25.01.2022

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12.03.21 / Ostpreußischer Erfinder / Seiner Zeit voraus / Der Luft- und Raumfahrtpionier Hermann Ganswindt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-21 vom 12. März 2021

Ostpreußischer Erfinder
Seiner Zeit voraus
Der Luft- und Raumfahrtpionier Hermann Ganswindt
Wolfgang Kaufmann

Manche Erfinder waren ihrer Zeit einfach zu weit voraus und erhielten dadurch zunächst nicht die gebührende Anerkennung. Das traf auch auf den Luft- und Raumfahrtpionier Johann Hermann Ganswindt zu, welcher am 12. Juni 1856 in Voigtshof bei Seeburg im Ermland geboren wurde. Der Müllerssohn entwarf bereits im Jahre 1870 – da besuchte er noch das Gymnasium – ein „Weltenfahrzeug“. Diese Rakete sollte durch kontinuierliche Explosionen angetrieben werden.

Später studierte Ganswindt Jura und Physik, bis er wegen des Schwänzens von Vorlesungen die Universität verlassen musste. Es erschien ihm damals wichtiger, weiter am Konzept seines Raumschiffes zu arbeiten, das er 1881 erstmals öffentlich vorstellte. Inzwischen schwebte Ganswindt nun vor, das Gefährt zunächst mit Hilfe eines Trägers in höhere Luftschichten zu schleppen und dann erst dessen Raketenantrieb zu zünden. Deshalb beschäftigte er sich ab 1884 intensiv mit der Hubschrauber-Technologie. Sechs Jahre später konnte Ganswindt dann ein flugfähiges Hubschrauber-Modell vorweisen, woraufhin er seine Konstruktion dem preußischen Militär anbot. Doch das winkte ab, obwohl der stellvertretende Chef des Großen Generalstabs Alfred Graf von Schlieffen Interesse gezeigt hatte.

Exmatrikuliert

Ganswindt musste sein Projekt anders finanzieren und verkaufte nun kleinere Ausführungen des Hubschraubers als „Fliegende Maikäfer“ auf Jahrmärkten. Darüberhinaus erlernte er binnen weniger Monate das Klavierspiel. Letzteres erlaubte es ihm, ab 1891 mit einem „Klavierconcert und Experimentalvortrag über Luftschifffahrt“ auf Tournee zu gehen. Das vereinnahmte Geld steckte Ganswindt in den Bau eines Hubschraubers für zwei Personen. Ein geeigneter Motor zum Antrieb der Rotoren fehlte und so wurden diese per Fallgewicht und Seilzug angetrieben. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang Ganswindt damit im Juli 1901 der erste bemannte Hubschrauberflug der Geschichte. Das Gefährt erhob sich für einige Sekunden auf dem Privatgelände des Tüftlers in Schöneberg bei Berlin aus eigener Kraft in die Luft.

Dergestalt ermutigt veräußerte Ganswindt umgehend Zinsbögen mit Anteilsscheinen an den künftig zu erwartenden Gewinnen aus seiner Erfindung. Deren Einlösung versprach er bereits für den März 1905 und suggerierte dabei, dass die Anleger möglicherweise das Dreifache ihres Einsatzes zurückerhalten könnten. Da der Hubschrauber bei dem Demonstrationsflug aber noch mit einem Sicherungsdraht am Boden verankert gewesen war, witterten die Justizorgane schließlich „fortgesetzten Betrug“. Also kam Ganswindt am 17. April 1902 auf Beschluss des Königlichen Landgerichts II in Untersuchungshaft. Parallel hierzu wurden das gesamte Barvermögen und vieles vom Inventar seiner Firma beschlagnahmt sowie ein zwangsweises Konkursverfahren eröffnet. Gleich vier vom Gericht bestellte Sachverständige ermittelten in diesem Fall und gaben bekannt, dass der Hubschrauber Ganswindts sehr wohl flugtauglich sei und somit keine Täuschung der Coupon-Käufer vorliege. Daraufhin wurde der Erfinder am 12. Juni 1902 wegen erwiesener Unschuld freigelassen, stand nun aber wirtschaftlich vor dem Aus. Und sein Ruf war ebenfalls ruiniert, weil die Berliner Presse ihn unisono als unzurechnungsfähig bezeichnet hatte.

Weitere Schicksalsschläge

Doch damit nicht genug der Schicksalsschläge: Als Hermann Ganswindt 1904 einen Prozess zu seiner Rehabilitierung und finanziellen Entschädigung anstrengte, verschwanden die Gerichtsakten auf mysteriöse Weise. Deshalb blieben ihm nur noch der Offenbarungseid und ein Leben auf Kosten der Wohlfahrt. 1912 starb Ganswindts Frau, womit er nun alleine für seine zehn Kinder sorgen musste. Ein Jahr später gab der Erfinder das verlassene Firmengrundstück in Schöneberg auf, woraufhin der Hubschrauber irgendwo bei Zossen eingelagert wurde, wo das luftfahrthistorisch einzigartige Objekt im Verlaufe des Ersten Weltkriegs verschwand.

Leben in Armut

Die 20er Jahre brachten Ganswindt jedoch milde und späte Genugtuung. Da das Interesse an der Erkundung des Kosmos mittlerweile enorm zugenommen hatte, erinnerte man sich plötzlich des originellen „Weltenfahrzeugs“ von 1881. Und so nahmen nun unter anderem die prominenten Raketenpioniere Hermann Oberth und Max Valier von Verein für Raumschifffahrt Kontakt zu Ganswindt auf. Desgleichen wurde er 1928 von dem Regisseur Fritz Lang gebeten, bei den Dreharbeiten für den Stummfilm „Frau im Mond“ als fachkundiger Berater zu fungieren.

Trotzdem lebte Hermann Ganswindt weiterhin in tiefer Armut, bis er am 25. Oktober 1934 in Berlin starb. Kurz zuvor sagte er zu seiner zweiten Frau mit Blick auf das Raumfahrtzeitalter: „Ich habe es nicht mehr erleben dürfen, aber Du wirst es noch erleben.“ Und tatsächlich: Weil einer der Söhne des Visionärs später in das Weltraumprogramm Wernher von Brauns involviert war, konnte Ganswindts Witwe letztlich sogar beim Start einer amerikanischen Mondrakete zugegen sein.

An den aus Ostpreußen stammenden Erfinder erinnern heute die Hermann-Ganswindt-Brücke in Berlin-Schöneberg und der Krater Ganswindt sowie das Amundsen-Ganswindt-Becken in der Südpolarregion des Mondes.