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04.12.20 / Musikmaschinen / Es werde laut / Musikboxen in Übergrößen – Historische Automaten faszinieren die Hörer selbst im Digitalzeitalter

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49 vom 04. Dezember 2020

Musikmaschinen
Es werde laut
Musikboxen in Übergrößen – Historische Automaten faszinieren die Hörer selbst im Digitalzeitalter
Helga Schnehagen

Kloster Michaelstein in Blankenburg im Harz birgt einen besonderen Schatz: einen gigantischen mechanischen Musikautomaten. Erst seit April 2019 ist das Unikum nach zehnjähriger Pause in einem extra neu errichteten Musikpavillon wieder öffentlich sichtbar. Dabei blickt man auf ein technisches Gesamtkunstwerk mit drei gewaltigen Wasserrädern, bewegten Bälgen und klingenden Orgelpfeifen. Durch die Wasserkraft wird nicht nur eine Stiftwalze für italienische Orgelmusik in Bewegung gesetzt, sondern auch die Figur der Galatea bewegt. 

Nach Corona-bedingter Pause hätte dieser barocke Schallplattenapparat am 6. Dezember wieder ertönen sollen. Nun muss man sich bis zum Ende der Pandemie-Beschränkungen gedulden, bis die Maschine erst im Frühjahr wieder jeweils am ersten Sonntag eines Monats nachmittags vorgeführt wird.

Erfinder des mechanischen Gesamtkunstwerks war der Franzose Salomon de Caus (1576–1626). Der Gartenarchitekt und geniale Ingenieur stammte aus der Normandie. Ausgedehnte Reisen und Aufträge führten ihn später quer durch Europa. Unter anderem hatte er 1610 vom englischen Thronfolger Henry Frederick Stuart den Auftrag erhalten, in London die Wasserversorgung in den königlichen Gärten zu verbessern. Als sein Auftraggeber zwei Jahre später im Alter von nur 

18 Jahren starb, fand er in Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz einen neuen begeisterten Dienstherrn. Friedrich V. hatte 1613 Henrys Schwester Elisabeth geheiratet und wollte seiner anspruchsvollen Ehefrau ein standesgemäßes Zuhause bieten. 

Daher beauftrage der Kurfürst de Caus schon gleich bei seiner Hochzeit mit der Anlage des berühmten Hortus Palatinus, des Gartens vor seinem Schloss in Heidelberg. Zusammen mit Elisabeth reiste de Caus nach Heidelberg, wo er bis 1620 blieb. Zwar wurde der Schlossgarten nie fertiggestellt – und dann auch noch zerstört, doch sind zahlreiche Entwürfe und Bauanleitungen erhalten, bei denen meist von Wasserkraft betriebene ausgeklügelte Automaten als „magische“ Attraktionen eine wichtige Rolle spielen.

Auch die in seinem Buch „Von Gewaltsamen bewegungen“ beschriebene „Machina, mit welcher eine Galatea in einer starcken Linie auf dem Wasser durch zween Delphine gezogen und wieder zurück gehet und ein Cyclops auf einer Schalmeyen spielet“ wurde zu dessen Lebzeiten nie gebaut. Erst 1998 haben sie Ingenieure der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen im Rahmen eines Forschungsprojekts nach Plänen des Universalgelehrten angefertigt.

Die kuriose Konstruktion beruft sich auf eine der sagenhaften Geschichten aus der griechischen Mythologie, in welcher der liebeskranke Polyphem die schöne sizilianische Seenymphe Galatea, die Milchweiße, aus dem Geschlecht der Nereiden verfolgt. Während Letztere von Delphinen gezogen über die Wogen des Meeres vor der Liebe des einäugigen Zyklopen flieht, tröstet sich dieser mit sentimentalem Flötenspiel.

Das Phonola der Villa Pusteblume

Seit Ende des 19. Jahrhunderts fanden Musikautomaten auch in gut betuchte bürgerliche Kreise Eingang. Insbesondere mechanisch oder elektrisch spielende Klaviere und Klaviervorsatzapparate gehörten fortan ins gepflegte Wohnzimmer. Heute überdauern sie in nicht wenigen Museen. Eine Überraschung ist darunter die kleine, aber feine Privatsammlung der Villa Pusteblume in Wesenberg westlich von Neustrelitz inmitten der Strelitzer Kleinseenplatte. Hier, wo sich Orchestrion, Pianola, Walzengrammophone, Polyphone, Drehorgel und so weiter geradezu stapeln, kann man – in normalen Zeiten – die mechanischen Instrumente nicht nur sehen, sondern ihre Klänge und Töne auch hören. Wegen des beengten Raums ist das Museum Corona-bedingt auf unbestimmte Zeit leider geschlossen.

In Wesenberg erfährt man auch Wissenswertes über ihre Verbreitung. So etwa, dass das „Weltadreßbuch der gesamten Musikinstrumenten-Industrie“ in seiner Auflage von 1912 nicht weniger als 150 Firmen nennt, die Klaviervorsatzapparate herstellten. Die meisten davon lagen in Deutschland. Oder dass der Phonolakatalog mit dem Notenrollenrepertoire aus demselben Jahr immerhin 694 großformatige Seiten umfasste. Und dass ein anspruchsvoller Werbeprospekt Namen und Rang von ungefähr 220 Käufern des Vorsatzapparates aufzählte, von denen der rangoberste Kaiser Wilhelm II. und der geringste ein Flottenkapitän war. 

Blaublütige Käufer waren das wichtigste Verkaufsargument. Um sie als echte Kunden auszuweisen, war folgender Zusatz in einer Phonola-Anzeige mit zahlreichen Adels-Referenzen charakteristisch: „Wie alle unsere Lieferungen an höchste Persönlichkeiten, sind auch die obigen ausnahmslos regelrechte Geschäfte, nicht etwa Schenkungen oder Verkäufe zu außergewöhnlichen Bedingungen.“  

Auf prominenter bürgerlicher Seite schreibt der Arzt Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) in seinen Lebenserinnerungen: „In meiner Jugend hatte ich Trompete geblasen, das tat ich jetzt nicht mehr, aber ich kaufte mir ein Phonola, auf dem es sich leicht musizieren lässt. Mein Lieblingsstück war die Egmont-Ouvertüre, die spielte ich mir und meinen Gästen mit großem Schwung vor.“

b Infos www.kloster-michaelstein.de; www.villa-pusteblume-wesenberg.de