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04.12.20 / Nguyen Ngoc Loan / US-Asyl für einen Kriegs­verbrecher

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49 vom 04. Dezember 2020

Nguyen Ngoc Loan
US-Asyl für einen Kriegs­verbrecher
Manuel Ruoff

Für Corona-Zeiten ziemlich groß wurde in der Bundesrepublik aus Anlass des 75. Jahrestages des Beginns des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher der Internationale Militärgerichtshof (IMG) als Fortschritt in der Geschichte des Völkerrechts gefeiert. Die von den Siegern des vorangegangenen Weltkrieges und Besatzungsmächten Deutschlands gestellten Richter verurteilten von den 24 angeklagten Deutschen sieben zu langjährigen oder lebenslangen Haftstrafen. Jeder zweite Angeklagte wurde zum Tode verurteilt. 

Nun sind gegen Feinde verhängte harte Gerichtsurteile noch kein Ausweis moralischer und politischer Vorbildlichkeit. (Schließlich verhängte das stalinistische Regime in der Sowjetunion auch harte Gerichtsurteile gegen seine Feinde.) Das Gesagte gilt auch für den Fall, dass es sich bei den verurteilten Feinden um Kriegsverbrecher handelt. Von Vorbildlichkeit lässt sich vielmehr erst dann sprechen – und das ist der Lackmustest –, wenn gegen Kriegsverbrecher aus dem eigenen Lager nicht weniger strenge Urteile verhängt werden als gegen solche des Feindes.

Dem Lager des Hauptinitiators des IMG, der USA, zuzurechnen ist der Kriegsverbrecher Nguyen Ngoc Loan. Dem vor 90 Jahren, am 11. Dezember 1930, in der später zur prowestlichen Republik Vietnam gehörenden Stadt Hue geborenen Sohn eines Maschinenbauingenieurs war es beschieden, als Pilot bei den südvietnamesischen Luftstreitkräften Nguyen Cao Ky zum Kameraden zu haben und sich mit ihm anzufreunden. Ky machte Karriere, und das nicht nur beim Militär. Nach dem Militärputsch gegen Ngô Dình Diem wurde der Mitverschwörer 1965 Ministerpräsident Südvietnams. Seinem guten Freund Loan zog er nach und machte ihn unter anderem im Jahre 1966 zum Generaldirektor der Nationalpolizei.

Zwei Jahre später schrieb Loan während der Tet-Offensive Geschichte. Am 1. Februar 1968 erschoss er den wehrlosen, gefesselten Gefangenen der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams (NFB) Van Lém in Saigon auf offener Straße. Nicht nur, dass eine Kamera mitlief, der US-Fotograf und Kriegsjournalist Eddie Adams drückte auch noch im entscheidenden Moment auf den Auslöser. Das Bild und die Filmaufnahme gingen um die Welt. Das Verbrechen war nicht zu leugnen.

Vor der Eroberung Saigons durch die Truppen Nordvietnams und der NFB floh Loan wie Ky und viele andere südvietnamesische Funktionäre 1975 in die Vereinigten Staaten. Statt Loan wegen seines Kriegsverbrechens juristisch zu verfolgen oder wenigstens auszuweisen, gewährten die USA ihm Asyl. Am 14. Juli 1998 starb Loan als freier Mann in Burke, Virginia, an Krebs.