25.01.2022

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30.10.20 / Der Fall Nawalnyj hat die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen weiter verschlechtert. Europäische Politiker sehen es als erwiesen an, dass der Oppositionspolitiker mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde / Ungelöste Fragen bleiben / Mordanschlag oder Inszenierung? Selbst Kremlkritiker zweifeln an Putins Täterschaft

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44 vom 30. Oktober 2020

Der Fall Nawalnyj hat die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen weiter verschlechtert. Europäische Politiker sehen es als erwiesen an, dass der Oppositionspolitiker mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde
Ungelöste Fragen bleiben
Mordanschlag oder Inszenierung? Selbst Kremlkritiker zweifeln an Putins Täterschaft
Manuela Rosenthal-Kappi

Alexej Nawalnyj steht im Fokus der Öffentlichkeit, TV-Sender und Zeitungen in der EU und in den USA reißen sich um ihn. Seine Vergiftung mit einer nervenschädigenden Substanz hat geopolitisches Gewicht erhalten.  Nawalnyj, der als russischer Aktivist und Blogger von sich reden machte, mischt sich plötzlich in die Weltpolitik ein, wenn er Sanktionen gegen die Pipeline Nord Stream 2 verlangt, also die Position der USA vertritt. 

Seit Jahren prangert der Oppositionelle die Korruption der russischen Elite an. Er wurde mehrfach mit Farbbeuteln und chemischen Substanzen attackiert. Seine Spezialität sind Drohnenvideos, die vom Raubrittertum der Eliten zeugen. Diese stellt er ins Internet wie zuletzt kurz vor seiner Vergiftung das Video „Tomsk in Gefangenschaft einer Abgeordneten-Mafia“.

Auffallend schnell wurde Russlands Geheimdienst FSB beschuldigt, den Giftanschlag im Auftrag des Kreml verübt zu haben. Andere Möglichkeiten wurden nicht in Betracht gezogen. Stichfeste Beweise fehlen bis heute. Das diesbezügliche Ersuchen der russischen an die deutsche Regierung, die Nawalnyj zur Behandlung in der Berliner Charité aufgenommen hatte, wurden zurückgewiesen. Eine Parallele zum Fall des Passagierflugzeugs MH17, das im Juli 2104 über umkämpftem ukrainischen Gebiet abgeschossen wurde, ist augenfällig. Damals wie heute stand die russische Täterschaft noch vor Abschluss der Ermittlungen fest. Russische Einlassungen wurden nicht zugelassen. 

Russland verlangt Aufklärung darüber, wie die Wasserflaschen, die das Gift enthalten haben sollen, nach Berlin kamen, und spricht von antirussischer Provokation und einer Inszenierung. Nawalnyjs Team will die Wasserflaschen im Hotel sichergestellt haben, doch wann hat es von der Vergiftung erfahren, wenn dieser erst im Flugzeug ohnmächtig wurde? 

Selbst Putin-Kritiker wie der Unternehmer Ilja Ponomarjew bezeichnen die Nowitschok-Vergiftung als weit hergeholt. Putins bisherige Taktik gegenüber Nawalnyj sei immer gewesen, ihn totzuschweigen. Die Strafen hätten ausgereicht, um ihn in Schach zu halten. Die Vergiftung eines Oppositionellen, noch dazu eines politischen Leichtgewichts, kann nicht im Interesse Putins liegen.

Also doch eine Inszenierung? Ehemalige Mitstreiter und Unternehmer, die mit dem System Putin in Konflikt geraten waren und nun im Ausland leben, geraten ins Blickfeld. Da ist der Unternehmer Boris Simin, der schon vor Jahren in die USA geflohen sein soll. Laut Nawalnyj hat Simin für seinen Transport von Omsk nach Berlin 79.000 Euro gezahlt. Der heute von London aus agierende Putin-Gegner Jewgenij Tschitschwarkin, Gründer des Mobiltelefonhändlers „Evroset“, war einst gefeierter Jungunternehmer in Russland, ehe er selbst wegen Korruptionsvorwürfen unter Druck geriet. Sergej Aleksaschenko war von Ende 1995 bis 1998 Erster stellvertretender Vorsitzender der russischen Zen-tralbank, ging in Opposition zur Regierung, bevor er in die USA emigrierte. Er und Tschitschwarkin teilten sich die Krankenhauskosten in Höhe von knapp 50.000 Euro. Versorgt Nawalnyjs Netzwerk im Ausland ihn mit der Präzisionstechnik, beispielsweise hochauflösenden Drohnen, mit denen er die Anwesen von Regierungspolitikern filmt, wie bei seiner Kampagne gegen den damaligen Premier Dmitrij Medwedjew 2018? Nawalnyj selbst sagte, dass seine Organisation in Russland aus 40 Regionalstäben bestehe, die auch ohne ihn weiterarbeiteten. 

Wer immer den Giftanschlag in Auftrag gegeben hat, dürfte ein Interesse an der Isolation Russlands haben. Überraschend schnell erfolgte eine Einigung der EU-Minister für weitere Sanktionen. Kam die Anweisung dafür, wie von Kremlsprecher Dmitrij Peskow behauptet, aus den USA?





Unterstützer des Kremlkritikers

Leonid Wolkow ist ein Oppositioneller, der für Nawalnyj als Wahlkampfleiter 2018 arbeitete. Er organisierte den Geldfluss für Nawalnyjs Behandlung in Berlin.

Jewgenij Tschitsch-warkin war gefeierter Jungunternehmer, ehe er gerichtlich verfolgt wurde. Er zahlte den Großteil für Nawalnyjs Behandlung in der Charité.

Sergej Aleksaschenko beteiligte sich an den Kosten für Nawalnyjs Behandlung. Seit 2013 lebt der ehemalige Vize der russischen Zentralbank in den USA.