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25.09.20 / Nachruf / Eine markante ostpreußische Persönlichkeit / Der Heimat verbunden und dem Allgemeinwohl verpflichtet – Erinnerungen an Helmut Gutzeit

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39 vom 25. September 2020

Nachruf
Eine markante ostpreußische Persönlichkeit
Der Heimat verbunden und dem Allgemeinwohl verpflichtet – Erinnerungen an Helmut Gutzeit
Wilhelm v. Gottberg

Am Montag, dem 14. September 2020, mussten seine Familie und enge Weggefährten in einer bewegenden Trauerfeier Abschied von Helmut Gutzeit nehmen. Der Verstorbene wurde in Friedland (heute Prawdinsk, im russischen Teil Ostpreußens gelegen) am 12. August 1940 geboren. Er war eine markante ostpreußische Persönlichkeit, die bis zu ihrem Tod die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat im Herzen trug. Dies hat er durch zahlreiche Besuche in seiner Vaterstadt immer wieder unter Beweis gestellt. 

Flucht nach Bremen 

Ostpreußen und Friedland haben die letzten 30 Jahre seines Lebens maßgeblich bestimmt. Dabei war hilfreich, dass seine Frau Irmchen – ebenfalls ostpreußisches Flüchtlingskind aus Heiligenbeil – ihn dabei mit ganzer Kraft unterstützt hat. Eine erste schicksalhafte Begegnung hatten die beiden im März 1945 am Kai von Gotenhafen, wo die Familien der Kinder auf ein Schiff warteten. Eine weitere schicksalhafte Fügung war die Tatsache, dass die Familien der beiden am Ende der Flucht in Bremen landeten. Dort bekamen die Kinder gleich wieder Kontakt. Sie heirateten 1960. 

Helmut Gutzeit war mehr als zwei Jahrzehnte Vorsitzender der LO-Landesgruppe Bremen. In dieser Funktion wurde er Nachfolger von Gerhard Prengel, der zeitweise auch Stellvertretender Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen war. Der Autor dieser Zeilen wurde 1990 Stellvertretender Bundessprecher der LO und 1992 Bundessprecher, zugleich erster Vorsitzender der LO. Bei den Gremiensitzungen lernten sich beide 1991 kennen. Die Chemie zwischen den beiden Ostpreußen stimmte. Sehr schnell wurde das etwas förmliche Sie durch das vertraute Du ersetzt. Das war bei dem Naturell des Autors keine Selbstverständlichkeit. Etliche Jahre war dies eine Sonderstellung, die Helmut Gutzeit beim Bundessprecher hatte. 

Hilfe für Friedland

Nach der Wende im Osten 1991 war Helmut Gutzeit einer der ersten, die mit einem Sachgüter-Hilfstransport nach Friedland reisten, um den dort lebenden Menschen humanitär zu helfen. Für ihn war es selbstverständlich, dass er das im Einvernehmen mit der russischen Stadtverwaltung in Friedland abstimmte. Der russische Bürgermeister erwies ihm seine Dankbarkeit durch einen persönlichen Besuch in Bremen, bei dem auch der Bundessprecher zugegen war. 

In späteren Jahren waren wir dreimal gemeinsam in Friedland. Darüber hinaus hat er mit seiner Frau etwa ein halbes Dutzend weitere Reisen in seine Heimatstadt unternommen. Es war für ihn ein großes Bedürfnis, das Stadtbild Friedlands zu verschönern. Dabei kam in erster Linie die Kirche in seinen Blick, ein eindrucksvoller Bau der Backsteingotik aus der Endzeit des Mittelalters. Diese Kirchenbauten gab es überaus zahlreich in Ostpreußen. Die Kirche in Friedland hatte wie nur ganz wenige evangelische Kirchen in Ostpreußen den Krieg überdauert. Die Nachkriegsjahrzehnte zeigten an dem Gotteshaus deutliche Verfallsspuren. Ursula Kluge aus Wolfenbüttel gründete 1994 einen Förderverein für die Sanierung der Kirche in Friedland. Dabei war natürlich Helmut Gutzeit. Er hat die bald darauf einsetzenden baulichen Erhaltungsmaßnahmen mit beachtlichen finanziellen Mitteln unterstützt. Seit 1999 erstrahlt die Kirche in Friedland in neuem Glanz.

Diese Kirche ist auch Taufkirche, Konfirmationskirche und Traukirche bei der Hochzeit der Mutter des Autors. 

Erfolgreich als Unternehmer

Helmut Gutzeit erlernte nach der Beendigung der Volksschule mit 15 Jahren das Maurerhandwerk. Danach arbeitete er als Geselle in seinem Beruf. Neben seiner körperlich schweren Arbeit auf dem Bau bereitete er sich berufsbegleitend auf die Meisterprüfung im Maurerhandwerk vor. Eine schwierige Aufgabe, wenn man die schwere körperliche Arbeit auf den Baustellen in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ins Kalkül zieht. Mit ostpreußischer Strebsamkeit konnte er die Meisterprüfung erfolgreich absolvieren. 

Danach ging es mit dem beruflichen Aufstieg rasant weiter nach oben. Er gründete eine eigene Baufirma für Neubauten und Umbauten. Ein lohnendes Geschäft in den 60er und 70er Jahren: „Baue gut, baue mit der Zeit, baue mit Gutzeit.“ Das Geschäft florierte. Es florierte aber auch nur deshalb gut, weil Helmut die Voraussetzungen für die Selbstständigkeit verinnerlicht hatte. Selbstständigkeit heißt selbst und ständig. Irmchen hat ihn dabei mit ganzer Kraft unterstützt. Sie übernahm die Buchführung für die Firma. 

Helmut war tagtäglich zehn bis zwölf Stunden unterwegs. Wenn es erforderlich wurde, nahm er die Kelle in die Hand und half bei der Bauausführung. Ansonsten sorgte er permanent für den Nachschub auf der Baustelle. Mörtel, Sand, Maschinen, Hilfsmittel schaffte er zügig heran. Einen Stopp der Bauarbeiten wegen mangelndem Nachschub gab es bei ihm nicht. Die Firma war mehr als 30 Jahre lang wirtschaftlich sehr erfolgreich. Das Ehepaar Gutzeit brachte es zu gediegenem Wohlstand. Mit Erreichen der Altersgrenze übertrugen die beiden die Firma an einen nahen Familienangehörigen. 

Auch nach Beendigung der Berufsarbeit blieben Ostpreußen mit Friedland und die Landesgruppe Bremen der Landsmannschaft Ostpreußen sowie die Fürsorge für seine Kinder und Enkel die bestimmenden Inhalte im Leben Helmut Gutzeits. Der relativ frühe Tod seiner Frau Irmchen 2012 war ein Schicksalsschlag für ihn, den er nicht mehr wirklich bewältigen konnte. Glücklicherweise wurde Helmut von den Familien seiner beiden Kinder zu einem erheblichen Teil gestützt und getröstet. In den letzten drei Jahren seines Lebens äußerte er gelegentlich: „Ich möchte zu Irmchen.“ 

Im Alter von etwa 60 Jahren offenbarte sich bei Helmut eine enorme Begabung für den musischen Bereich. Er sang gerne und textete Lieder im Bereich der Volksmusik. Unauslöschlich ist dem Autor eine Episode bei Helmuts 60. Geburtstag in Erinnerung geblieben. Er sang im Duett mit einer ausgebildeten Opernsängerin verschiedene Arien. Das war eine Seite in Helmut Gutzeits Persönlichkeit, die er bisher seinem Freund und Weggefährten Wilhelm v. Gottberg nicht offenbart hatte. Was hätte er mit dieser Begabung wohl anfangen können, wenn ihm vergönnt gewesen wäre, Abitur zu machen und ein Studium zu absolvieren? Für ihn galt, was für viele seiner Zeitgenossen der Jahrgänge 1935 bis 1950 galt: „Ich bin, was ich muss und nicht, was ich gerne möchte.“

Dem Allgemeinwohl verpflichtet

Helmut Gutzeit war eine offene Persönlichkeit. Er ging in sympathischer Weise auf Menschen zu. Er war niemals nachtragend, sondern immer auf Harmonie ausgelegt. Vielseitig interessiert hat er sich in den Dienst seiner Mitmenschen gestellt. Damit folgte er dem lebensklugen Rat des Preußenkönigs Friedrich des Großen: „Des Menschen Bestimmung in der kurzen Zeit seines Erdendaseins ist es, für das Allgemeinwohl seiner Mitmenschen zu wirken.“ 

Helmut Gutzeit verstarb am 6. September 2020. Inhaltlich hat er bei der Trauerfeier noch eigene Akzente gesetzt. Bei der Zeremonie hörten wir eine Gesangseinlage von ihm. Und, wie könnte es anders sein, zu Beginn der Trauerfeier erklang die Melodie des Ostpreußenliedes. 

Helmut Gutzeit bleibt seinen Weggefährten – bleibt mir – unvergessen. Dankbar bin ich, dass wir über drei Jahrzehnte gemeinsam wandern durften. Unser Mitgefühl gilt seinen Familienangehörigen. 

Wilhelm v. Gottberg, MdB, war von 1992 bis 2010 Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen.