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04.12.20 / Ostpreußen und China / Reger Austausch von Waren, Kunst und Kultur / Bernstein im Reich der Mitte, Chinoiserien in deutschen Schlössern – Kant ist heute Prüfungsstoff für Chinas Staatsbedienstete

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49 vom 04. Dezember 2020

Ostpreußen und China
Reger Austausch von Waren, Kunst und Kultur
Bernstein im Reich der Mitte, Chinoiserien in deutschen Schlössern – Kant ist heute Prüfungsstoff für Chinas Staatsbedienstete
Karlheinz Lau

Schon der Titel des Buches „Ostpreußen und China“ weckt Neugierde. Was haben das kleine Ostpreußen und das Riesenreich in Asien miteinander zu tun? Eine überzeugende und in einigen Punkten überraschende Antwort gibt der Autor Thomas Heberer. Er ist in Offenbach geboren, seine Vorfahren sind 1732 aus dem Salzburger Land wegen ihres Glaubens vertrieben worden. Sie landeten in Ostpreußen, und zwar im heutigen russischen Teil, in Ebenrode. Heberer ist Mitglied der Kreisgemeinschaft. 

Aufgrund seiner Familiengeschichte ist er bekennender Ostpreuße. Er bezeichnet als Ziel dieses Buches, die Erinnerung an diese Provinz wachzuhalten als eine Region, die durch zahlreiche Völker wie Polen, Russen, Deutsche, Balten, Masuren oder Juden geprägt wurde. 

Zu dieser Erinnerungskultur zählt er auch Staats- und Gesellschaftsverbrechen, vornehmlich im 20. Jahrhundert: die Deportation und Ermordung der ostpreußischen Juden, die Verfolgung und Vertreibung der deutschen Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Sowjetunion und Polen. Heberer bedauert, dass das historische Ostpreußen und die nach 1945 stattgefundene territoriale Aufteilung nicht unbedingt im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ist. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass der Tourismus aus der Bundesrepublik nach Ostpreußen zugenommen hat. In der Darstellung seines familiären Hintergrundes baut er stets aktuelle, historische und kulturelle Bezüge ein und vermittelt dadurch eine Vorstellung von der Region. Eindrucksvoll sind im dritten Kapitel seine Gedanken über den Begriff „Heimat“.

Interesse an China früh geweckt

Für einen Jungen war es geradezu spannend, sein Interesse an China zu entdecken. Frühzeitig fand er Gefallen an Erdkunde, er las Bücher über ferne Kontinente und fremde Kulturen, auch Karl May inspirierte ihn. Bald stellte er sich die Frage, wie die Vielfalt der unterschiedlichen Völker miteinander auskommt und was sie voneinander lernen können. 

Nach dem Abitur 1967 studierte er Völkerkunde, Sinologie und Politik. Er spezialisierte sich auf die Kultur, Gesellschaft und Politik Chinas. Türöffner wurde 1972 für Heberer eine Äußerung des damaligen chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai über Königsberg – er sagte nicht Kaliningrad –, das er 1930 im Rahmen eines Europaaufenthaltes besucht hatte. Er zeigte sich beeindruckt. Diese Aussage bestätigte ein Jahr später Berthold Beitz, der eine deutsche Wirtschaftsdelegation nach Peking leitete. Diese scheinbare Randbemerkung beflügelte Heberer bei seinen folgenden mehrjährigen Aufenthalten in der Volksrepublik China (VCR), nach Bezügen zu Preußen, Deutschland und Ostpreußen zu suchen beziehungsweise zu finden. Diese reichen erstaunlicherweise vom Mittelalter bis in die Gegenwart. 

Heberer führte also sein Familiengedächtnis über Ostpreußen mit seinem Fundus an Kenntnissen über China zusammen, das heißt, er stellte Bezüge Ostpreußens zu China und auch umgekehrt her, wobei die neuere Zeit nicht ausgespart wurde. 

Es ist schon erstaunlich, welche Namen von Persönlichkeiten und Ereignisse direkte und indirekte Bindungen von Ostpreußen nach China und umgekehrt besaßen. Der älteste Exportartikel war im Mittelalter der Bernstein. Er gelangte über Russland und die alte Seidenstraße nach China. In neuerer Zeit gewann der Handel mit Tee an Bedeutung, und ganz aktuell ist der Export von Schweinen aus dem russischen Teil Ostpreußens. 

Export über die Seidenstraße

Entscheidende Bedeutung für die Zukunft wird die 2019 eröffnete Bahnverbindung aus China über Russland, Litauen Memel, Königsberg und weiter zum Hafen von Mukran auf Rügen gewinnen. Heberer nennt berühmte Persönlichkeiten: Nicolaus Copernicus, Thomas Mann, Käthe Kollwitz, Hanna Arendt, Oskar Negt, Armin Mueller-Stahl und viele andere. Er beschreibt jeweils ihr Schaffen, ihren Bezug zu China oder ihre Rezeption in China. Dazu gehören auch Kant, Hegel, Herder, Fichte, Schelling und Feuerbach. Der Autor schreibt, dass klassische deutsche Philosophie zum Prüfungsstoff für den Eintritt in den chinesischen Staatsdienst gehört. In weiteren Kapiteln behandelt er die Ziele der preußisch-deutschen Ostasienpolitik, das Schutzgebiet Tsingtau, den Boxerkrieg sowie die Flucht tausender deutscher Juden nach Shanghai vor den Verfolgungen der Nationalsozialisten. Die chinesische Kunst und Chinoiserien in den preußischen Königsschlössern, beispielsweise Schlobitten, aber auch das „Chinesische Haus“ im Park von Sanssouci sind bekannte Zeugnisse aus China. 

Der gesamte Band besticht durch übersichtliche Anordnung der inhaltlich verschiedenen Abschnitte, die zahlreichen Fußnoten zeugen von genauen Recherchen. Zwei farbige Übersichtskarten, das Territorium Ostpreußens bis 1918 und dessen heutige Aufteilung auf Litauen, Russland und Polen, helfen bei der räumlichen Orientierung. Farbaufnahmen illustrieren die Texte, die Ortsnamen werden durchgängig auf Deutsch genannt, die polnische, russische beziehungsweise litauische Bezeichnung als Klammerzusatz, zum Beispiel Memel [Klaipeda]. 

Das Buch bringt mit einem Sonderthema eine gelungene Darstellung der Entwicklung Ostpreußens bis in die Gegenwart. Dass es Teil der deutschen Geschichtslandschaft ist, wird deutlich.

Thomas Heberer: „Ostpreußen und China. Nachzeichnung einer wundersamen Beziehung“, Husum Verlag, Husum 2020, gebunden, 204 Seiten, 19,95 Euro