17.01.2022

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12.02.21 / Tierhandel / Auf den Corona-Hund gekommen / Viele Lockdown-geplagte Bürger schaffen sich ein Haustier an – Dadurch blüht auch der Handel mit illegalen Hundewelpen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-21 vom 12. Februar 2021

Tierhandel
Auf den Corona-Hund gekommen
Viele Lockdown-geplagte Bürger schaffen sich ein Haustier an – Dadurch blüht auch der Handel mit illegalen Hundewelpen
Stephanie Sieckmann

Ein sonniger Tag am Stadtrand von Bremen. Eiskalter Wind fegt Sprühregen über die Wiesen. „Komm Bonni, komm!“ Bettina Wachler strahlt glücklich. Bonni ignoriert die Rufe und folgt weiter seiner Nase. Seine Besitzerin nimmt es gelassen, dass der Hund nicht gehorcht. 

„Mein Mann und mein Sohn wollten schon immer einen Hund haben, meine Tochter und ich waren dagegen,“ erzählt die 42-Jährige, die in Teilzeit arbeitet und an zwei Tagen in der Woche ins Büro fährt. Dann kam Corona und ihr Mann, der sonst sehr viel auf Reisen ist, zog ins Homeoffice, die Schule hatte geschlossen, die Kinder blieben zu Hause. Unternehmungen fielen ersatzlos aus. Ein Hund war da die perfekte Lösung: Abwechslung, Gesellschaft, Beschäftigung, Grund für Spaziergänge. Aber Bonni zu finden, war nicht leicht.

Die Entscheidung, einen Hund anzuschaffen, traf Familie Wachler im März 2020, mitten im ersten Lockdown. Die Tierheime der Umgebung hatten keinen jungen Hund im Angebot, bei Rassehundezüchtern wurde auf die Wurfplanung verwiesen. Ein Jahr warten wollte die Familie nicht. Gefunden haben die Wachlers ihren Hund schließlich auf einer Webseite im Internet. Der Rüde war zu dem Zeitpunkt zehn Monate alt und lebte auf einer Pflegestation in Deutschland, nachdem er von einer Hilfsorganisation aus Rumänien gerettet worden war. So die Geschichte, die der Familie erzählt wurde.

Der Corona-Lockdown mit Home­office und Schulschließungen hat die Nachfrage nach Heimtieren explodieren lassen. Der Geschäftsführer des weltweit größten Tierfachhandels „Zoo Zajac“ in Duisburg wird von der „Bild“-Zeitung mit der Aussage zitiert, „er mache das Geschäft seines Lebens“. Über den Ladentisch gehen hier derzeit täglich so viele Hamster wie sonst in einer Woche verkauft werden.

Bei den Wellensittichen sind es pro Monat 500 Tiere statt 17. Hunde sind ausverkauft. Auch der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) verzeichnet einen deutlich gestiegenen Absatz. Bundesweit sind im Corona-Jahr 2020 rund 

20 Prozent mehr Hunde verkauft worden. Die Züchter von Rassehunden können die schlagartig gestiegene Nachfrage jedoch nicht bedienen. Sie planen die Würfe ihrer Hündinnen in der Regel Monate im Voraus, haben dann oft schon Interessenten, die sich für einen Welpen vormerken lassen. Da stellt sich die Frage: Woher kommen die vielen Hunde, die im Corona-Jahr neue Besitzer gefunden haben?

Bundesweit hat sich die Zahl der registrierten Hunde im vergangenen Jahr deutlich erhöht. Nachdem im März und April die Grenzen geschlossen waren, explodierte die Anzahl der Registrierungen im Juni auf 39.000 Tiere und wies damit eine Steigerung um 25 Prozent zum Vorjahr auf. Der Grund: Viele Hunde kommen aus Süd- und Osteuropa. Der Onlinehandel mit angeblich geretteten Hunden aus diesen Regionen boomt, der illegale Welpenhandel ebenfalls.

Lockangebote aus dem Internet

Lea Schmitz vom Tierschutzbund kennt sich mit dem Thema gut aus. Dort gehen täglich Anrufe von Hundehaltern ein, die verzweifelt sind, weil sie ein Tier über eine Online-Anzeige gekauft haben und dabei auf Kriminelle hereingefallen sind. Oft ist der Welpe zu jung von der Mutter weggenommen worden, zeigt Verhaltensauffälligkeiten oder wird nach wenigen Tagen schwer krank. Der Verkäufer ist dann nicht mehr zu erreichen. Zunehmend werden in den Tierheimen junge Hunde im Alter bis zu neun Monaten mit Verhaltensauffälligkeiten abgegeben. Die neuen Besitzer sind überfordert mit den verstörten Tieren.

„Die Gefahr ist derzeit groß, dass Interessenten den vermeintlichen einfachen und schnellen Weg wählen, ein Tier über den Onlinehandel zu kaufen und dabei – oft auch ohne es zu wissen – den illegalen Welpenhandel unterstützen“, erklärt Tierschützerin Schmitz. Dazu kommt, dass die Anbieter sich angepasst haben, die Lockangebote fallen kaum noch auf.

„Dass Angebote in gebrochenem Deutsch formuliert waren und Welpen zu günstigen Schnäppchenpreisen für wenige hundert Euro angeboten wurden, war lange Zeit ein Indiz, kommt heute aber selten vor“, sagt Schmitz und erklärt weiter: „Die meisten Anzeigen von Hunden aus einer Massen-Zucht mit tierschutzwidrigen Bedingungen sind heute kaum von Anzeigen seriöser Züchter zu unterscheiden. Auch die Preise sind mittlerweile so hoch wie beim seriösen Züchter: Je nach Rasse werden die Welpen für 1000 bis 2000 Euro angeboten und damit eine seriöse Zucht vorgetäuscht.“

Ab ins Tierheim damit

Die Corona-Maßnahmen spielen den Strippenziehern hinter dem Hundehandel in die Hände. Die Übergabe der Hunde findet draußen, an einem vereinbarten Treffpunkt auf einem Parkplatz oder einem anderen öffentlichen Ort statt. Corona-konform mit Maske und Abstand und unter freiem Himmel. Nach dem Kauf treten dann Probleme auf – und den Schaden tragen letztlich alle, außer den Kriminellen. Oft erkrankt der Welpe ein paar Tage nach der Übergabe. Die Tierarztpraxis stellt fest, dass der EU-Heimtierausweis und die eingetragene Impfung gefälscht sind. Es entstehen teilweise hohe Behandlungskosten. „Lebenslange Verhaltensstörungen des Tieres infolge der zu frühen Trennung vom Muttertier kommen möglicherweise noch hinzu“, so Schmitz.

Familie Wachler hatte Glück beim Hundekauf im Internet. Bonni ist gesund. „Wir können uns jetzt ein Leben ohne Hund gar nicht mehr vorstellen,“ strahlt Bettina Wachler. 

Doch so gut wie Bonni wird es nicht allen Hunden gehen, die im Corona-Lockdown als Freund und Familienmitglied angeschafft wurden. Die nächste Welle ist schon abzusehen. Wenn der Lockdown vorbei ist und endlich wieder die heißersehnte und durch Corona mehrfach verschobene Reise gebucht werden kann, werden die Telefone der Tierheime vermutlich wieder häufiger klingeln. Diesmal weil Hunde abgegeben werden.