17.01.2022

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08.01.21 / Altenpflege / „Allein auf weiter Flur“ / Corona: Das Versagen der Politik hinterlässt in Berliner Pflegeheimen tiefe Spuren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-21 vom 08. Januar 2021

Altenpflege
„Allein auf weiter Flur“
Corona: Das Versagen der Politik hinterlässt in Berliner Pflegeheimen tiefe Spuren
Norman Hanert

Gut ein halbes Jahr ist vergangen, seit sich Bundeskanzlerin Merkel in einer ihrer wöchentlichen Videobotschaften ausdrücklich bei den älteren Menschen für deren Verständnis und deren Haltung in der Corona-Pandemie bedankt hat. Für die Älteren, die allein in ihren Wohnungen oder in Pflegeheimen lebten, sei das Schmerzhafteste sicher gewesen, „über lange Wochen die Kinder und Enkel nicht sehen, nicht einfach in den Arm nehmen zu können“, so die Kanzlerin im Juli.

Verbunden war der Dank der Kanzlerin mit der Erklärung, Bund und Länder wären sich einig, dass die Bewohner in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern besonderen Schutz benötigten. Haben sie ihn bekommen? Kaum. In hartem Kontrast zu Merkels Ankündigung steht das derzeitige Infektionsgeschehen in Pflegeeinrichtungen: In Hessen lag im Dezember der Anteil von Heimbewohnern an der Gesamtzahl der Menschen, die zum Todeszeitpunkt Corona-Positiv getestet worden sind, bei 86 Prozent. Hamburg und Bremen meldeten Werte von mehr als 70 Prozent. Auch in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg handelte es sich bei mehr als der Hälfte der Corona-positiven Todesfälle um Senioren aus Pflegeheimen.

„Senat handelt verantwortungslos“

Trotz der Erfahrungen in der ersten Welle und den Ankündigungen von Bundes- und Landesregierungen ist es der Politik und den Heimbetreibern nicht gelungen, die Senioren zu schützen: Das Wohnen in einem Altenheim muss derzeit sogar als ein großer Risikofaktor gesehen werden.

Auch in den Berliner Pflegeheimen sterben während der zweiten Welle der Corona-Pandemie auffällig viele Menschen, bei denen Corona nachgewiesen wird. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung machen Heimbewohner in Berlin mehr als die Hälfte solcher Todesfälle in der Stadt aus. Im Laufe des Dezembers kam es in sechs Pflegeheimen der Hauptstadt zu großen Corona-Ausbrüchen. Die meisten Infektionen wurden aus dem Pflegezentrum „Goldenherz“ in Berlin-Wedding gemeldet: Das Heim hat 228 Plätze. Im Dezember wurden 104 Bewohnern und 45 Mitarbeiter der Pflegeeinrichtung positiv auf das Virus getestet. 22 Bewohner sind bislang an oder mit dem Coronavirus verstorben. 

Das Gesundheitsamt Reinickendorf bestätigte einen massiven Ausbruch bei einem Pflegeheim an der Techowpromenade. Hier gab es bis Mitte Dezember bereits zwölf Tote. Um die Ausbreitung des Virus in Pflegeheimen einzudämmen, hat der Berliner Senat Mitte Dezember strengere Regeln beschlossen: Mitarbeiter müssen sich seitdem alle zwei Tage einem Test unterziehen. Besucher müssen bei einem Besuch verpflichtend eine FFP2-Maske tragen und ein negatives, maximal 24 Stunden altes Testergebnis vorweisen. 

Der Leiter eines Caritas-Seniorenzentrums in Hohenschönhausen beklagte im Sender rbb, dass die Heime die geforderten Strukturen gar nicht bieten können: „Man muss da auch wirklich sehr deutlich sagen, dass der Senat in unseren Augen sehr verantwortungslos gehandelt hat. Denn er lässt die Pflegeeinrichtungen und das Personal damit ziemlich im Stich und allein auf weiter Flur“, so der Heimleiter. Schon in normalen Zeiten ist die Personaldecke in vielen Heimen dünn. Die Corona-Pandemie verschärft nun die Lage, weil Mitarbeiter in Quarantäne geschickt werden müssen. Die regelmäßigen Corona-Tests binden zusätzlich Personal. Problematisch ist zudem, dass zum Stopfen von personellen Engpässen Pflegemitarbeiter in wechselnden Abteilungen und Heimen eingesetzt werden. Eine Entlastung könnten in dieser Situation Schnelltests für Besucher und Mitarbeiter darstellen.

Gesetz behindert Schnelltests

Solche Schnelltests werden in Frankreich und der Schweiz mittlerweile auch schon in Apotheken angeboten: Hierzulande jedoch verhindern die von der deutschen Politik erlassenen Gesetze die Abgabe von Corona-Schnelltests an Privatpersonen durch Apotheker. Erst knapp ein Jahr nach dem massenhaften Auftreten des neuartigen Corona-Virus signalisierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Dezember immerhin Bereitschaft für eine Änderung. Das Beispiel der Stadt Tübingen zeigt, welch wichtige Rolle solche Tests in einem Gesamtkonzept zum Schutz von älteren Menschen spielen können. 

Bereits während der ersten Pandemiewelle organisierte Tübingen ein spezielles Schutzprogramm mit einem Senioren-Einkaufszeitfenster, günstigen Einzelfahrten im Sammeltaxi und gratis verteilten FFP2-Masken. Das von der Notärztin Lisa Federle entwickelte Tübinger Konzept setzt seit dem Herbst auch auf mobile Teststationen für kostenlose Corona-Schnelltests. Zusammen mit Hygieneregeln sieht Federle in den Schnelltests einen Weg, um während der Pandemie ältere Menschen zu schützen und gleichzeitig ihre soziale Isolation zu verhindern. Auch in der schwäbischen Stadt sind Corona-Infektionen in Pflegeheimen aufgetreten. Allerdings sind die Zahlen weit weniger alarmierend als in anderen Teilen Deutschlands.