bei weniger Arbeit und gleicher Entlohnung zu. Und laut dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ wurde die Produktivität bei Microsoft in Japan um 40 Prozent und in einer norwegischen Großmolkerei um 50 Prozent gesteigert, obwohl die Arbeitszeit um 20 Prozent verringert wurde.
Es gibt Erhebungen, dass sich viele Menschen mit Familie, Beruf und Ehrenamt zunehmend überfordert fühlen. Laut einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz wünscht sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten mit Vollzeit-Job eine 35-Stunden-Woche. Und zwar auch bei entsprechend geringerem Verdienst.
In einer Studie kommt die Behörde zu dem Schluss, dass eine kürzere Arbeitszeit für weniger Rückenschmerzen, Herzinfarkte und Schlafstörungen, für einen niedrigeren Blutdruck und letztlich auch für weniger Krankheitstage sorgen würde.

Doch es gibt auch deutliche Kritik an der Arbeitszeitverkürzung. „Wenn wir in Qualifizierung investieren und Neueinstellungen fördern, wird die Arbeitslosigkeit auch bei voranschreitender Digitalisierung weiter sinken“, sagte beispielsweise Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Heißt im Endeffekt: Die Digitalisierung wird nicht zu weniger, sondern zu anderer Arbeit führen.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz gibt indes zu bedenken: „Eine Vier-Tage-Woche ist nur dann sinnvoll, wenn sie wirklich auf 30 Stunden beschränkt ist und nicht zur Folge hat, dass die Beschäftigten dann vier Tage je zehn Stunden arbeiten, um das Pensum zu schaffen.“ Das sei aus Sicht des Arbeitsschutzes sehr bedenklich.
Andreas Peichl, Leiter des Zentrums für Makroökonomie und Befragungen beim Ifo-Institut setzt auf Freiwilligkeit: „Es wird Unternehmen geben, die das können. Aber einen Zwang zu verordnen, würde am Ende zu mehr Arbeitslosigkeit führen.“