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29.01.21 / Historische Forschung / „Preußen zwischen Demokratie und Diktatur“ / Neueste Forschungsergebnisse schärfen das Bild der Machtübernahme der Nationalsozialisten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-21 vom 29. Januar 2021

Historische Forschung
„Preußen zwischen Demokratie und Diktatur“
Neueste Forschungsergebnisse schärfen das Bild der Machtübernahme der Nationalsozialisten
Karlheinz Lau

Das Thema des Buches „Preußen zwischen Demokratie und Diktatur“ behandelt die Ergebnisse von zwei Fachtagungen, die auf der Grundlage neuester Forschungsergebnisse in Fallstudien die des Freistaates Preußen sowie der Städte Berlin, Köln und Hildesheim untersuchten, das heißt in der Fläche und in Ballungszentren. 

Behandelt werden die Provinzen Preußens und Ostpreußen, Westfalen und Brandenburg sowie der Freistaat Anhalt. Die Autoren sind mit einer Ausnahme junge Wissenschaftler, Historiker, die auf den Forschungsergebnissen bekannter Namen wie Karl D. Bracher, Heinrich A. Winkler oder Martin Broszat aufbauten. Es fällt auf, dass die Fallbeispiele ausnahmslos nicht aus süddeutschen Gebieten wie etwa Bayern stammen, wo ja München als Hauptstadt der Bewegung galt. In allen Beispielen sind die regionalen Besonderheiten zu berücksichtigen, die den Nationalsozialisten unterschiedliche Taktiken in den Methoden und auch dem Tempo der Gleichschaltung aufzwangen.

Ostpreußen war NSDAP-Bastion

Ostpreußen war ein Agrarland mit einer überwiegend gutsherrlichen Eigentumsstruktur. 1919 wurde es durch den Versailler Vertag vom übrigen Reichsgebiet abgeschnitten, was die Randlage dieser Provinz noch stärker betonte. Politisch galt Ostpreußen als Wacht des Deutschtums im Osten, was die Identifikation der Menschen mit ihrer Heimat durchaus beförderte. Es war überwiegend eine konservativ eingestellte Bevölkerung, die national eingestellten Parteien stets zur Mehrheit verhalf. Ostpreußen wurde nach der „Machtergreifung“ stärkste Bastion der NSDAP. 

Völlig anders gestaltete sich die Entwicklung in Köln. Hier ist zuerst die überragende Persönlichkeit des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, des späteren ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, zu nennen. In dieser Stadt stießen die Nationalsozialisten bei der konservativ-liberal eingestellten Bevölkerung auf nicht unerhebliche Skepsis und Widerstand. Hinzu kam der starke Einfluss der katholischen Kirche. Führende politische Kraft war die Deutsche Zentrumspartei. Die Weltwirtschaftskrise hatte Einfluss auf die Radikalisierung der Bevölkerung, aber erst die „Machtergreifung“ und in der Folge die Entlassung Adenauers als Oberbürgermeister machten den Weg für die Nationalsozialisten frei, mit ihren berüchtigten Provokationen und Gewalttätigkeiten die Macht in Köln zu übernehmen. 

In einem weiteren Beitrag wird die Machtübernahme in einem Innenstadtkiez von Berlin-Kreuzberg beschrieben. Im Zentrum stand die Nostizstraße. Berlin als Reichshauptstadt besaß für die NSDAP eine Schlüsselstellung im Kampf um die Macht im Reich. Ausführlich werden die jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen SA und kommunistischen Organisationen beschrieben. Erst nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler obsiegten die Nationalsozialisten. Ganz aber konnten sie dieses Arbeiterviertel, wie weitere Viertel der Hauptstadt, nicht beherrschen. Berlin wurde keine Hochburg der Nationalsozialisten.

Die Unterschiede in den Prozessen der Machtübernahme durch die NSDAP in den einzelnen Regionen des Reiches werden an den gewählten Beispielen deutlich herausgearbeitet. Generell waren dies Gewalt, Einschüchterung, Antisemitismus, die je nach Einstellung der Bevölkerung – konservative Kräfte im Raum Köln oder Arbeitermilieu in Berliner Kiezen – dosiert eingesetzt wurden. Hinzu kam eine allgemeine und flächendeckende Radikalisierung durch die Wirkungen der Weltwirtschaftskrise. Offenen Widerstand leisteten nur vereinzelt Anhänger der Sozialdemokratie; die Anpassung vieler Deutscher an die neuen Machtverhältnisse war offensichtlich viel stärker als der Wille, demokratische Grundsätze zu verteidigen. Ein geflügeltes Wort charakterisiert die Weimarer Republik: „Eine Demokratie ohne Demokraten“.

Einblick in interne Netzwerke

Grundsätzlich neue Erkenntnisse über die Ziele, Methoden und Ergebnisse der Machtübernahme der Nationalsozialisten in den Ballungszentren und dem platten Lande waren nicht zu erwarten, aber alle Beiträge zeigen, wie durch gründliche Auswertung kommunaler Akten und Archive das vorhandene Bild jener Ereignisse weiter geschärft wird und sogar Überraschungen über interne persönliche Netzwerke möglich sind. Diese Aufgabe der Forschung bleibt weiterhin bestehen. Die einzelnen Kapitel des Buches können getrennt gelesen werden, zahlreiche authentische Schwarz-Weiß-Fotos ergänzen die Darstellungen, eine Karte, die die Weimarer Republik mit ihren Einzelstaaten zeigt, wäre hilfreich gewesen. Zu fragen ist, warum der Bereich Schule und Hochschule ausgespart wurde. Die Gruppe um Ulbricht zeigte 1945 die Bedeutung dieses Feldes für die kommunistische Übernahme der Macht in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone. Das Buch ist mit den unterschiedlichen Beiträgen gut geeignet für die politische Bildungsarbeit an Schule und Hochschule sowie in der außerschulischen Bildungsarbeit. Es stärkt die wehrhafte Demokratie, weil es ihre Schwächen zeigt.

Michael C. Bienert/ Lars Lüdicke (Hg.): „Preußen zwischen Demokratie und Diktatur“ – Die Durchsetzung der NS-Herrschaft in den Zentren und der Peripherie, 1932–1934“, be-bra Verlag, Berlin-Brandenburg, 2020, gebunden, 239 Seiten, 19,95 Euro