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04.12.20 / Großbritannien / Der Antisemitismus-Streit zerreißt Labour / Jeremy Corbyn, die Ikone der Altlinken, kämpft um seine Macht in der Partei

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49 vom 04. Dezember 2020

Großbritannien
Der Antisemitismus-Streit zerreißt Labour
Jeremy Corbyn, die Ikone der Altlinken, kämpft um seine Macht in der Partei
Claudia Hansen

Es brodelt in der britischen Labour Party. Ein tiefer Graben hat sich in der Partei aufgetan, nachdem der frühere Parteichef und gescheiterte Premierministerkandidat Jeremy Corbyn wegen seiner Reaktion auf einen Antisemitismus-Bericht vorübergehend ausgeschlossen worden war. Als „Tag der Schande“ für Labour hat Keir Starmer, seit April neuer Parteichef, den Abschlussbericht der Gleichheits- und Menschenrechtskommission bezeichnet, der minutiös dargestellt hatte, wie und wo in den fast fünf Jahren unter Corbyn in der Labour-Partei antisemitische Umtriebe geduldet sowie jüdische Mitglieder diskriminiert und angefeindet wurden.

Der 71-jährige Altsozialist Corbyn jedoch nannte die Vorwürfe „dramatisch übertrieben“. Daraufhin wurde er Ende Oktober aus der Partei suspendiert und aus der Labour-Fraktion in Westminster ausgeschlossen. Gegen Corbyns Ausschluss erhoben aber mächtige Gewerkschaftschefs Einspruch, allen voran Len McCluskey von der Unite-Union, nebenbei größter jährlicher Geldgeber von Labour. Die Socialist Campaign Group, ein Sammelbecken von harten Linken mit gut dreißig Abgeordneten in Westminster, warf sich ebenfalls für Corbyn in die Bresche.

Vorvorherige Woche konnte Corbyn einen Teil-Sieg feiern: Ein fünfköpfiger Ausschuss des Nationalen Exekutivkomitees (NEC) von Labour hat seine Suspendierung aufgehoben. Aber Starmer will ihn nicht wieder in die Parlamentsfraktion aufnehmen. Seitdem giftet die Labour-Linke verbittert gegen den neuen Parteichef. Als „Tinpot Dictator“ (in etwa: Westentaschendiktator) beschimpft ihn Ian Lavery, ein Corbyn-Getreuer, der bis vor Kurzem Parteigeschäftsführer war.

Der politische Absturz Corbyns ist atemberaubend. Noch vor einem Jahr wollte ihn Labour zum Premierminister machen, jetzt will ihn der neue Chef am liebsten aus der Partei werfen. Auch in der SPD hatte Corbyn zeitweise Freunde und Bewunderer. Kevin Kühnert, damals als Juso-Chef, nannte den Altlinken 2018 „ein Beispiel, das Mut macht“. Corbyn habe „mit ursozialdemokratischen Werten massenweise junge Leute begeistert“.

Nützlicher Bruch für Keir Starmer 

Dabei waren Corbyns Defizite schon lange bekannt. Er vertrat nicht nur einen Betonsozialismus, der wichtige Teile der Wirtschaft verstaatlichen wollte, sondern hat die Nähe zu „antiimperialistischen“ Linksradikalen bis hin zu Terrorgruppen und sozialistischen Diktatoren nie gescheut. Die palästinensische Hamas etwa, die auf der Liste der Terrorgruppen der EU steht, nannte er „Freunde“. Corbyn stand dabei, als Palästinenser und Israel-Hasser einen Ehrenkranz für „Märtyrer“ in Tunis ablegten – und unter den Märtyrern waren auch Attentäter der Gruppe Schwarzer September, die 1972 in München Sportler der israelischen Olympia-Mannschaft ermordet hatten.

Die britischen Juden waren entsetzt, wie sich unter Corbyn das Klima in der Labour-Partei wandelte. Mehrere Abgeordnete wie Luciana Berger verließen die Partei. Der britische Chefrabbiner Ephrahim Mirvis klagte, das „Gift des Antisemitismus“ habe sich von den Wurzeln bis in die Spitze der Partei gefressen. Die parteiinterne Bewegung Jewish Labour Movement warnte davor, Corbyn zum Premier zu wählen. 

Er scheiterte dann auch kolossal mit dem schlechtesten Ergebnis für Labour seit 1935. Trotzdem hat er nach wie vor zahlreiche Fans. Doch Starmers Unterstützer, auch in den Medien, argumentieren, dass die Linksradikalen Ballast gewesen seien. Der Bruch sei nützlich. Tatsächlich kann der 58-jährige frühere Generalstaatsanwalt mit Blick auf Umfragen optimistisch sein: Seine persönlichen Werte liegen weit vor denen von Premier Boris Johnson, der wegen der Corona-Krise angeschlagen ist.