18.01.2022

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Folge 12-21 vom 26. März 2021 / Energiewende / Etikettenschwindel zur Rettung des Klimas / Umwandlung eines Kohle- in ein Holzkraftwerk stößt auf massive Kritik im ökologischen Lager

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12/21 vom 26. März 2021

Energiewende
Etikettenschwindel zur Rettung des Klimas
Umwandlung eines Kohle- in ein Holzkraftwerk stößt auf massive Kritik im ökologischen Lager
Dagmar Jestrzemski

Die Hamburger Umweltbehörde und die städtische Gesellschaft Wärme Hamburg GmbH prüfen die Möglichkeit, das Heizkraftwerk Tiefstack in Hamburg-Mitte von der Steinkohle- auf Holzverbrennung umzustellen. Das Projekt wurde angeregt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ), einer Organisation der Entwicklungszusammenarbeit (EZ), die im Auftrag verschiedener deutscher Ministerien international tätig ist. Vergangenen Mai war eine entsprechende Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) bekannt geworden. Demnach sollen im Kraftwerk Tiefstack nach Abschaltung des letzten Kohlekraftwerks in Wedel ab 2025 Pellets aus sogenanntem Buschholz aus Namibia als Brennstoff eingesetzt werden. 

Förderung durch die GIZ

Die Verbrennung von Savannenholz aus dem afrikanischen Land ­– überwiegend handelt es sich um Akazien – wird als eine zweckmäßige Lösung betrachtet, um im Zuge der Energiewende die Brennstoffe Gas und Kohle zu ersetzen. Hintergrund ist der Beschluss des Senats, den Kohlendioxidausstoß von Hamburgs Kraftwerken um 55 Prozent abzusenken. Da die Holzverbrennung zur Strom- und Wärmeerzeugung in der EU nach wie vor als klimaneutral behandelt wird, könnte die Rechnung für die Hamburger aufgehen. 

In ihrer jüngsten Fortschreibung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie hat die EU-Kommission den Staaten vorgeschrieben, den Anteil Erneuerbarer Energien an der Wärmeversorgung bis 2030 jährlich durchschnittlich um 1,3 Prozentpunkte zu steigern. Ein Holzkraftwerk erhält eine Vergütung gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), wenn der Betreiber nachweist, dass die Energie nachhaltig im Sinne der Richtlinie erzeugt wird und den sogenannten Treibhausgas-Minderungsmaßgaben entspricht. Beide Bedingungen glauben die Hamburger mit ihrem Projekt einer „Transkontinentalen Biomassepartnerschaft Namibia-Hamburg“ zu erfüllen. 

EU befürwortet Holzverbrennung

In Namibia organisiert die dem Bundesentwicklungsministerium angegliederte GIZ bereits Trainings zur „nachhaltigen Buschernte“. Auf ihrer Internetseite erklärt die jüngst wegen einiger erfolgloser Projekte in Afrika kritisierte Organisation, Namibia habe ein wortwörtlich wachsendes Problem, da etwa die Hälfte des Landes „verbuscht“ sei. Es gebe zu wenig nutzbare Fläche, vor allem für Weideland. Somit fehle Futter für Nutztiere, und die Landwirtschaft sei bedroht. Die GIZ berate die namibische Regierung, wie sich Busch-Biomasse für Exportgeschäfte nutzen lasse, da das geerntete Buschholz nur zu einem Fünftel im Land selbst verwertet werden könne. 

Das Land habe die Herausforderung als Chance erkannt und betrachte die Buschholz-„Abfälle“ als Wirtschaftsfaktor, wie es heißt. Damit entstünden neue Arbeitsplätze in Namibia. 

Vorwürfe von Robin Wood

In Hamburg wird das Vorhaben weiterhin „ergebnisoffen untersucht“. Während der grüne Umweltsenator Jens Kerstan von einem für Hamburg und den afrikanischen Staat vorteilhaften Handel spricht, lehnt der Gutachter vom „Hamburger Energietisch“ Dietrich Rabenstein das Projekt entschieden ab. Er argumentiert, dass durch Holzverbrennung höhere Kohlendioxidemissionen als durch Kohle und Gas entstehen könnten. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) warnt vor verheerenden ökologischen Schäden, wenn die Holzernte in Namibia wie beabsichtigt jahre- oder jahrzehntelang betrieben würde. Einmal in Gang gesetzt, würden illegale Holzeinschläge ausufern, was sich an zahllosen Beispielen gezeigt habe. 

Verbuschtes Savannenland mit herabgefallenen Ästen und umgestürzten Bäumen sei ein wichtiger Lebensraum für Insekten und wildlebende Tiere. Die Biotope seien umso wertvoller, je älter die Bäume seien. Die Umweltschützer von Robin Wood schalteten sich mit dem Vorwurf ein, es sollten offenbar „mal wieder Ressourcen des globalen Südens ausgebeutet werden, um den unersättlichen Rohstoffhunger von reichen Industrieländern im Norden zu stillen“.

Anfang des Jahres wandten sich erneut mehr als 500 Wissenschaftler mit einem Appell an die EU und die USA, aus Umwelt- und Klimaschutzgründen endlich auf die Verbrennung von Holz zur Energiegewinnung zu verzichten. In einem offenen Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Joe Biden fordern die Unterzeichner von den Regierungen, Subventionen und jegliche Anreize für die Verbrennung von Holz und Holzprodukten als vermeintlich umweltfreundliche Energieträger abzuschaffen. 

Kritik vom BUND und vom WWF

Bundesweit und weltweit sind bereits viele Kraftwerke auf die Holzverbrennung umgestellt worden. In Deutschland wird ein Drittel der Holzernte verbrannt. 

Brisanz hat der Appell aus deutscher Sicht, da zu den Unterzeichnern neben Forschern aus Harvard, Stanford und Oxford auch Wissenschaftler des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung und der Berliner Humboldt-Universität gehören. Die Unterzeichner monieren, dass die EU-Kommission in ihren Standards für Erneuerbare Energien neben der Verbrennung von schnell nachwachsender Biomasse wie Soja, Mais und Palmöl auch die Holzverbrennung als „klimaneutral“ deklariert. Es dauere aber Jahrzehnte, bis ein Baum nachwachse. „Diese Zeit haben wir nicht“, heißt es in dem Brief. Stattdessen sollte der Erhalt und die Instandsetzung von Wäldern ein Schlüsselinstrument sein, um Klimaneutralität zu erreichen. 

Desgleichen äußerte sich die weltweit einflussreichste Naturschutzorganisation World Wildlife Fund For Nature (WWF) zum Festhalten der westlichen Länder an einer ihres Erachtens falschen Strategie im Rahmen der Energiewende. Die Klimakrise zu bekämpfen, ohne die EU-Biomasseregeln zu ändern, sei wie der Versuch, ein Boot mit einem Loch im Rumpf zu retten. Den Hamburger Politikern dürfte es daher schwerfallen, dem Image einer sogenannten klimafreundlichen Politik mit Hilfe dieses im Kreuzfeuer stehenden Projekts ein gutes Stück näherzukommen.