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15.01.21 / Der geistige Raum der Nation / Nach der Reichseinigung von 1871 waren die politischen Grenzen Deutschlands andere als diejenigen des deutschen Kulturraums. Und doch rückte die Kulturnation enger zusammen als jemals zuvor

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-21 vom 15. Januar 2021

Der geistige Raum der Nation
Nach der Reichseinigung von 1871 waren die politischen Grenzen Deutschlands andere als diejenigen des deutschen Kulturraums. Und doch rückte die Kulturnation enger zusammen als jemals zuvor
Eberhard Straub

Am 20. Januar 1871 dankte Franz Grillparzer der Königin Augusta von Preußen, indessen deutsche Kaiserin, für deren Glückwünsche zu seinem 80. Geburtstag. „Also zuerst die Ehrfurcht vor der Kaiserin und Königin. Dann ist aber noch etwas, was hundertfältig in meinem Herzen widerklingt: die Tochter Weimars! Ja, Majestät! Dort ist trotz Main und Rheinlinien das wahre Vaterland jedes gebildeten Deutschen.“ Als solchen begriff sich der österreichische Schriftsteller weiterhin. Die „Reichsdeutschen“ konnten neue Grenzen ziehen und mit ihnen einen neuen politischen Raum einhegen. Das war betrüblich und bedenklich genug. Aber das wahre Vaterland, der deutsche Kulturraum, entzog sich solchen Eingriffen, wie er hoffte. Weimar lebte fort in der Sprache, im Wort, das Geist und Leben beisammenhält. Weimar war aber nicht nur ein heiliger Ort für Grillparzer. Bereits Goethe hatte aufmerksam und mit Sympathie das Wiedererwachen der Tschechen, der Kroaten, Serben und Ungarn beobachtet.  

Vielfältige Zentren des Kulturlebens

Diese, im k.u.k.-Reich groß geworden, verehrten Goethe als Freund und Befreier. Den meisten Dichtern und Gelehrten, die sich darum bemühten, einen jeweiligen Volksgeist zu erwecken – übrigens meist mit Hilfe enthusiastischer Deutscher, die gerne auch Böhmen, Slowaken oder Ungarn wurden –, war gar nicht an einem vollständigen Bruch mit den Deutschen gelegen. Sie sahen die Vorteile, die ihnen die übernationale Monarchie im Einverständnis mit den deutschen Staaten bot – nämlich nur in dieser Kombination eine gewisse Weltgeltung zu gewinnen. Daran änderte sich auch nach 1871 nichts. Denn das Deutsche Reich blieb ja ein Verein deutscher Staaten, die ihre Verluste politischer Selbstständigkeit durch moralische Eroberungen, also kulturelle Eigenwilligkeit kompensieren wollten. Diese Absicht erleichterte es den „Reichsdeutschen“, die ja gar keine deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, sondern Bayern, Hessen, Sachsen oder Preußen blieben, sich in das Reich als einem Verband zu fügen, der in Vielfalt geeint weit davon entfernt war, in der Gleichheit der Lebensverhältnisse und des Denkens ein wünschenswertes Ideal zu vermuten.

Um 1900 unterschieden sich die Residenzstädte, aber auch die großen Handelsplätze wie Frankfurt, Leipzig oder Breslau erheblich voneinander, die allesamt eifersüchtig beobachteten, was sich in Berlin regte. Mochte das Reich von 1870/ 71 auch politisch geeint sein, kulturell glich es eher dem Italien der Stadtstaaten während der Renaissance. Dieses Deutschland der Städte und ungemein verschiedener kultureller Bestrebungen und Lebensformen zwischen Köln und Königsberg zog Europäer aus allen Himmelsrichtungen wegen seiner ungewöhnlicher Freiheiten an. 

Vor allem aber entsprach die aufregende Unübersichtlichkeit im Deutschen Reich den Temperamenten in Österreich-Ungarn. Wien war die deutsche Weltstadt, doch im Laufe des 19. Jahrhunderts hatten sich Prag und Budapest ebenfalls zu europäischen Metropolen entwickelt, Graz und Innsbruck betonten eine bewusste Unabhängigkeit, Lemberg und Agram traten hinzu, und Triest blieb als Erbe Venedigs der wichtigste Hafen im Mittelmeer.

Diese Städte schauten nach Wien und Berlin, suchten jedoch zugleich engen Anschluss an die vielen kulturellen Zentren im deutschen Reich, die wie sie stolz auf ihre Eigenart waren. Was alle verband, das war die deutsche Sprache, eine Art Latein des 19. Jahrhunderts, eine Reichssprache  für die Monarchie und die übrigen Deutschen, wo immer sie lebten. Sie war ein notwendiges Verkehrsmittel wie die Eisenbahn. Während der langen Epoche des Kaisers  Franz-Joseph lernten sich die einzelnen Völker und die Deutschen insgesamt erst richtig kennen. Das führte zu Reibereien, die von Politikern betont und oft übertrieben wurden, aber auch zu einer bislang ungewohnten Nähe. 

Die Bedeutung der Sprache

Denn die meisten Ungarn, Böhmen, Kroaten und so weiter lernten die Vorteile schätzen, die mit dem Gebrauch der deutschen Sprache und der Kenntnis anderer Umgangssprachen in Österreich-Ungarn verknüpft waren. Die „Reichsdeutschen“ sahen es nicht anders. Schließlich war die Donau-Monarchie ihr zuverlässigster Verbündeter und Handelspartner. Das setzte damals noch voraus, Sprachen zu lernen, um sich mit einem potentiellen Geschäftspartner besser verständlich machen zu können. 

Die Deutschen waren noch polyglott, wirkliche Europäer, und hatten eine Freude daran, in dem weiten Hinterland ihres Reiches keine Fremden zu sein. Diese Weitläufigkeit bewahrte sie vor Provinzialismus, und alsbald erkannten Skandinavier wie Russen, dass über deutsche Übersetzungen der Weg in die Weltliteratur führte.  Die Deutschen in Österreich und Ungarn waren darauf bedacht, ihre Vorstellungen von der Aufgabe Österreichs den neuen Verhältnissen anzupassen, damit Deutschland in Europa und Mitteleuropa zusammen mit Österreich weiterhin als eine kulturelle Macht zu wirken vermochte. Die Nation konnte sich nicht auf einen politischen Staat beschränken, sondern sie blieb auf die Kulturnation angewiesen, die als solche andere Völker und Sprachen umfasste; jedoch nicht, um diese zu erdrücken, vielmehr um sie als regionale Sonderformen in größere Zusammenhänge zu rücken. 

Franz Molnárs Komödien wurden über Wien und Berlin und die übrigen deutschen Theater zu Welterfolgen wie die Operetten seines Landsmanns Franz Lehár. Die Direktoren des Burgtheaters waren meist Reichsdeutsche, während in Berlin der Österreicher Max Reinhardt sein Bühnenimperium aufbaute. Der Münchner Richard Strauss, Generalmusikdirektor des preußischen Königs und deutschen Kaisers, ließ seine Opern mitsamt den Libretti des Wieners Hugo von Hofmannsthal zuerst in Dresden aufführen. Eine kleinere Stadt biete ein aufmerksameres Publikum als in Wien oder Berlin, wo eine Sensation der nächsten folge und deshalb jede Konzentration verhindere, sich ernsthaft auf ein Werk zu einlassen.

Wegen des ungemeinen Erfolgs des „Rosenkavalier“ 1911 wurden erstmals Sonderzüge eingesetzt, um es sensationslüsternen Berlinern zu ermöglichen, in Dresden diese Wiener Farce schon zu sehen, bevor sie in Berlin ihre Premiere hatte. Hofmannsthal und Strauss veranschaulichten die ungebrochene deutsch-österreichische Einigkeit. Hofmannsthal, dessen Dramen zuerst in Berlin gespielt wurden, scharte um sich einen Kreis von Norddeutschen, den Bremer Rudolf Alexander Schröder, den Königsberger Rudolf Borchardt, den in Wiesbaden geborenen Eberhard von Bodenhausen oder den Berliner Harry Graf Kessler, mit dem zusammen er in Weimar die Dichtung des „Rosenkavaliers“ entworfen hatte. 1927 würdigte er in einer großen Rede in München das Schrifttum als geistigen Raum der Nation, den eigentlichen Lebensraum nicht allein der Deutschen, sondern aller gebildeten Mitteleuropäer, die als solche Anteil an der deutschen Kultur und Kulturnation hatten. Richard Strauss verließ 1919 Berlin und ging nach Wien. Der bayerische Preuße wurde zum bayerischen Österreicher und blieb doch, was er immer war – ein deutscher Meister.

Vielfältige Zentren des Kulturlebens

Zum geistigen Raum gehörte unbedingt die Wissenschaft. Es war im preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff, den Wilhelm II. seinen „Napoleon der Hochschulpolitik“ nannte, der ab 1898 gemeinsame Konferenzen der deutschen Kultusministerien mit den entsprechenden österreichischen Beamten organisierte, um Österreich und das Reich als gemeinsames Reservoir für die „deutsche Wissenschaft“ als Inbegriff der Freiheit und ernster Wissenschaftlichkeit zu nutzen und die weitere Entwicklung der Universitäten zu koordinieren. Österreich bis hinab nach Siebenbürgen und hinüber nach Czernowitz sowie das Deutsche Reich  waren sich nie so nahe gewesen wie nach 1871. Zwar dienten die Reichsdeutschen von nun an nur noch selten in der k.u.k. Armee und waren kaum noch Hofräte. Aber sie reisten kreuz und quer durch „die Monarchie“, und Österreicher wie Ungarn tummelten sich überall „im Reich“ als Maler, Musiker, Studenten, Schauspieler, Professoren oder undefinierbare Genies. Das hatte Folgen bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Der Kult um Rilke und Kafka erreichte erst nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Höhepunkt. Wer nach und nach Thomas Manns Lübecker Bildungsbürgerromane nicht mehr gar so exquisit fand, hielt sich an Robert Musil und Hermann Broch oder schloss sich den „Heimitisten“ an, die sich mit Heimito von Doderers Romanen einem langwierigen Prozess der Austrifizierung unterzogen, den der Schriftsteller, dessen Vorfahren aus dem protestantischen Württemberg und aus Bayern kamen, selbst durchlaufen musste. Das untergegangene Österreich-Ungarn überlebte im deutschen Heimatfilm und in Schlagern. In der Operette „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“, 1930 in Berlin uraufgeführt, sind noch einmal sämtliche Klischees aus der Welt von gestern versammelt: die Alpenkulisse, resolute Madeln, prächtige Mundwerkburschen, Berliner Anwälte mit Gemüt, ein verträumter deutscher Professor und nicht zuletzt der Kaiser, der weise und gütig alles Ungeordnete wieder ins Lot bringt. 

Heute ist in Deutschland und in Österreich die Welt von gestern vollständig vergessen. Mitten in Europa sind Deutsche und Österreicher Provinzler geworden, die behaupten, Europäer zu sein, ohne über ihre deutschen und mitteleuropäischen Wurzeln Bescheid zu wissen. Doch wie kann einer Europäer sein, der nicht einmal sich selber kennt? 

Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Werken gehört unter anderem „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (Klett-Cotta 2014). 

www.eberhard-straub.de