25.01.2022

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Folge 14-21 vom 09. April 2021 / Erinnerungen / Rosen für den Großvater / Dieter Chilla beschreibt die letzten Wochen von Wilhelm Chilla und seine Gedanken dazu im heutigen Allenstein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-21 vom 09. April 2021

Erinnerungen
Rosen für den Großvater
Dieter Chilla beschreibt die letzten Wochen von Wilhelm Chilla und seine Gedanken dazu im heutigen Allenstein
Dieter Chilla

Es geschah im Herbst: Ich nahm an einem Kongress in Allenstein teil. Dieser Stadt hat man nach dem letzten Krieg den Namen Olsztyn gegeben. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, diese Reise zu nutzen, um für mich selbst ein wenig Heilung in ein familiäres Trauma zu bringen. Bei meiner Ankunft ahnte ich nicht, welch unerwartete Wendung das Geschehen nehmen sollte.

Unvorstellbare Strapazen

Auf dem Allensteiner Bahnhof begann der Abschied meines Großvaters Wilhelm vom Leben. Er, der Vater meines Vaters, Bauer im südostpreußischen Kirchspiel Fürstenwalde, hatte mit seiner Frau und den beiden Töchtern die Flucht vor der Roten Armee im Januar 1945 nicht geschafft. Der 55-Jährige war gegen Kriegsende noch zwangsrekrutiert worden und fand erst vier Wochen nach Einmarsch der Sowjetarmee und der Propagandierung der sowjetischen Ehrenberg-Losung „Tötet, tötet, tötet!“ zu seinem Hof in Masuren zurück. Leben konnte er mit den Seinen dort nicht mehr, das Gebäude wurde immer wieder von marodierenden Russen oder Polen heimgesucht. Die Familie versteckte sich abwechselnd auf Nachbarhöfen oder in Erdlöchern. Meine Großmutter hielt die Strapazen nicht durch. Sie fiel in todbringendes Siechtum. Ärztliche Hilfe gab es nicht. Sie starb im August 1945. Der genaue Sterbetag ist unbekannt, es fehlten Kalender, um die Zeit nach Daten einzuteilen. Mein Großvater schlich sich noch einmal in sein Haus, zerlegte dort heimlich, leise seinen Kleiderschrank. Aus den Brettern schreinerte er einen Sarg, in dem er seine Frau Marie, meine Oma, ohne geistliches Geleit und ohne Zeremonie beisetzte. 

Was macht ein Mann, der vieles verloren hat? Seine Frau, seinen gesamten materiellen Besitz. Ein Mann, dessen Söhne Ernst und Otto irgendwo in den Gräueln des grausamsten Krieges der Menschheitsgeschichte verschwunden waren. Ein wehrloser Mann, der die Pflicht fühlte, seine beiden Töchter Hilde und Frieda, seinerzeit 15 und 26 Jahre alt, vor Zudringlichkeiten unsäglicher Art beschützen zu müssen. Nur wenige Informationen sind mir zugänglich geworden. Die Überlebenden meiner Familie haben weitgehend geschwiegen: Nicht mehr an Leid und Demütigungen denken, das ist der Überlebensreflex aller Verfolgten. 

Wilhelm las in der Bibel, das ist überliefert, im Buch Hiob vorzugsweise. Mit einem verbliebenen deutschen Bauern aus der Nachbarschaft diskutierte er über das Strafgericht, das über die Menschen in Ostpreußen gekommen war. Wird es Gnade, Erlösung geben? Antworten fand er keine. 

Ausreise brachte den Tod

Die einzige Überlebensmöglichkeit schien in einer Ausreise in den Westen des zerstörten „Reiches“ zu liegen. An Ausreisepapiere zu kommen, erwies sich als zäher, schwieriger, von wiederholten Zurückweisungen gezeichneter Prozess. Nach mehreren Petitionen an die von den Siegermächten neu eingesetzten polnische Administration wurde Wilhelm die Ausreise in den Westen gestattet. 

An einem froststarrenden Dezembertag , der Krieg galt offiziell seit sieben Monaten als beendet, begann seine letzte Reise auf dem Bahnhof der Stadt Ortelsburg, die heute Szczytno heißt. Polnische Jugendliche plünderten die Menschen, die ohnehin nur das Notwendigste mitnehmen durften. In Allenstein musste Wilhelm um die Mittagszeit mit einigen anderen Männern aus der Gruppe heraustreten und sich bis auf die Unterhose entkleiden. Auf Befehl dieser Polen wurde er mit seinen Leidensgenossen gezwungen, im klirrenden Frost stundenlang auf dem Bahnsteig zu stehen. Das Weitere geschah zwangsläufig: Er erkrankte, bekam hohes Fieber und starb wenige Tage später an einer Lungenentzündung in der Nähe von Berlin im Zug. Seinen beiden Töchtern wurde von dem sowjetischen Wachpersonal befohlen, den Leichnam auf dem Bahnsteig abzulegen. 

Vor meiner Teilnahme an dem Kongress hatte ich beschlossen, zum Allensteiner Bahnhof zu laufen, um dort auf dem schicksalhaften Bahnsteig einige Rosen für meinen Großvater hinzulegen. Ich ging zögerlich einen umständlichen Weg durch das Dunkel der alten Stadt. Ich betrachtete die Jugendstilfassaden der Häuser, ärgerte mich über weiße Kabel, die grob über proportionierte historische Fassaden gezogen waren, die im fahlen Licht der Natriumdampflampen nichts Urbanes an sich hatten. Wo blieb die restauratorische Genialität der Polen? War sie für die einstmals deutschen Häuser zu schade? 

Als ich das moderne Bahnhofsgebäude betrat, wurde ich von einer älteren Bettlerin angesprochen. In Deutschland gebe ich ungern Geld an die Bittsteller der Straße. Eher biete ich an, ein Brötchen oder etwas zu trinken zu kaufen. Jetzt hatte ich ohnehin kein Ohr für die alte Frau. Meine Gedanken und Gefühle waren bei meinem Großvater. Auf dem Bahnsteig, den mir meine Tante beschrieben hatte, legte ich Rosen nieder: Baccara, tiefrot. Ich blieb lange stehen, Ruhe überkam mich. In Gedanken versuchte ich, Kontakt zu meinem Großvater aufzubauen: „Großvater Wilhelm, ich bin dein Enkel Dieter. Gerne hätte ich dich kennen gelernt, hätte etwas über dein Leben und das Leben unserer ostpreußischen Familie gehört. Es tut mir leid, dass du ein so schweres Schicksal ertragen musstest. Ich werde dir einen guten Platz in meinem Herzen einräumen, solange ich lebe.“ 

Wahrnehmung verändern

Während ich dort stand, nahm ich wahr, dass einzelne Passanten mir neugierig oder teilnahmsvoll zusahen. Ich drehte mich um und strebte der Bahnhofshalle zu. Bereits aus großer Entfernung sah ich die Bettlerin am Eingangsportal. Mein Gewissen regte sich. „Was wäre gewesen“, ging es mir durch den Kopf, „wenn im Dezember 45 auch nur einer der polnischen Passanten eingegriffen und den Marodeuren Einhalt geboten hätte? Vielleicht hätte mein Großvater noch viele Jahre Leben vor sich gehabt, seine Enkel kennen gelernt.“ Ich holte polnische Zloty aus meinem Portemonnaie, beschleunigte meine Schritte zum Eingang und gab das Geld der alten Frau. Kurz blickte ich in ihre aufleuchtenden, von dunklen Rändern gezeichneten Augen. Ihr „dzienkuje“ hörte ich schon aus größerer Entfernung . 

Meinen Rückweg zum Hotel wählte ich anders als meinen Hinweg zu der familiären Schicksalsstätte. Vor der Hotelfassade hielt ich inne und freute mich über die gelungene Integration moderner polnischer Architektur Olsztyns in die alten Allensteiner Bauwerke. Ich betrat das helle Foyer und nahm meinen Schlüssel in Empfang.