24.01.2022

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08.01.21 / Kirchenkunst / Übernatürliches Blau / England nach dem Brexit – Warum ein großer Künstler für einen kleinen Ort Kirchenfenster schuf

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-21 vom 08. Januar 2021

Kirchenkunst
Übernatürliches Blau
England nach dem Brexit – Warum ein großer Künstler für einen kleinen Ort Kirchenfenster schuf
Bettina Müller

Wie eine Vision taucht die Sonne das Innere der All-Saints-Kirche in der Ortschaft Tudeley in der englischen Grafschaft Kent in ein magisches und unergründliches Licht. Beim Eintritt fällt der Blick sofort auf das „Memorial Window“. Das Kirchenfenster erzählt keine tragische Geschichte aus dem Hier und Jetzt, wie die des Brexits oder die der in Großbritannien besonders vielen Corona-Toten, sondern die der 21-jährigen Sarah d’Avigdor-Goldsmid, die vor vielen Jahren vom Meer verschlungen wurde. 

Der Betrachter erkennt: Es ist ihr Moment des Todes, in dem sie die Arme ausbreitet und um göttliche Hilfe bittet. Hoffnung erscheint am Horizont, es ist ein Reiter auf einem roten Pferd. Nun gibt das Meer die junge Frau frei, und sie erklimmt die Himmelsleiter. Bereits vor ihr angekommen ist ihr Freund David Winn, der am 19. September 1963 ebenfalls vor Rye an der südostenglischen Küste ertrank. Nach dem Aufstieg bildet die Farbe rot einen Kreis der Freude, und über allem wacht der gekreuzigte Heiland.

Sarah und David hatten damals keine Chance. Eine Sturmbö schleuderte sie von ihrem Segelboot ins Wasser, das Boot trieb kieloben hinaus aufs Meer. Ein Freund musste mit ansehen, wie David vor seinen Augen in den Fluten versank. Um 9 Uhr versuchte er schließlich, an Land zu schwimmen und erreichte um 11.30 Uhr das Ufer. Sarah konnte nur noch tot geborgen werden.

Im Sommer 1961 hatte Sarah im Pariser Louvre eine Ausstellung mit Werken von Marc Chagall gesehen – und war begeistert. Der russische Künstler schien nun für ihre Eltern, Sir und Lady d’Avigdor-Goldsmid, wie geschaffen, das bleibende Andenken an sie zu gestalten. Chagall nahm den Auftrag nach anfänglichem Zögern an, das große Gedenkfenster entstand. Als er das Ergebnis sah, entschloss er sich, auch die elf anderen Fenster zu entwerfen, die dann in Reims hergestellt wurden. Abgeschlossen war der Auftrag in Tudeley erst 1985, als das letzte der zwölf Fenster eingesetzt wurde, denn viele Gemeindemitglieder waren nicht damit einverstanden gewesen, die alten viktorianischen Kirchenfenster dafür zu entfernen.

Chagalls Werke waren stets stark von der Bibel beeinflusst. Biblische Motive bevölkern daher auch die elf übrigen Fenster, angelehnt an Psalm 8 aus dem „Buch der Psalmen“: „All die Schafe und Rinder, und die Tiere des Feldes, Die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, und alles, was dahinzieht die Pfade der Meere“. Und immer wieder ist da dieses unglaublich beruhigende Blau, das in diesen Pandemie-Zeiten vielleicht sogar Trost spenden kann.