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19.02.21 / Senta Berger / Hundert Arten von Schmerz

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-21 vom 19. Februar 2021

Senta Berger
Hundert Arten von Schmerz
Anne Martin

Es gibt diese Schauspieler, denen man gerne zusieht, was immer sie auch spielen. Senta Berger gehört dazu. Allein diese melodiöse Stimme, in der immer ein zarter Hauch Wienerisch anklingt. Dieses aus unzähligen Filmen und Serien vertraute Gesicht, das einst ungewöhnlich attraktiv war und nun von Fältchen durchzogen immer noch schön ist. 80 Jahre alt wird die Wahl-Münchnerin am 13. Mai. 

Ein Weltstar, geboren in einer Hinterhaus-Wohnung in Wien, einst aufgebrochen, um so zu werden wie die bewunderte Sophia Loren. In den 60er Jahren eroberte sie Hollywood, spielte an der Seite von Yul Brynner, Kirk Douglas, John Wayne und Frank Sinatra. Zurück in Europa heiratete sie 1966 den Regisseur Michael Verhoeven, der den Glamourruf seiner Frau mit der TV-Serie „Die schnelle Gerdi“ brechen wird. Berger spielt darin eine Taxifahrerin. Von da an steht die Tür zum Charakterfach weit offen. Berger ist über Jahre hinweg die Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“, sie gibt die Komödiantin in Helmut Dietls Sozialsatire „Kir Royal“ und von 2002 bis 2019 die Kriminalrätin Prohacec in der ZDF-Serie „Unter Verdacht“. 

In „Martha und Tommy“ (24. Februar um 20.15 Uhr im Ersten) spielt sie nun eine jener alleinlebenden älteren Frauen, welche die Leerstellen in ihrem Leben mit Wohltätigkeit füllen. Diese Martha Bender allerdings verströmt sich an andere, weil sie ein sorgsam gehütetes Geheimnis in sich trägt. Als ein Student in das Haus zieht, der mit der Betreuung seines kleinen Bruders überfordert ist, schlägt ihre Stunde. Dass der Vater der Brüder ein Mörder ist, der nach seiner Entlassung um das Sorgerecht für den Kleinen kämpft, gehört zu den wenig plausiblen Wendungen im Drehbuch. 

Student Tommy (Jonathan Berlin), vom verhassten Vater auf Pianist getrimmt, will dessen Erwartungen nicht entsprechen. Nachts nimmt er in den Docks von Hamburg an verbotenen Boxkämpfen teil, das Klavier, das ihm die mildtätige Martha in seine Wohnung stellt, zertrümmert er in ohnmächtiger Wut. Zwei verletzte Seelen treffen sich da, die sich gegenseitig nicht trösten können. Erst dem Hausfreund, gespielt von Uwe Kockisch, gelingt es, zu Martha durchzudringen. Um Abbitte geht es in ihrem Leben, wird er herausfinden. Um Vergebung. 

Die Moritat vom jungen Boxer und der alten Frau ist nicht durchgängig gelungen, aber man verfolgt zunehmend fasziniert, wie beide ihre ewige Verteidigungshaltung aufgeben und hinter der mühsam gewahrten Deckung ihre Wunden preisgeben. Vor allem Senta Berger, deren Gesicht hundert Arten Schmerz aufscheinen lässt, zeigt sich in berührender Verletzlichkeit.