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15.01.21 / Ferdinand Gregorovius / Ein Ostpreuße erschließt das römische Mittelalter / Bis heute werden die Werke des vor 200 Jahren geborenen Historikers gelesen. Der gebürtige Neidenburger prägte das Italienbild der Deutschen maßgeblich

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-21 vom 15. Januar 2021

Ferdinand Gregorovius
Ein Ostpreuße erschließt das römische Mittelalter
Bis heute werden die Werke des vor 200 Jahren geborenen Historikers gelesen. Der gebürtige Neidenburger prägte das Italienbild der Deutschen maßgeblich
Erik Lommatzsch

Drei Lebensmittelpunkte weist die Biographie von Ferdinand Gregorovius auf. Da wären zunächst Jugend, Ausbildung und erste berufliche Tätigkeiten in Ostpreußen. Für über zwei Jahrzehnte nahm er seinen Wohnsitz in Rom. In München ließ er sich in der letzten Lebensphase nieder, in der er immer wieder längere Reisen unternahm. Gregorovius, Verfasser einer Vielzahl überwiegend historischer Schriften und vor allem für seine große „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ bekannt, entfaltete eine kaum zu überschätzende Wirkung: „Kein Deutscher – das darf man auch den Goethe-Verehrern ins Stammbuch schreiben – hat sich um Kenntnis und Verständnis Italiens mehr verdient gemacht als Ferdinand Gregorovius“, so der Historiker Franz J. Bauer.

Die Vorfahren des am 19. Januar 1821 im masurischen Neidenburg geborenen Publizisten, der als freier Historiker auch Maßstäbe in der Wissenschaft setzte, waren überwiegend Rechtsgelehrte und Theologen. Der Vater, Kreisjustizrat, hatte sich für die Renovierung der ehemaligen Deutschordensritterburg verwendet. Diese bewohnte er dann mit seiner Familie. Gregorovius meinte rückblickend, der Bau habe nachhaltig auf ihn gewirkt, ohne diesen Einfluss hätte er möglicherweise niemals seine Geschichte Roms verfasst. Fest steht, dass der unmittelbare Eindruck vor Ort für seine Arbeit stets wesentlich war. Arnold Esch, bis 2001 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom, sagt, Gregorovius’ „Darstellungskunst, deren Suggestion auch seine Kritiker empfanden, beruht auf der innigen Verbindung von Anschauung und Reflexion“. Gregorovius selbst äußerte, der Blick auf Rom mache „mehr zum Philosophen als hundert Winterabende hinter dem Aristoteles“.

Aufgewachsen in einer Ritterburg

Italien hatte für Gregorovius allerdings nicht von Anfang an die zentrale Bedeutung, die es später einnehmen sollte. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Gumbinnen studierte er in Königsberg Theologie und Philosophie. Das Ziel, Pfarrer zu werden, ein Beruf, zu dem er kaum Neigung verspürte, gab er, wie es heißt, nach „zweimaligem Besteigen der Kanzel“ auf. Er setzte das Studium fort und wurde mit einer Dissertation über Plotin, einen der bedeutendsten spätantiken Philosophen, promoviert. Lehrer war er, Redakteur der „Neuen Königsberger Zeitung“ sowie Mitarbeiter der „Hartungschen Zeitung“. Er verfasste daneben mehrere größere Werke, etwa den Roman „Werdomar und Wladislav in der Wüste der Romantik“ oder die Abhandlung „Die Idee des Polenthums. Zwei Bücher polnischer Leidensgeschichte“. Mit den demokratischen Ideen von 1848/49 sympathisierte er. Als erste Beschäftigung mit einem großen historischen Stoff gilt Gregorovius’ 1851 erschienenes Buch über den römischen Kaiser Hadrian.

Eine Reihe von Gründen ist wohl dafür verantwortlich zu machen, dass er 1852 seine Heimat verließ und nach Italien aufbrach. Gregorovius haderte mit den politischen Zuständen. Hinzu kam wohl eine innere Krise. In dieser Situation gab ihm die materielle Unterstützung eines Freundes Gelegenheit zur Reise, die schließlich zu einem langjährigen Aufenthalt wurde. Im April 1852 erreichte er Venedig, durchwanderte aber zunächst ein Vierteljahr lang Korsika, bevor er nach Rom gelangte. In der ewigen Stadt verfasste er ein Buch über die im zurückliegenden Sommer erkundete Mittelmeerinsel. Die Art und Weise des Beschreibens setzte er in fünf Bänden „Wanderjahre in Italien“ fort. Gregorovius gilt damit als Begründer der historischen Landschaftsschilderung.

Ehrenbürger Roms

Über sein Vorhaben, eine Geschichte Roms zu verfassen, notierte er im Oktober 1854 in seinem Tagebuch: „Ich faßte den Gedanken dazu, ergriffen vom Anblick der Stadt, wie sich dieselbe von der Inselbrücke S. Bartolomeo darstellt. Ich muß etwas Großes unternehmen, was meinem Leben Inhalt gäbe.“ Das Werk erschien zwischen 1859 und 1872 in acht Bänden. Die preußische Regierung förderte die Erstellung finanziell. Der Inhalt umfasst reichlich 1000 Jahre von der Eroberung der Stadt durch den Westgoten Alarich I. 410 bis zur Plünderung durch die Truppen Karls V., den Sacco die Roma 1527. Mehrfach wurde es übersetzt und war populär.

Hohe Ansprüche hatte Gregorovius an sich selbst: „Ich suche Forschung und künstlerische Darstellung zu vereinigen und wünsche auch, daß man mir zugäbe, die Kunst des Erzählers zu besitzen, welche in Deutschland nicht häufig ist.“ Gerecht geworden ist er dem. Zwar mögen dem Leser von heute die Moralisierungen fremd sein. Auch das Urteil über die Päpste, deren weltlicher Macht der protestantische Autor äußerst skeptisch gegenüberstand, hält moderner Forschung nicht mehr stand. Nach wie vor beeindruckend jedoch ist die Menge der von Gregorovius durchgesehenen Dokumente. Für damalige Verhältnisse ungewöhnlich, berücksichtigte er Volk und Alltag ausführlich. Nach Esch entfaltet Gregorovius „seine Meisterschaft … im Gruppieren der Stoffmassen um bestimmte Leitgedanken, in der treffenden Auswahl und dem gelungenen Arrangement der Quellen, der Abfolge von Ereignisschilderung und Zustandsbeschreibung und im einfühlsamen Porträt“.

Das Risorgimento, die italienische Einigungsbewegung, verfolgte er mit Wohlwollen. Die Stadt Rom machte ihn zum Ehrenbürger und finanzierte eine Übertragung der Arbeit in die Landessprache, während der Vatikan sie auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher setzte. Die Italiener suchten seinen Rat beim Neuaufbau der römischen Archive. 

Nachdem er noch eine Monographie über Lucrezia Borgia abgeschlossen hatte, ebenfalls auf breiter Materialgrundlage, siedelte Gregorovius 1874 nach München über. Neue Aufgaben nahm er in Angriff, nicht ohne Übergangsschwierigkeiten nach dem Abschluss seines monumentalen Hauptwerkes. Wiederum stark geprägt von Eindrücken vor Ort entstand unter anderem die „Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter“. Nicht alle Vorhaben konnte er vor seinem Ableben am 1. Mai 1891 umsetzen. Eine geplante Jerusalem-Darstellung blieb unausgeführt. 

Gregorovius hat insbesondere im letzten Lebensdrittel hohe Anerkennung erfahren, war Mitglied mehrerer Akademien, eine Professur schlug er aus. Sein umfassendes Werk wird zu großen Teilen bis heute nachgedruckt.