29.01.2022

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Folge 13-21 vom 01. April 2021 / Energiepolitik / Renaissance der Kernkraft / Weltklimarat, EU und Gates schätzen ihre „Klimaneutralität“ – Rund fünfzig AKW sind momentan im Bau

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-21 vom 01. April 2021

Energiepolitik
Renaissance der Kernkraft
Weltklimarat, EU und Gates schätzen ihre „Klimaneutralität“ – Rund fünfzig AKW sind momentan im Bau
Lydia Conrad

Vor zehn Jahren wurde in Deutschland beschlossen, ab Anfang 2023 vollkommen auf Kernenergie zu verzichten. Und tatsächlich gehen bis zum 31. Dezember nächsten Jahres auch die letzten sechs momentan noch Strom produzierenden Kernkraftwerke Brokdorf, Grohnde, Gundremmingen C, Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 vom Netz. Andere europäische Länder wie Italien, Belgien, Spanien und die Schweiz wählten den gleichen Weg. Verantwortlich hierfür waren vor allem schwere Reaktorunglücke wie in Tschernobyl 1986 und zuletzt dann im japanischen Fukushima am 11. März 2011.

Großexporteur Russland

Aber es gibt auch einen gegenläufigen Trend. Zu den derzeit in Betrieb befindlichen 414 Atomkraftwerken rund um den Globus sollen noch zahlreiche weitere kommen. Rund fünfzig sind momentan bereits im Bau. Viele davon entstehen in Staaten wie der Türkei, Bangladesch und Weißrussland, die kaum Erfahrungen mit der friedlichen Nutzung der Nukleartechnik haben und deshalb auf russische Hilfe zurückgreifen. Moskau steht dadurch inzwischen an der Spitze der Exporteure von Kernkraftanlagen zur Energieerzeugung.

Und auch um Deutschland herum ist der Atomausstieg nicht überall en vogue. Frankreich hat gerade die Laufzeit seiner Atommeiler auf 50 Jahre verlängert und Polen plant sechs neue Reaktoren, während es in den Niederlanden sogar zehn werden sollen.

Die Renaissance der Atomenergie ist in ganz wesentlichem Maße die Folge des Bestrebens, den angeblich vom Menschen verursachten Klimawandel zu stoppen. Wer den Kohlendioxidausstoß bremsen will, kommt oftmals auf den Gedanken, die nukleare Technologie zur Energieerzeugung zu nutzen. So setzt der Weltklimarat IPCC neuerdings ganz explizit auf die Kernkraft. Und die Europäische Kommission tut das Gleiche: Ihr sogenanntes Clean Energy Package sieht flächendeckende Laufzeitverlängerungen bei den Reaktoren sowie den Neubau von 100 Kernkraftwerken bis 2050 vor.

Überzeugte Befürworter der Stromerzeugung mittels Atomenergie sind der US-Präsident Joe Biden und der britische Premier Boris Johnson. Die präferieren vor allem kleine modulare Anlagen, also Kernkraftwerke der vierten Generation. Jene sollen in etwa die Größe eines Einfamilienhauses haben und praktisch in jeder Stadt mit wenigstens 250.000 Einwohnern stehen können. 

Clean Energy Package der EU

In diese neue Technik investiert jetzt auch der Microsoft-Gründer Bill Gates. Im Interview mit der „Welt“ sagte der Milliardär kürzlich, die Menschen müssten offener für die Kernkraft sein, da man damit die Schwankungen bei der Stromproduktion mittels Erneuerbarer Energien ausgleichen könne.

Angesichts dieser Entwicklung werden nun hierzulande Stimmen laut, die den „Ausstieg aus dem Ausstieg“ oder zumindest ein Nachdenken darüber fordern. So wie der Bundesfachausschuss für Wirtschaft, Arbeitsplätze und Steuern der CDU, der bereits Anfang 2020 in einem Positionspapier schrieb, man solle endlich prüfen, ob die Kernenergie „als mögliche Variante für eine CO2-freie Energieproduktion“ tauge. 

Das ruft wie kaum anders zu erwarten Kritiker auf den Plan, die nicht nur aus den Reihen der Umweltbewegung kommen. Zwei davon sind Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Dirk Uwe Sauer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen.

Die Wirtschaftsökonomin und Leiterin der DIW-Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt verweist darauf, dass die Kernenergie weniger wirtschaftlich sei, als es auf den ersten Blick scheine. Das liege an den hohen Kosten für die Urangewinnung, den Bau der AKW und die erforderliche Sicherheitstechnik. Dazu kämen enorme Gefahren für Mensch und Umwelt. Insofern könne man Kernkraft weder als wirtschaftlich noch als sauber bezeichnen.

Der Aachener Energiewissenschaftler und Vorsitzende der Initiative „Energiesysteme der Zukunft“ Sauer vertritt die Ansicht, dass die deutschen Stromkonzerne keinerlei Interesse an einem Wiedereinstieg in die Atomwirtschaft hätten. Das gelte auch für den Betrieb der von Gates angepriesenen Mini-Kraftwerke. Zudem müsse man auch noch einen anderen Aspekt bedenken: „Solange die kommerzielle Nutzung von Atomkraft zur Stromerzeugung ein Thema ist, bekommen wir das Thema Bombe nicht weg“, sagte Sauer im Interview mit dem Fernsehsender n-tv. Wenn Länder wie die Türkei mit ausreichenden Ressourcen zur konventionellen Elektrizitätsproduktion danach strebten, in den Besitz moderner Nukleartechnik zu kommen, könne mehr dahinterstecken als nur die Hoffnung auf billige Energie.