21.01.2022

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28.08.20 / Kolumne / Es kann noch dauern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35 vom 28. August 2020

Kolumne
Es kann noch dauern
Florian Stumfall


Seit fünf Jahren gibt es zwischen Berlin und Windhoek ein Gezerre um deutsche Leistungen als Ausgleich für die Opfer des Aufstandes der Herero und Nama gegen die deutschen Schutztruppen in den Jahren 1904 bis 1908. Wie es aussieht, kann sich das noch hinziehen. Nicht einmal darüber herrscht Einigkeit, wie man denn die Gelder, die aus Deutschland erwartet werden, überhaupt nennen solle. Die deutsche Seite lehnt den Begriff „Repa­rationen“ mit dem absonder­lichen Hinweis ab, dass man diesen auch nicht gegenüber Israel ge­braucht habe – was immer das bedeuten mag. Die namibische Seite wiederum, angeführt vom Präsidenten Hage Geingob, wehrt sich gegen die von deutscher Seite empfohlene Bezeichnung „Heilung der Wunden“, die angesichts ihres lyrischen Charakters als Druckmittel nicht recht geeignet erscheint.

Wer von solchen semantischen Sorgen geplagt wird, soll sich nicht darüber wundern, wenn die Verhandlungen so schnell zu keinem Erfolg führen. Es wird also dauern, bis man sich mit ernsthaften Dingen befas­sen kann. Noch nicht geklärt ist bislang beispielsweise die Zahl der Opfer. Was an Toten genannt wird – allein bei den Herero bis zu 80.000 – hat sich in den zurückliegen­den Jahren geheimnisvoll erhöht. Fest steht dagegen, dass sich die offiziellen Schätzungen der Kopfstärke der Herero im Jahre 1904 auf höchstens diese 80.000 belaufen. Aufgrund dieser Daten gäbe es heute gar keine Herero mehr. Doch gleichviel – um Menschenle­ben soll man nicht feilschen.
Entwicklungshilfe gibt es bereits

Es ist ja nicht so, dass Deutschland in der Zwischenzeit keine Gelder an Namibia überwiesen hätte. Die Leistungen des „Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit“ an den Staat in Südwestafrika belaufen sich auf annähernd 150 Millionen Euro pro Jahr. Doch das wollen die Empfänger nicht berücksichtigt sehen – Entwicklungs­hilfe sei das eine, Reparation etwas anderes. So hatten vor wenigen Jahren die Herero in New York mittels einer gewagten Konstruktion gegen Deutschland geklagt, allerdings ohne Erfolg. Bezeichnend aber ist, dass eines der namibischen Völker an seiner Regierung vorbei den Rechtsweg beschritten hat.

Gelder, die – nicht nur aus Deutschland – nach Windhoek fließen, werden dort nämlich von der Regierung vereinnahmt, von der sich bei Weitem nicht alle Einwohner repräsentiert fühlen. Bei den Wahlen im Jahre 1990 errang die bis dahin von der UdSSR unterstützte SWAPO die Mehrheit und bildet seither die Staatspartei und lässt keine Anstalten erkennen, je von der Macht zu lassen. Diese SWAPO wird im Wesentlichen vom Mehrheitsvolk der Ovambo getragen, wie überhaupt in Schwarzafrika die Parteien meist tribalistisch orientiert sind.
Nach dem die SWAPO und Namibia dominierenden Volk der Ovambo rangieren die Herero, die Himba, Kavango und Caprivianer, die alle der Völkergruppe der Bantu angehören. Außerdem gibt es da noch die Damara, die deutlich unter den Bantu stehen und von diesen in der Geschichte oftmals versklavt wurden. Diese Damara sprechen eine Sprache ähnlich der von Buschleuten und Nama, obwohl sie diesen im Aussehen keineswegs gleichen. Diese beiden bilden in der Hier­archie der Völker Namibias das Schlusslicht. Unter der gemischt­rassigen Turnhallen-Allianz hatten die Rehoboth Baster, die aus Beziehungen zwischen Nama-Frauen und Buren entstanden sind, eine politi­sche Eigenstellung, die ihnen aber inzwischen genommen wurde.
Ungeachtet des geringen Ansehens der Damara in Namibia stammt dessen aktueller Präsident aus ihren Reihen. Das ist möglich, weil das Stammesprinzip nie streng durchge­halten wurde und deshalb auch Angehörige anderer Völker als der Ovambo in die SWAPO aufgenommen werden und dort Karriere machen können. Die Einbeziehung einzelner Vertreter aus anderen als dem dominanten Stamm soll eine Politik der „nationalen Einheit“ signalisieren, die eine organisierte und womöglich tribalistisch geerdete Opposition unnötig machen.

Ein gewisses Verständnis

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Von den Summen, die nach Windhoek gelangen, sehen die einzelnen Völker zunächst nichts, denn die Regierung verfährt damit im Sinne der SWAPO. Dies ist der Grund, warum die Herero von sich aus in New York gegen Deutschland vor den Kadi gezogen waren.

So sind es also tendenziell die Ovambo, die über die Staatsgelder entscheiden und so auch über mögliche Reparationen. Dabei haben unter dem Kolonialkrieg nur die Herero und die Nama gelitten, kein Angehöriger eines anderen Volkes war davon betroffen. Ein gewisses Verständnis dafür, dass heute eben Herero und Nama entsprechend bedacht sein wollen, ist nicht von der Hand zu weisen. Doch dieses Verständnis zeigt weder die Regierung in Windhoek noch diejenige in Berlin, wo man durch unbeirrte Ahnungslosigkeit mit derlei Kleinigkeiten ohnehin nicht befasst ist.
Namibia gilt heute als „stabile Demokratie“. Dabei besteht die Stabilität darin, dass sich die SWAPO nie mehr wird in die Opposition drängen lassen, und die Demokratie darin, dass regelmäßig Wahlen abgehalten werden. Doch wie es um die bestellt ist, zeigte die erste Abstimmung im Jahre 1990. Als sie ausgezählt war, bemerkte der UN-Repräsentant Martti Ahtisaari gegenüber dem Wahlsieger Sam Nujoma von der SWAPO, es habe doch einige Unregelmäßigkeiten gegeben. „Selbstverständlich haben wir betrogen“, antwortete Nujoma, „Wenn Sie mir nicht den Stempel der UN geben, dass die Wahlen frei und fair waren, führe ich den Buschkrieg weiter.“ Nujoma bekam den Stempel und seither ist Namibia eine stabile Demokratie.

Florian Stumfall: Der Autor ist ein christsoziales Urgestein und war lange Zeit Redakteur beim „Bayernkurier“.