27.01.2022

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26.02.21 / Flucht 1945 / U-Boot-Einsatz bei der Flüchtlingsrettung / Etwa 50 U-Boote waren an der Evakuierung von Zivilisten aus Ostpreußen beteiligt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 08-21 vom 26. Februar 2021

Flucht 1945
U-Boot-Einsatz bei der Flüchtlingsrettung
Etwa 50 U-Boote waren an der Evakuierung von Zivilisten aus Ostpreußen beteiligt
Wolfgang Kaufmann

Ende Januar 1945 startete die deutsche Kriegsmarine eine der größten Rettungsaktionen der Geschichte, um die Zivilbevölkerung aus dem eingekesselten Ostpreußen nach Westen zu evakuieren. Die Gesamtleitung der Operation, welche praktisch bis Kriegsende andauerte, lag in den Händen von Generaladmiral Oskar Kummetz, dem Chef des Marineoberkommandos Ostsee in Kiel, und Konteradmiral Conrad Engelhardt, seines Zeichens Leiter der Abteilung Seetransporte der Wehrmacht. Insgesamt kamen rund 400 Überwasser-Einheiten der Kriegsmarine sowie um die 670 zivile Schiffe zum Einsatz, darunter auch die großen Passagierdampfer, welche früher Kreuzfahrten durchgeführt hatten. Das ist allgemein bekannt beziehungsweise relativ gut erforscht. Dagegen gehört das Ausmaß der Beteiligung deutscher Unterseeboote an den Evakuierungen noch heute zu den weniger gut dokumentierten Aspekten der Aktion.

Nicht für die Aktion geeignet

Auf jeden Fall galten die mit Technik vollgestopften U-Boote, in denen die Besatzungen in extremer Enge und unter größten Entbehrungen lebten, nicht als geeignete Fahrzeuge, um Zivilisten in Sicherheit zu bringen. Deshalb waren sie auch kein Bestandteil der Planungen von Kummetz und Engelhardt. Dazu kam die bis Anfang Mai 1945 bestehende Befehlslage, der zufolge der U-Boot-Krieg mit aller Kraft fortzusetzen sei. Andererseits existieren aber Hinweise auf Kommandanten, welche sich dazu entschieden, Flüchtlinge an Bord zu nehmen, als die Verlegung der Boote nach Westen anstand. Weil sie damit bewusst gegen ihre anderslautenden Instruktionen verstießen, unterblieb dann freilich vielfach die Dokumentation der Rettungsmissionen in den offiziellen Kriegstagebüchern der Marine. Trotzdem konnten die Bibliothek für Zeitgeschichte innerhalb der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart und das Deutsche U-Boot-Museum beziehungsweise die Stiftung Traditionsarchiv Unterseeboote in Cuxhaven-Altenbruch einige diesbezügliche Fakten zusammentragen oder gar Einzelunternehmen rekonstruieren.

So gibt es einen Bericht über die Fahrt von U 56 unter Leutnant zur See Walter Kaeding, die Ende Januar 1945 von Pillau nach Kiel führte. Kaeding erlaubte die Mitnahme von zwei Flüchtlingsfrauen und vier Kindern und wurde dafür anschließend vom Chef der 5. U-Flottille, Korvettenkapitän Karl-Heinz Moehle, wegen seiner „eigenmächtigen Auslegung von Befehlen“ gerügt. Allerdings nur fürs Protokoll – unter vier Augen bezeichnete Moehle die Rettungsaktion dann als absolut richtig.

Die gleiche Route wie U 56 nahm U 152, das von Oberleutnant zur See Gernot Thiel kommandiert wurde und einen ganzen Pulk von insgesamt zwölf U-Booten anführte, die ab dem 26. Januar 1945 169 Zivilisten aus Ostpreußen in Sicherheit brachten. U 1306 unter Oberleutnant zur See Ulrich Kiessling unternahm sogar zwei Evakuierungsfahrten: Die erste führte Ende Januar 1945 von Pillau nach Kiel, wobei zwölf Kinder an Bord waren. Die zweite fand Anfang März 1945 statt. Diesmal brachte das Boot eine Frau mit drei Kindern und eine komplette Schulklasse von Hela nach Warnemünde. Besondere Bekanntheit erlangte U 999, weil die Enkelin des Kommandanten Oberleutnant zur See Wolfgang Heibges später einen Aufsatz über dessen Rettungsmission veröffentlichte. Zwischen dem 14. und 16. März 1945 transportierte das Boot drei Mütter mit ihren sieben Kindern und mehrere Dutzend Hitlerjungen nach Westen.

Evakuierung verfilmt

Zu U 3505 unter Oberleutnant zur See Horst Willner zeigte der Fernsehsender Arte 2006 sogar eine szenische Dokumentation. Das Boot vom neuen Typ XXI nahm die Ehefrau und die nur wenige Wochen alte Tochter des Kommandanten sowie drei weitere Frauen und 50 Hitlerjungen – manche Quellen sprechen sogar von 110 – an Bord und erreichte dergestalt überladen am 2. April 1945 Travemünde.

Kurz vor der Eroberung von Danzig durch die Rote Armee verließ auch U 3513 unter Oberleutnant zur See Otto-Heinrich Nachtigall den Hafen von Hela. In der engen Stahlröhre drängten sich neben der Besatzung noch 80 Zivilisten. Und andere Boote wagten Ähnliches. Auf den kleinen Unterwasser-Fahrzeugen, die normalerweise gerade so Platz für 25 bis etwa 60 Mann boten, brachten die Seeleute der Kriegsmarine zusätzlich zwischen 40 und 120 Menschen unter, was an ein Wunder grenzte. Das gilt beispielsweise für U 1110, U 2533, U 3010, U 3012, U 3020, U 3023, 

U 3025, U 3507, U 3511, U 3517, U 3522 und U 3529. Aus den vorhandenen Quellen geht hervor, dass über 50 deutsche U-Boote in den ersten Monaten des Jahres 1945 Flüchtlinge aus Gotenhafen, Pillau, Danzig, Königsberg, Hela und weiteren Ostseehäfen nach Westen transportierten. Die Gesamtzahl der auf diese Weise Geretteten wird auf rund 1500 geschätzt. Das erscheint wenig, dahinter standen aber stets höchst schwierige individuelle Entscheidungen der zumeist noch sehr jungen Kommandanten. Zudem gab es mit Sicherheit auch eine Dunkelziffer, deren Ausmaß wohl für immer ungewiss bleiben wird.