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12.02.21 / Geisterbeschwörung / Blumengrüße aus dem Jenseits / Vor einem Jahrhundert hielt Anna Rothe die Berliner mit Séancen auf Trab – Die Geister, die sie rief, schnappte ihr die Polizei weg

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-21 vom 12. Februar 2021

Geisterbeschwörung
Blumengrüße aus dem Jenseits
Vor einem Jahrhundert hielt Anna Rothe die Berliner mit Séancen auf Trab – Die Geister, die sie rief, schnappte ihr die Polizei weg

Am 1. März 1902 hielt Anna Rothe in ihrer Schöneberger Wohnung eine ihrer sehr beliebten Séancen ab. Die Gäste nahmen gespannt am Wohnzimmertisch Platz. Zuverlässig fiel Anna in einen tiefen Dämmerzustand und in dieser Trance ertönten schon bald die ersten Geisterstimmen aus ihrem Mund, die den Anwesenden Botschaften übermittelten. 

So lautete jedenfalls die Legende. Ein wenig Tische-Rücken gehörte ebenfalls zum Repertoire, doch dann folgte der absolute Höhepunkt: Blumen aus dem Jenseits, die von der Decke zu regnen schienen und dann von Anna aufgefangen wurden. Dieses als „Apport“ bekannte Phänomen war nämlich ihre Spezialität. 

Für gewöhnlich fielen bei den Séancen ganz Zartbesaitete in Ohnmacht, andere kreischten hysterisch, Skeptiker schmunzelten. Doch der Abend sollte in einem Fiasko enden: Als Landwirte getarnte Kriminalbeamte hatten sich nämlich in die Sitzung eingeschlichen, um die „Geisterseherin“ zu enttarnen.

Die 1850 im sächsischen Altenburg geborene Anna Zahl konnte, wie sie später vor Gericht behauptete, im Alter von zehn Jahren die Geister von Toten sehen. Als der verstorbene Bräutigam ihrer Tochter – Anna hatte 1868 den Kesselschmied Hermann Rothe geheiratet – ihr im Wohnzimmer erschienen war, war das der Beginn ihrer Karriere als Spiritistin, nachdem man ihr aus diesen Kreisen zugeflüstert hatte, ein „vorzügliches Medium“ zu sein. Vorreiterinnen waren die US-amerikanischen Fox-Schwestern, bei denen sich am 31. März 1848 das Phänomen der Klopfzeichen bemerkbar gemacht hatte. Einlass begehrt hatte damals angeblich ein längst verstorbener Häftling. 

Von den USA schwappte die Spiritismus-Welle nach Europa über und fand bald auch in Deutschland Anklang, wo sich deren Berliner Jünger vor allem aus dem Adel und dem Militär rekrutierten. Um 1900 lebten dort um die 90.000 Spiritisten, die stark polarisierten. Den Verfechtern dieser Weltanschauung, deren bekanntester Vertreter ein Dr. Egbert Müller war, standen Skeptiker wie der Breslauer Rechtsanwalt Erich Bohn gegenüber, seines Zeichens Präsident der Gesellschaft für Psychische Forschung. 

Die beiden Gruppen bekämpften sich, zumindest verbal, ausgiebig in einschlägigen Zeitschriften wie zum Beispiel den „Psychischen Studien“. Bohn, der die Rothe für eine Betrügerin hielt – kein Wunder, war sie doch einige Jahre zuvor in Zwickau wegen „groben Unfugs“ verurteilt worden –, war auch derjenige gewesen, der im März 19o1 seine „kriminalpsychologische Studie“ über den „Fall Anna Rothe“ veröffentlicht hatte. 

Als unmittelbare Folge war die Kriminalpolizei auf Anna aufmerksam geworden, was ihr an jenem 1. März zum Verhängnis wurde. Die Beamten gaben sich zu erkennen, es kam zum Tumult, Anna leistete erheblichen Widerstand, doch vergeblich. In ihrem Unterrock fand man schließlich etliche „tütenartig umgebundene“ Blumen, die sie vorher am Potsdamer Platz gekauft hatte, wo sich die Verkäuferinnen nur zu gut an ihre sächselnde Stammkundin erinnern konnten. 

Im März 1903 fand die Hauptverhandlung statt, bei der man ihr 61 vollendete und neun versuchte Betrugsfälle zur Last legte. Dem Gerichtsreporter Hugo Friedländer ist es zu verdanken, dass ein ausführlicher Prozessbericht erhalten geblieben ist, den er in seiner Reihe „Interessante Kriminalprozesse“ publiziert hat. 

Am 28. März 1903 wurde Anna Rothe zu einer Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren verurteilt. Schließlich wurde der Schriftsteller Maximilian Harden noch zu Annas Verteidiger, wenn auch nur auf dem Papier. In seinem 1910 veröffentlichten Buch „Köpfe“ – Anna Rothe war bereits am 16. Dezember 1904 im Alter von nur 

54 Jahren gestorben – beschuldigte er ihren „Impresario“ Max Jentsch, einen ehemaligen Spirituosenvertreter, der Ausbeuter der Frau gewesen zu sein. 

Am Anfang ihrer Karriere hatte das Blumenmedium nämlich gar kein Eintrittsgeld für ihre Dienste gefordert. So hatte der illustre Impresario zunächst federleicht den Sprung von den Spirituosen zum Spiritismus gemeistert und sich dann rechtzeitig nach New York abgesetzt. Gehört hat man nie wieder etwas von ihm. Und auch die Geister schwiegen beharrlich.Bettina Müller