23.01.2022

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Folge 13-21 vom 01. April 2021 / Thomanerchor / Passion fürs Bach-Erbe / Leipzigs Vorzeige-Chor probt den Aufstand – Widerstand gegen neuen katholischen Leiter aus der Schweiz

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-21 vom 01. April 2021

Thomanerchor
Passion fürs Bach-Erbe
Leipzigs Vorzeige-Chor probt den Aufstand – Widerstand gegen neuen katholischen Leiter aus der Schweiz
Helga Schnehagen

Wer in Leipzig Kantor des Thomanerchors wird, tritt in große Fußstapfen. Zwar ist die Zeit, in der Johann Sebastian Bach den Chor leitete, lange vorbei. Doch die des vorletzten langjährigen Thomaskantors Georg Christoph Biller endete erst im Januar 2015 durch dessen Amtsniederlegung aus gesundheitlichen Gründen. Er hatte den Chor seit 1992 geleitet und mit den Sängern größte Triumphe im In- und Ausland gefeiert.

Schon damals war das Findungsverfahren für einen Nachfolger schwierig. Die Wahl aus damals insgesamt 42 Bewerbungen blieb letztendlich ergebnislos. Sie wurde vertagt. Man entschied, dass der Stimmbildner und vielfache Stellvertreter des Thomaskantors Gotthold Schwarz ab 1. Februar 2015 die Chorleitung ad interim übernimmt. Am 20. August 2016 wurde er als 17. Kantor seit Bach offiziell in das Amt eingeführt. Schwarz’ Amtszeit endet am 30. Juni 2021. Eine Verlängerung wurde von der Stadt nicht in Erwägung gezogen. Der 68-Jährige wäre bereit gewesen.

2012 fand unter Biller die glanzvolle 800-Jahr-Feier des Chores statt. 2023 folgt das 300-jährige Bachjubiläum. Bis dahin zumindest, so der ehemalige Thomaner Daniel Knauft gegenüber „MDR Kultur“, hätte Schwarz Ruhe ins Fahrwasser gebracht. Es kam anders. Die Auswahlkommission aus Vertretern von Stadt, Kirchen und Musikexperten wählte am 

18. Dezember 2020 den 45-jährigen Schweizer Dirigenten und studierten Kirchenmusiker Andreas Reize zum 18. Kantor des Thomanerchors. Bei dem aufwendigen Auswahlverfahren waren Thomaner bis zum Schluss dabei. Nach allen aktiven Thomanern wurden auch die Vertreter des Gewandhausorchesters um ihr Votum gebeten.

Drei Monate später sorgt sich eine Gruppe Oberstufler aus der 11. und 12. Klasse um das kostbare Erbe. Sie zweifelt Reizes Kompetenz an und wünscht sich David Timm zum neuen Kantor. Der Aufruhr, der durch den gesamten Medienwald hallt, ist letztendlich jedoch nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas. Denn auf Nachfrage der PAZ äußert David Timm: „Das Ergebnis des Auswahlverfahrens zur Neubesetzung des Thomaskantorates stand für mich zu keiner Zeit in Frage. Daran hat sich nichts geändert. Ich wünsche Andreas Reize und dem Thomanerchor eine gute Zusammenarbeit.“

Der 1969 geborene David Timm war selber Mitglied und 1. Präfekt, eine Art Hilfskantor, des Leipziger Thomanerchors. Seit dem 1. Februar 2005 arbeitet er als Leipziger Universitätsmusikdirektor und ist damit auch Leiter des Leipziger Universitätschors. Damit dürfte sich die Sache erledigt haben, zumal auch die Auswahlkommission an ihrer Entscheidung festhält. 

Andreas Reize ist zwar der erste Katholik, den sich Leipzigs Stadtrat als Kantor „leistet“, doch als Leiter der Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn, des Gabrielichors in Bern und Chordirektor beim Zürcher Bachchor bringt er viel Erfahrung für sein Amt mit.