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06.11.20 / E 4/20 / Schneller als viele Jagdflugzeuge

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 45 vom 06. November 2020

E 4/20
Schneller als viele Jagdflugzeuge
Friedrich List

Vor 100 Jahren flog in Deutschland ein wegweisendes Flugzeug zum ersten Mal. Die Zeppelin-Staaken E4/20 war das erste viermotorige Verkehrsflugzeug der Welt in Ganzmetallbauweise. Sie flog am 9. November 1920 erstmals.

Die E4/20 basierte auf Erfahrungen, die der Zeppelin-Konzern beim Bau der sogenannten R-Flugzeuge (Riesenflugzeuge) gesammelt hatte. Diese schweren Bomber waren vier- bis sechsmotorige Doppeldecker. Sie flogen in der zweiten Kriegshälfte Bombenangriffe auf Großbritannien. Der Konstrukteur der E4/20, Adolf Rohrbach, begann 1917 mit der Entwicklung schwerer Bomber in Ganzmetallbauweise als Ersatz für die Doppeldecker. Er und sein Team entwarfen die R VIII und die R IX, zwei große Eindecker aus Metall mit einer Spannweite von 55 Metern. Für den Antrieb sollten acht Daimler IV a oder Maybach Mb IV a mit je 250 PS sorgen. Gebaut wurde keines von beiden.

Nach dem Kriegsende erlebte die zivile Luftfahrt trotz der harten Bedingungen des Waffenstillstandes von Compiègne einen Aufschwung. Viele ehemalige Militärflugzeuge beförderten nun Post, Fracht und Passagiere. Alfred Colsmann, damals Zeppelin-Generaldirektor, sah hier eine Möglichkeit, weiter Flugzeugbau zu betreiben. Er beauftragte Rohrbach im Mai 1919 mit dem Bau eines viermotorigen Verkehrsflugzeugs in Ganzmetallbauweise. Es sollte auf der Strecke Berlin–Friedrichshafen eingesetzt werden. 

Rohrbach entwickelte auf Basis der beiden Bomber einen viermotorigen Hochdecker für bis zu 18 Passagiere. Er wog rund sechs Tonnen und hatte eine Spannweite von 31 Metern. Die Kabine bot große Fenster und war schallisoliert. Hinten befanden sich Toilette und Waschraum, im Bug eine Pantry für die Fluggäste. Die beiden Piloten saßen in einem Cockpit auf der Tragfläche. 

Testflüge zeigten, wie leistungsfähig das neue Flugzeug war. Es erreichte in Bodennähe 211 Kilometer sowie in größerer Höhe und mit Vollgas 225 Kilometer in der Stunde. Damit war es nicht nur schneller als die großen Doppeldecker der damaligen Zeit, sondern auch als viele Jäger. 

Die Interalliierte Kontrollkommission, die den Abbau der deutschen Luftfahrtindustrie überwachte, interpretierten die Maschine als einen verkappten Bomber. Mit dieser Begründung verfügte sie am 21. November 1920 die Verschrottung der E4/20. Damit besiegelte sie auch das Schicksal von Zeppelin-Staaken, denn ohne den Flugzeugbau verlor das Werk seine Existenzgrundlage. Entsprechend dem am 10. Januar 1920 in Kraft getretenen Versailler Frieden blieb der Flugzeugbau in Deutschland bis 1926 weitgehend verboten. Ein wichtiger potentieller Konkurrent der Siegermächte beim militärischen, aber auch beim zivilen Flugzeugbau war ausgebremst.