17.01.2022

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30.10.20 / Nowitschok / Der Kampfstoff, der aus der Kälte kam / Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entwickelt, fand das Nervengift seinen Weg in den Westen – Geheime Weiterentwicklung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44 vom 30. Oktober 2020

Nowitschok
Der Kampfstoff, der aus der Kälte kam
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entwickelt, fand das Nervengift seinen Weg in den Westen – Geheime Weiterentwicklung

„Wenn das eine ,Nowitschok‘-Vergiftung gewesen wäre, dann hätte man sich von dem Mann schon längst verabschieden müssen.“ Das sagte der an der Entwicklung des Nervengifts beteiligte Wissenschaftler Leonid Rink in einem Sputnik-Interview. Vereinfacht erklärt er die Wirkung des chemischen Kampfmittels so, dass dem Opfer zwei für sich genommen völlig harmlose Stoffe nacheinander verabreicht werden und erst im menschlichen Organismus miteinander reagieren und zur Vergiftung führen. Das würde erklären, dass Nawalnyj, in dessen Wasserflasche im Hotel das Gift nachgewiesen wurde, erst nach dem Tee im Flugzeug kollabierte. Rink stützt die Behauptung der russischen Regierung, dass Nawalnyj ein durch Diabetes ausgelöstes Koma erlitten habe. Erstaunlich ist der schnelle Verlauf der Genesung. Nawalnyj war noch während der Reha-Behandlung in der Lage, dem populären russischen Blogger Jurij Dud ein knapp zweieinhalbstündiges Interview zu geben, in dem er sehr lebhaft und klar seine Anschuldigungen gegen Putin formuliert. 

Bei Nowitschok handelt es sich um ein „binäres Kampfmittel“, das Ende der 1970er Jahre in der Sowjetunion unter strengster Geheimhaltung entwickelt wurde, im Westen aber auch schon lange bekannt war. In den USA war die Formel der Chemiewaffe durch die Veröffentlichung von Wil Mirsajanow, einem an der Entwicklung beteiligten und Ende der 80er Jahre für die technische Spionageabwehr zuständigen Wissenschaftler, einem breiteren Publikum bekannt geworden. Nachdem er in die USA emigriert war, veröffentlichte er in einem Buch die Formel des Nervengifts, deren Echtheit westliche Experten bestätigten. Im Jahr 2006 bemerkte der Tscheche Jiri MatouŠek, damals Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), dass in Edgewood/Maryland an Nowitschok geforscht wurde. 

In einem „Zeit“-Interview bestätigt Mirsajanow, dass ein zehntel Milligramm Nowitschok ausreichen, um einen Menschen zu töten. Er geht davon aus, dass Nawalnyj nur geringe Mengen des Gifts verabreicht wurden, in der Hoffnung, dass der Wirkstoff schnell abgebaut und nicht mehr nachweisbar sei. Mirsajanow hegt im Gegensatz zu seinem ehemaligen Freund Rink keinen Zweifel an der Täterschaft des russischen Staats.

Die OPCW fand in Nawalnyjs Organismus einen Nowitschok-ähnlichen Stoff, der aber nicht als verbotener Stoff in der Chemiewaffenkonvention gelistet ist. Russland verwies darauf, dass es unter Aufsicht internationaler Beobachter seine Chemiewaffen vernichtet habe, neben den USA mindestens 20 westliche Länder mit der Substanz gearbeitet hätten und sie in 140 Varianten erhältlich sei. MRK