18.01.2022

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Folge 13-21 vom 01. April 2021 / Gelbe Flotte / Acht Jahre lang im Suezkanal gefangen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-21 vom 01. April 2021

Gelbe Flotte
Acht Jahre lang im Suezkanal gefangen
Harald Tews

Würde man Seeleute der Gelben Flotte die scherzhafte Quizfrage stellen, wie lange für sie der Sechstagekrieg dauerte, würden sie antworten: knapp acht Jahre. So lange saßen 14 Frachtschiffe im Suezkanal fest infolge des 1967 nur sechs Tage dauernden Kriegs zwischen Israel und Ägypten. Weil Stürme die Schiffe mit Wüstensand bedeckten, nannte man sie die Gelbe Flotte. All die Jahre ankerte sie im Großen Bittersee, einem Salzwasser-Binnensee zwischen den nördlichen und südlichen Nadelöhr-Abschnitten des Suezkanals, der von den Ägyptern im Krieg bewusst mit versenkten Booten, Baggerschiffen, Minen und einer gesprengten Brücke blockiert wurde.

Das Schicksal der Gelben Flotte erinnert an eine Blockade, die sich bis vor wenigen Tagen im Suezkanal zutrug: Der 20.000 Standardcontainer fassende Riesenfrachter „Ever Given“ der taiwanesischen Containerschiff-Reederei Evergreen Marine hing eine Woche lang im südlichen Kanalabschnitt fest, nachdem ein Wüstensturm ihn wie einen Brückenkeil zwischen beide Ufer quergelegt hatte. Mit 400 Metern ist er länger, als der Kanal breit ist. Als Folge kam es zu beiden Seiten des Kanals, den sonst täglich 

50 Schiffe passieren, zu einem Riesenstau von 450 Frachtern und zu einer vor allem für Europas Häfen empfindlichen Störung des Welthandels.

Ganz so dramatisch waren die wirtschaftlichen Folgen durch die von 1967 bis 1975 im Großen Bittersee eingeschlossenen Schiffe nicht. Nur die Eierlikör- und Nudelproduzenten hatten zu leiden, hatte doch das für die Reederei Hapag fahrende Schiff „Münsterland“ siebeneinhalb Millionen Eier in seinem Kühlraum geladen, die es von Australien nach Hamburg bringen sollte. Für die Besatzung, die vierteljährlich ausgetauscht wurde, war jedenfalls genug zum Essen da. Da auch einige der anderen Frachter mit Lebensmitteln beladen waren, tauschten die Mannschaften ihre Ladung aus. Um gegen die Langeweile anzukämpfen, veranstalteten die Seeleute auf den größten Frachtern Fußballturniere sowie als Pendant zu den Olympischen Sommerspielen von 1968 eine „Bittersee Olympiade“.

Als alle Wracks geborgen waren, hob Ägypten 1975 die Suez-Blockade auf. Die beiden deutschen Schiffe der Gelben Flotte, die „Münsterland“ und die „Nordwind“, erreichten aus eigener Kraft den Hamburger Hafen, wo sie von zehntausenden Menschen begeistert empfangen wurden. Für die „Münsterland“ war damit die Reise von Australien nach sieben Jahren, elf Monaten und zwei Tagen beendet. Ihr blieb dafür die 6000 Kilometer längere Passage um das Kap der Guten Hoffnung erspart, welche die Schiffe hätten zurücklegen müssen, wäre der Kanal durch die „Ever Given“ länger blockiert gewesen.