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Folge 12-21 vom 26. März 2021 / Kinder an die Macht / Wer ist Annalena Baerbock? Für welche politischen Inhalte und welchen Stil steht sie? Das Porträt einer Frau, die gerade als Kanzlerkandidatin ihrer Partei für die Bundestagswahl im kommenden Herbst gehandelt wird

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12/21 vom 26. März 2021

Kinder an die Macht
Wer ist Annalena Baerbock? Für welche politischen Inhalte und welchen Stil steht sie? Das Porträt einer Frau, die gerade als Kanzlerkandidatin ihrer Partei für die Bundestagswahl im kommenden Herbst gehandelt wird
Holger Fuss

Wer ist eigentlich Herr Baerbock? Bei der Überlegung, was diesem Land wohl blühte, wenn Annalena Baerbock, ins Kanzleramt einzöge, sollte das Interesse auch dem möglichen „First Gentleman“ gelten. Via Google erfahren wir, dass die 40-jährige Co-Chefin der Grünen mit dem Politikberater und PR-Manager Daniel Hole-fleisch, 48, verheiratet ist, mit dem sie zwei Töchter, 10 und 6, hat. Politikberater ist der euphemistische Ausdruck für Lobbyist. Tatsächlich ist Holefleisch seit Februar 2017 als Senior Manager Public Affairs in der Berliner Konzernrepräsentanz der Deutsche Post DHL Group zuständig für Betreuung der Politikfelder E-Commerce, Datenschutz, Finanzen und Human Resources. Zuvor hat er jahrelang im Hauptquartier der Grünen gearbeitet. Noch heute gilt Holefleisch als bestens verdrahtet in die Partei – für seine Gattin eine unentbehrliche Antenne auf dem Weg zur Macht.

Der zweite Mann in Baerbocks Leben ist seit 2018 Robert Habeck, mit dem sie die Grünen führt. Ein Dreamteam, das ein wenig an eine öffentliche Liebesgeschichte erinnert. So harmonisch waren die früheren grünen Doppelspitzen nie. Ihren digitalen Parteitag im November 2020 hielten Baerbock und Habeck in einem biederen Studio-Wohnzimmer auf einem hellbraunen Plüschsofa ab. Die beiden haben ihrer Partei einen Mitgliederzuwachs auf 106.000 Mitglieder beschert – sowie die Perspektive auf das Kanzleramt. Für eine Partei, die 1980 als Antiparteien-Partei angetreten ist, ein fundamentaler Wandel im Lebensgefühl.

Grüne Kandidatensorgen

Bei aller zur Schau getragenen Eintracht war bei dem Tandem Baerbock und Habeck immer auch ein diskretes Kräftemessen zu spüren. Ein bisschen wie bei diesen zeitgenössischen Ehemodellen im progressiven Milieu um die Frage, wer von beiden beruflich Karriere macht und wer den Haushalt übernimmt. In diesem Fall geht es um die Frage: Wer von beiden geht als Kanzlerkandidat der Grünen in den Bundestagswahlkampf?

Seit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz überschlagen sich die politischen Kommentatoren mit Mutmaßungen zu diesem Thema. So rühmt sich der „Spiegel“, dass er bereits im vergangenen August für eine Kandidatin Baerbock plädiert habe. Der „Stern“ behauptet, „dass es nur eine Antwort geben kann“, und die laute Baerbock. Für die „Süddeutsche Zeitung“ könne „jeder hören und sehen, dass es sowieso kein Zurück mehr gibt in der grünen K-Frage. Baerbock muss ran.“ Und im ZDF kommentiert Chefredakteur Peter Frey, die Grünen sollten „gegen zwei Männer eine Frau ins Rennen schicken“.

Nun ist die politische Klasse Berlins seit geraumer Zeit kein Zufluchtsort mehr für starke Persönlichkeiten mit Strahlkraft. Nur so ist es erklärlich, dass sich eine chronisch erschöpft wirkende Angela Merkel 16 Jahre im Kanzleramt halten kann, eine finster drein schwäbelnde Saskia Esken die SPD führt und ein eiferndes Kreischorgan wie Claudia Roth es bis zur Bundestagsvizepräsidentin schafft. Dabei würden selbst politische Gegner Annalena Baerbock nicht als Sympathienkiller bezeichnen. Sie sieht, wie die grüne Abgeordnete im Berliner Stadtparlament Anke Kapek schwärmt, „megagut aus“, sie sei „eine Mischung aus Merkel und Claudia Roth“, aber ihr Stimmchen ist für den Dauerkonsum vielleicht eine Spur zu hell.

Ist das Amt des Bundeskanzlers unter Merkel zu einem Job wie jeder andere geschrumpft? Baerbock hat keinerlei Regierungserfahrung, hat nie ein Ministerium geleitet, nicht einmal eine mittelständische Firma. Sie ist vorstellbar als joviale Nachbarin und hinzuverdienende Ehefrau, patent und temperamentgeladen, die sich mit ihrem Jungmädchencharme gewiss erfolgreich für die Sanierung eines quartiereigenen Kindergartens starkmachen kann. Aber als Kanzlerin der weltweit viertstärksten Volkswirtschaft? Am Verhandlungstisch mit Despoten und Winkelakrobaten wie Putin, Erdoğan  und Xi Jinping? Als Krisenmanagerin mit Richtlinienkompetenz bei der nächsten Weltwirtschaftskrise, einer weiteren Pandemie oder eines Krieges? Ist das nicht gleich mehrere Nummern zu groß für sie?

Lebensweg eines Politprofis

Annalena Baerbock kam 1980 in Hannover zur Welt und wuchs südlich der Landeshauptstadt mit zwei Schwestern und zwei Cousinen in einem renovierten Bauernhaus in einem 2000-Seelen-Kaff unweit des AKW Grohnde auf. Nicht verwunderlich, dass das Elternhaus mit den Grünen sympathisiert. Die Mutter ist Sozialpädagogin, der Vater Maschinenbauingenieur, die Tochter fällt durch Ehrgeiz und Disziplin auf. Trampolinspringen betreibt Annalena als Leistungssport. Bis sie 16 ist, schafft sie drei Mal den dritten Platz bei Deutschen Meisterschaften.  

Auf ihrem Gymnasium in Hannover wurde sie „zwischen Shakespeare und Marx“ sozialisiert, wie es ihre einstige Politiklehrerin Martina Cronau ausdrückt, die sich heute als Baerbock-Fan bekennt. In der Deutsch-Abiturprüfung soll Annalena anhand des Nazi-Liedes „Uns’re Fahne flattert uns voran“ gegen die Verharmlosung durch nationalsozialistische Literatur Stellung beziehen. Natürlich besteht Baerbock glanzvoll. Sie studiert Politik in Hamburg und Völkerrecht in London und will eigentlich Journalistin werden. Sie schreibt als Studentin für die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“.

Nach dem Studium schiebt Baerbock ein Praktikum im Europaparlament ein. Die grüne EU-Abgeordnete aus Brandenburg Elisabeth Schroedter macht die strebsame junge Frau zu ihrer Büroleiterin in Brüssel und Potsdam. In der brandenburgischen Hauptstadt begegnet sie in dieser Zeit ihrem späteren Ehemann Daniel Holefleisch. Auch der damalige Parteichef Reinhard Bütikofer entdeckt ihr Talent, eröffnet ihr die wichtigen Grünen-Zirkel in Europa, und schon bald ist Baerbock bestens vernetzt und zieht auf Parteitagen im Hintergrund Strippen.

Der heutige brandenburgische Landwirtschaftsminister Axel Vogel erinnert sich: „Nach kurzer Zeit kannte sie jeden.“ Sie ist 28, als sie 2009 zur Co-Landesvorsitzenden der Grünen Brandenburgs gewählt wird. Ihr Vorgänger Vogel nennt sie einen „Glücksfall“ für seinen Landesverband. Und doch war spürbar, dass Baerbock nicht die Landespolitik interessierte: „Sie hatte die Bundesrepublik und Europa im Blick.“ Also wurde sie Referentin für Außen- und Sicherheitspolitik der Grünen-Fraktion im Bundestag und 2013 erstmals selbst in den Bundestag gewählt. Seither ruht an der Freien Universität Berlin ihr Promotionsprojekt „Naturkatastrophen und humanitäre Hilfe im Völkerrecht“.

Baerbocks Lebenslauf ist durchaus typisch für eine Kohorte jüngerer Politprofis, die direkt von der Uni in die Parlamente stolpern, außerhalb des Politikbetriebes nie berufliche Erfahrungen gesammelt haben, aber dafür darauf trainiert sind, die Welt durch Referentenentwürfe zu betrachten. In diesem durchmüdeten Deutschland, in dem pausbäckige Frische oft höher gehandelt wird als abgeklärte Erfahrung, werden diese Jungen schnell zu Hoffnungsträgern.

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Trotzdem haben Baerbock und der elf Jahre ältere Habeck nicht die Traute, ihr Schielen aufs Zentrum der Macht öffentlich einzugestehen. Beiden fehlt die juvenile Unbekümmertheit eines Sebastian Kurz, der die reflexartige Fähigkeit besitzt, sich im günstigen Moment das Fleisch vom Teller zu ziehen, wie das Merkel einmal ausgedrückt haben soll. Hauptstadt-Chronisten schildern Habeck als eher zögerlich, als Intellektuellen, der den Zweifel kultiviert. Baerbock gilt als machtbeflissener. Der „Spiegel“ überschrieb einen Beitrag über das Duo mit „Sie ist der Boss“. Und „Cicero“ stellt in einem Baerbock-Porträt fest, sie habe „ein Gespür dafür, wann es an der Zeit ist, mit Schwung eine dieser Türen aufzustoßen“.

Was treibt diese Frau eigentlich im Innersten an? In einer NDR-Talkshow mit Charlotte Roche 2018 erzählte die Parteichefin von einem Schreckenstraum, in dem sie in ein schwarzes Loch fallen würde. Sie erlebte sich ohnmächtig und hilflos: „Ich kann mich nicht bewegen, ich kann nicht schreien, ich bin im Prinzip verstummt und handlungsunfähig.“ Ob diese unbewusste Angst ihren Wunsch entfacht, sich als selbstwirksam zu erleben und die Welt zu gestalten? Offenbar schafft sie es, mit ihrer Betriebsamkeit bei Gleichgesinnten den Eindruck zu erwecken, sie sei sattelfest in Detailfragen. Die „taz“-Redakteurin Sabine von Orde behauptete bei „Markus Lanz“ vergangene Woche, Baerbock sei „deutlich faktensicherer“ als Habeck. Was beim Gastgeber Heiterkeit auslöste.

Dabei scheinen sich Baerbock und Habeck eher einen Wettbewerb darin zu liefern, sich um Kopf und Kragen zu reden. Legendär ist seine Bemerkung auf Twitter zur bayerischen Landtagswahl, wonach es „endlich (…) wieder Demokratie in Bayern“ geben solle. Zur Wahl in Thüringen forderte er in einem Online-Video: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land.“ Im ARD-Interview wusste er nicht, dass die Pendlerpauschale auch für Bahnfahrer gilt. Und in einem Web-Interview ließ er sich vom Journalisten Tilo Jung auf peinliche Weise nötigen, die Freilassung von Julian Assange zu verlangen.

Peinliche Aussetzer

Ähnliche Aussetzer sind auch von Baerbock bekannt. In Berlin soll das geflügelte Wort kursieren, dass man bei peinlichen Versprechern „einen Baerbock schießt“. Einer besagte, dass jeder Deutsche neun Gigatonnen CO2 pro Jahr emittieren würde, wie sie 2018 bei „Maybrit Illner“ behauptete. Dies sei zehn Mal mehr als ein Bangladeshi. Mit solchen Zahlen lässt sich wunderbar Stimmung machen. Tatsächlich emittiert ein Bangladeshi 0,47 Tonnen Kohlendioxid und ein Deutscher neun Tonnen. Strom will Baerbock in Netzen speichern – eine physikalische Unmöglichkeit. Und die seltene Erde Kobalt, die im Kongo von Kindersklaven abgebaut wird, nannte sie im ARD-Sommerinterview 2019 wiederholt Kobold – zum Gelächter des Publikums.

Die 136 Seiten starke Agenda der Grünen zur Bundestagswahl kündigt indes vollmundig einen Epochenwechsel an. „Jetzt ist es an der Zeit, dass Politik endlich über sich hinauswächst“, so Baerbock. Die Grünen wollen Deutschland umgestalten: Wahlrecht mit 16, kommunales Wahlrecht auch für Migranten, Asylverfahren sollen erleichtert und schwul-lesbische Queer-Politik in die Lehrpläne aufgenommen werden. Ein Bundesantidiskriminierungsgesetz soll mit einem Netz einschlägiger Beratungsstellen einhergehen, die flächendeckend das Land überziehen. Schon heute vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in alltäglichen Lebensbereichen angeblich struktureller Rassismus, Sexismus und Gleichstellungsvergehen aufgespürt werden.

Ob am Ende Baerbock oder Habeck die Kanzlerkandidatur übernimmt und womöglich sogar ins Kanzleramt zieht, ist ziemlich gleichgültig. Überfordert wirkt ein jeglicher auf seine Weise. Und als ob es die beiden schon ahnen würden, haben sie auf der vorletzten Seite ihres Programms notiert: „Wir können nicht versprechen, dass nach Corona jedes unserer Projekte noch finanzierbar ist.“

Denn wer auch immer auf Merkel als Regierungschef folgt – er wird einen gigantischen Schuldenberg wuchten und ein wirtschaftlich wie sozial schwer angeschlagenes Land wieder aufrichten müssen.

Holger Fuß schreibt für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften über Politik, Wissenschaft, Kultur und Zeitgeschehen. 2019 erschien „Vielleicht will die SPD gar nicht, dass es sie gibt. Über das Ende einer Volkspartei“ (FinanzBuch Verlag). 

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