17.01.2022

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12.02.21 / Verbraucherpreise / Deutsche zahlen immer mehr für Grundnahrungsmittel / Die Stuttgarter Universität Hohenheim hat zur realistischeren Abbildung der Lebenshaltungskosten den „Chili-con-Carne-Index“ entwickelt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-21 vom 12. Februar 2021

Verbraucherpreise
Deutsche zahlen immer mehr für Grundnahrungsmittel
Die Stuttgarter Universität Hohenheim hat zur realistischeren Abbildung der Lebenshaltungskosten den „Chili-con-Carne-Index“ entwickelt
Wolfgang Kaufmann

Im Januar stiegen die Renditen für langjährige US-Staatsanleihen deutlich, wenngleich noch auf niedrigem Niveau. Das könnte eine Trendwende bei der Zinsentwicklung ankündigen – ausgelöst durch die Erwartung eines größeren Geldbedarfes des Staates unter dem neuen Präsidenten Joe Biden. Allerdings wächst nun nicht nur die Hoffnung auf bessere Renditen, sondern auch die Inflationsangst. Und es stellt sich die Frage, inwieweit eine steigende US-Inflation auf die übrigen Volkswirtschaften durchzuschlagen vermag. Ein Anziehen der Inflation hierzulande wäre problematisch, da die Lebenshaltungskosten dann noch weiter nach oben klettern würden. Denn die sind auch so schon beträchtlich gewachsen. Das zeigen die Preise für Nahrungsmittel.

Inflationsangst wächst

Diese lagen 2020 um 2,5 Prozent höher als 2019 – und das trotz der Mehrwertsteuersenkung von sieben auf fünf Prozent zwischen dem 1. Juli und 31. Dezember. Dabei handelt es sich um einen Durchschnittswert, was impliziert, dass manche Lebensmittel auch billiger wurden. Wie insbesondere Kartoffeln, wo die Nachfrage infolge der Gaststättenschließungen und des dadurch verursachten geringeren Absatzes von Pommes Frites massiv einbrach. Dafür fiel der Preisanstieg bei anderen Lebensmitteln jedoch umso deutlicher aus. Schweinefleisch verteuerte sich um 

17,2 Prozent und Rindfleisch um 3,9 Prozent. Ähnlich ist die Situation bei Milchprodukten. Butter kostete 2020 im Schnitt 11,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine besondere Belastung für die Verbraucher stellten zudem die Preissteigerungen bei Obst und Gemüse dar. Sie betrugen 14,2 beziehungsweise 26,3 Prozent.

Diese Sprünge waren keineswegs nur den besonderen Bedingungen des Corona-Jahres geschuldet, in dem durch Grenzschließungen die Erntehelfer aus dem Ausland ausblieben. Denn die Menschen bevorzugten zumindest in der ersten Phase der Pandemie Produkte mit längerer Haltbarkeit. Vielmehr setzte sich hier eine Entwicklung fort, die schon vor geraumer Zeit begann.

Von Anfang 2010 bis Ende 2020 sind die Preise für Nahrungsmittel um insgesamt 24 Prozent gestiegen. Bei Fisch und Meeresfrüchten betrug der Zuwachs sogar 30,9 Prozent. Auffallend stark war des Weiteren auch die Verteuerung von Obst um 39,5 Prozent und Fleisch beziehungsweise Fleischwaren um 28,7 Prozent. Dabei lag der durchschnittliche jährliche Anstieg der Lebensmittelpreise um knapp 2,2 Prozent oftmals deutlich über der offiziellen Inflationsrate. Die soll im Zeitraum von 2010 bis 2019 zwischen 0,3 (2015) und 2,1 Prozent (2011) betragen haben – und für 2020 meldete das Statistische Bundesamt Monatswerte von 1,7 (Januar) bis minus 0,3 Prozent (November und Dezember) sowie einen Jahresdurchschnitt von 0,2 Prozent.

Angesichts dieser extremen Diskrepanz zwischen der Entwicklung vieler Lebensmittelpreise und der Inflationsrate haben Jan Swiatkowski und Marius Puke von den Lehrstühlen für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen der Stuttgarter Universität Hohenheim einen alternativen Index zur realistischeren Abbildung das Anstiegs der Lebenshaltungskosten auf dem Gebiet der Ernährung entwickelt. Der berücksichtigt vor allem die Preisentwicklung bei den rund 70 Produkten, welche die Verbraucher – allen voran jene mit geringerem Einkommen – in der Regel besonders häufig verwenden. Dazu zählen beispielsweise Tomaten, Dosenbohnen und Hackfleisch. Deshalb erhielt der Index dann auch die scherzhafte, aber nicht unzutreffende Bezeichnung „Chili-con-Carne-Index“. Auf der Grundlage ihres Warenkorbes, der gleichzeitig noch den veränderten Ernährungsgewohnheiten während der Corona-Pandemie Rechnung trägt, ermittelten Swiatkowski und Puke für die Zeit von Februar bis Mai 2020 einen Preisanstieg von immerhin 7,5 Prozent – während die offizielle Inflationsrate von 1,7 auf 0,6 fiel.

Warnung vor sozialer Katastrophe

Mit Blick auf den Chili-con-Carne-Index warnte die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Sabine Zimmermann von der Linkspartei, unlängst vor einer „sozialen Katastrophe“ und leitete daraus umfangreiche Forderungen ab. Darunter beispielsweise nach einer Erhöhung des Mindestlohnes von derzeit 9,50 Euro auf 12 Euro sowie einer Anhebung des Kurzarbeitergeldes für Mindestlohnempfänger auf 100 Prozent des Nettoeinkommens. Dabei gäbe es aber auch andere Möglichkeiten, um den sozialen Sprengstoff aufgrund des rasanten Anstiegs der Lebensmittelpreise zu entschärfen. Das zeigt ein Blick auf die Hauptursache des Letzteren.

Es besteht nicht nur ein großer Unterschied zwischen der Inflationsrate und den stetig kletternden Preisen für Nahrungsmittel in einem realistisch festgesetzten Warenkorb. Genauso auffällig ist die Differenz zwischen dem, was die Produzenten in der Landwirtschaft erhalten, und dem, was der Kunde dann an der Ladenkasse hinblättern muss. Auch hierzu einige Zahlen: Während es beim Schweinefleisch 2020 zu einem Absturz der Erzeugerpreise um 30,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr kam, schnellten die Verbraucherpreise um knapp ein Fünftel nach oben. Bezogen auf alle Lebensmittel galt, dass die Erzeuger 2020 etwa vier Prozent mehr erhielten als 2015, während sich die Teuerung für die Konsumenten im gleichen Zeitraum auf durchschnittlich zwölf Prozent belief. Der Schlüssel zu einer sozial verträglicheren Entwicklung des Chili-con-Carne-Indexes liegt also wohl in der Reduzierung der hohen Gewinnmargen des Handels.