03.03.2024

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Folge 12-21 vom 26. März 2021 / NACHRUF / Ein einzigartiger Musiker und Zeitzeuge ostpreußischen Schicksals / Erinnerungen an den Königsberger Violinisten und Autor Michael Wieck

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12/21 vom 26. März 2021

NACHRUF
Ein einzigartiger Musiker und Zeitzeuge ostpreußischen Schicksals
Erinnerungen an den Königsberger Violinisten und Autor Michael Wieck
Jörn Pekrul

Am 27. Februar 2021 verstarb in Stuttgart der Violonist Michael Wieck in seinem 93. Lebensjahr. Als Musikabsolvent der Berliner Hochschule begann er seine berufliche Laufbahn 1952 beim RIAS-Sinfonieorchester in West-Berlin. In den 1960er Jahren lehrte er an der Universität Auckland/ Neuseeland und wurde später Erster Konzertmeister des Stuttgarter Kammerorchesters. Ab 1974 war er auch der Erste Geiger im Radio-Symphonieorchester Stuttgart, dem er bis zu seiner Pensionierung 1993 angehörte. 

Das bewegende Zeugnis eines „Geltungsjuden“

Den Königsbergern und Ostpreußen ist er besonders durch sein Buch „Zeugnis vom Untergang Königsbergs. Ein Geltungsjude berichtet“, 1989 im Verlag C.H. Beck erschienen, bekannt, das ein anerkanntes Buch ersten Ranges wurde. 

Michael Wieck wurde am 19. Juli 1928 in Königsberg in Preußen als Sohn der Musiker Kurt Wieck und Hedwig Wieck-Hulisch geboren. Die Eltern waren Gründer und Mitglieder des um 1919 entstandenen Königsberger Streichquartetts, das durch Übertragungen im Rundfunk weit über die Grenzen Königsbergs hinaus bekannt war. Eine entfernte Verwandte war die Pianistin Clara Schumann-Wieck (1819-1896), die Ehefrau Robert Schumanns. Da die Mutter jüdischer und der Vater christlicher evangelischer Konfession war, wuchs Michael mit seiner Schwester in der Tradition der mütterlichen Seite auf. Dieses familiäre Detail wurde ab 1933 ein lebensgefährliches Kriterium, als der staatlich organisierte Terror gegen die jüdischen Einwohner der Stadt und im Land begann. Michael Wieck erlebte die Verunglimpfungen, die Ausgrenzungen, die Brutalitäten, bald auch von nächsten Familienangehörigen und Freunden, die Vertreibungen und schließlich die Deportationen. Eine von ihm sehr geliebte Tante gehörte zu den ersten Bürgern Königsbergs, die ab dem 24. Juni 1942 in die Vernichtungsstätten verschleppt wurden. 

Er selbst überlebte diese Zeit als Zwangsarbeiter in einer Königsberger Chemiefabrik und verstand es mit kindlichen, später jugendlichen Kräften, seinen Vater und besonders seine Mutter zu unterstützen. Seine Schwester entkam 1939 mit einem Kindertransport der Quäker nach Schottland – sie war getrennt, aber in Sicherheit. Die Familie Wieck überlebte die Bombardierung und Zerstörung Königsbergs im August 1944, die Festungszeit und die Eroberung der Stadt am 9. April 1945. 

Überlebenskampf nach dem Zweiten Weltkrieg

Nun galt er nicht mehr als „jüdischer Junge“, sondern als „deutscher Jugendlicher“ und teilte fortan das Schicksal der verbliebenen Bevölkerung. Ein junger Mann, der nicht nur durch die bis dato sehr junge Vergangenheit von Gewalterfahrungen und Ausgrenzung geprägt war, sondern nun auch – wie die übrigen Königsberger – dem Überlebenskampf der kommenden Jahre ausgesetzt war.

Diese intensiven und widersprüchlichen Realitäten waren bei Michael Wieck in den Jahren der Identitäts- und Heimatsuche bis zur Buchveröffentlichung zu einer Reife gelangt. Wieck reflektiert in seinem Buch über die Schwierigkeiten einer Identität, die – bei negativer Auslegung – auch eine geistige Uniform sein kann, die andere Menschen ausgrenzt. Er erkennt die Schwachstelle in den destruktiven Veranlagungen, die in jedem menschlichen Wesen innewohnen. Sie können im unheilvollen Zusammenspiel von Ich-Wahn, Machtmissbrauch und Angstlähmung der Gefährdeten zu jeder Zeit neu ausbrechen. Der Mensch ist ein zweigeteiltes Wesen, das gefährdet bleibt. Einen Verweis gibt er an einer Stelle – darin ist er ganz Königsberger – auf Immanuel Kant und hier besonders auf dessen Schrift zum ewigen Frieden. Der Mensch als Teil eines unendlichen, unbegreiflichen Ganzen. Er muss Verantwortung übernehmen und seine Kräfte konstruktiv ausleben. 

Vorträge und Lesungen

In diesem Sinne hielt Wieck fortan unzählige Vorträge in Schulen und Lesungen. Am 24. Juni 2011 wurde am Königsberger Nordbahnhof eine Gedenktafel enthüllt für die 465 Kinder, Frauen und Männer aus Königsberg und der Provinz Ostpreußen, die auf den Tag 69 Jahre zuvor von hier in das Vernichtungslager Malyj Trostenez bei Minsk verschleppt wurden. Es war die erste Deportation von Königsbergern jüdischen Glaubens im Rahmen des nationalsozialistischen Massenmordes an den Juden Europas. 

Die Enthüllung zeigte, dass auch die heutigen Einwohner Königsbergs ein großes Interesse an der neueren Geschichte haben. Anwesend waren neben Michael Wieck und Nechama Drober eine weitere Überlebende, die 1927 als Hella Markowsky in Königsberg geboren wurde. Sie lebt heute in Israel. Beide kannten einander als Kinder, beide Lebenswege führten in extreme Grenzerfahrungen. Michael Wieck ermunterte Nachama Drober, auch ihre Erinnerungen zu dokumentieren. Sie erschienen unter dem Titel „Ich heiße jetzt Nechama“. 

Tiefe Lebensbejahung

Wer Michael Wieck traf, war schnell in den Bann seiner Persönlichkeit gezogen. Er verstand es, sein unerschöpfliches Wissen und seine Rückschlüsse aus diesem Wissen auf jeden seiner Gesprächspartner einzustellen und alleine durch seinen Vortrag überzeugend zu wirken. Seine Klarheit selbst im hohen Alter, seine stille und tiefe Lebensbejahung, und seine freundliche Ausgeglichenheit werden in den Menschen, die ihm begegneten, noch lange nachhallen.

Als gültiges Zeugnis bleibt sein vorerwähntes Buch, das in seiner zeitlosen Qualität zu Recht als „document humain“ gewertet werden darf. 

Wir werden Michael Wieck ein dankendes und ehrenvolles Andenken bewahren. Unsere Anteilnahme gilt seiner Gattin und seiner nächsten Familie und Freunden.