17.01.2022

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Folge 14-21 vom 09. April 2021 / Wikinger / Mittelalterliche Seekrieger auf langer Fahrt / Wie sie reisten, raubten, Handel trieben und letztlich sesshaft wurden

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-21 vom 09. April 2021

Wikinger
Mittelalterliche Seekrieger auf langer Fahrt
Wie sie reisten, raubten, Handel trieben und letztlich sesshaft wurden
Wolfgang Kaufmann

Die Wikinger nannten sich selbst „Víkingr“, also „Seekrieger auf langer Fahrt weit weg von der Heimat“. Und tatsächlich waren sie vor allem für Raubzüge unter Anwendung mittelalterlicher Blitzkriegstrategien bekannt und berüchtigt. Ihre Expansion begann zum Ende des 5. Jahrhunderts und fand unter anderem im Ostseeraum statt. Von Gotland und der schwedischen Südostküste lossegelnd, gründeten die „Nordmänner“ Kolonien im Baltikum. Die erste Expansionswelle dauerte ungefähr bis zum Jahre 800. Ihr folgten die zweite Welle ab 850 und dann schließlich noch eine dritte Welle zwischen etwa 1000 und 1050. Nicht selten drangen die Wikinger dabei auch von der Ostseeküste aus flussaufwärts bis ins Kaspische und Schwarze Meer vor. Es gibt zahllose dramatische Berichte über Plünderungen und Brandschatzungen durch die skandinavischen Krieger, aber mindestens genauso sehr, wie sie Gewalt ausübten, betrieben sie friedlichen Handel.

Der Hanse ähnlich

Im Prinzip schufen die Wikinger sogar ein ähnliches Handelsnetzwerk wie später die Hanse, die ihren Anfang in der Mitte des 12. Jahrhunderts nimmt. Die wichtigsten Wikinger-Stützpunkte im Ostseeraum lagen dabei in Birka (Südostschweden), Grobin beziehungsweise Seeburg (Kurland), Ruß im Memel-Delta, Haithabu bei Schleswig, Paviken auf Gotland und Ralswiek auf Rügen, Reric beim heutigen Großströmkendorf nahe Wismar, Truso am Frischen Haff sowie Julin auf der Insel Wollin. 

Dazu kam eine weitere Handelsdrehscheibe am Südrand des Kurischen Haffs, wo im Mittelalter noch die direkte Durchfahrt zur Ostsee möglich war. Von deren Existenz zeugen ein großes wikingerzeitliches Gräberfeld und die seit 2005 lokalisierten Reste einer weiträumigen Siedlung, in der Wikinger und Prußen zwischen etwa 850 und 1050 Seite an Seite lebten. Die Nekropole in dem Wäldchen namens Kaup unweit des späteren ostpreußischen Dorfes Wiskiauten vier 

Kilometer südlich von Cranz wurde 1865 beim Straßenbau entdeckt und umfasst 500 Grabhügel, aus denen vorwiegend Fundstücke skandinavischer Herkunft wie Gewandfibeln und Schwerter geborgen werden konnten. 

Allerdings gruben die Archäologen auch Artefakte aus, die von exotischen Plätzen stammten und als Beleg für die weitreichenden Handelsbeziehungen der Wikinger in Wiskiauten dienen können. Dazu gehörte unter anderem eine byzantinische Münze.

Die Leitwährung im Handelsgroßraum der Nordmänner war kein Geld im herkömmlichen Sinne, sondern Hacksilber. Gegenstände aus dem Edelmetall wurden in meist bohnengroße Stücke zerteilt, mit denen jegliche Art von Ware bezahlt wurde: Samländischer Bernstein, Walross-Elfenbein aus dem Nordmeer, eiserne Schwerter und Knochenkämme aus Skandinavien, slawischer Schmuck und irische Gürtelschnallen sowie Quecksilber von der Iberischen Halbinsel und Edelsteine aus Asien. Darüber hinaus betrieben die Wikinger einen florierenden Sklavenhandel. So wurden in Wiskiauten wohl auch prußische Frauen als „Exportgut“ nach Skandinavien verschifft.

Ehre für weite Reisen und Reichtum

Bei den Wikingern genossen diejenigen das größte Ansehen, denen es gelang, weit zu reisen und dabei reichlich Beute zu machen. Aber offenbar vermochten erfolgreiche Händler ebenfalls zu hohem Prestige zu gelangen, wenn sie genau wie die Krieger in den Besitz wertvoller und seltener Güter kamen. Darauf deuten jedenfalls diverse archäologische Befunde im Baltikum hin.

Die Zeit der Wikinger endete in Wiskiauten wie auch anderswo etwa zur Mitte des 11. Jahrhunderts. Einer ihrer letzten Raubzüge wird in der „Yngvars saga víðförla“ (Saga von Yngvar dem Weitgereisten) geschildert und scheiterte 1041 mit dem Tode des Anführers in Russland.Zur gleichen Zeit gelangte Freygeirr mit seinen Gefährten noch bis nach Griechenland und zurück nach Livland, wo er dann ebenfalls im Kampfe fiel. 

Drei Entwicklungen zum Niedergang

Verantwortlich für den Niedergang waren vor allem drei Entwicklungen: Zum Ersten entstanden nun in vielen Teilen Europas größere Nationalreiche, die mächtige Heere aufstellen konnten, denen die Wikinger mit ihren schnell agierenden, aber kleinen Stoßtrupps wenig entgegenzusetzen hatten. Darüber hinaus wurden die Städte immer stärker befestigt und Ketten von Burgen, welche die Nordmänner ebenfalls nicht so

 leicht zu erobern vermochten, sicherten den übrigen Raum. Letzteres traf auch auf das Gebiet des späteren Ostpreußen zu.

Und zum Dritten veränderten sich die Wikinger selbst. Ab dem 10. Jahrhundert nahmen sie vermehrt den christlichen Glauben an. Damit konnten die Anführer des Seefahrer- und Kriegervolkes ihren Herrschaftsanspruch auf Gott stützen und waren nicht mehr auf das Gelingen von Raubzügen angewiesen. Das bedeutete wiederum, dass sich die Wikinger in der Diaspora, wie beispielsweise in Wiskiauten, entweder in die skandinavischen Reiche Dänemark, Schweden und Norwegen zurückzogen oder in den Außenstützpunkten fernab davon verblieben, wo sie im Laufe der Zeit mit der autochthonen Bevölkerung verschmolzen. Deshalb könnten Menschen, die aus Ostpreußen stammen, durchaus Wikinger unter ihren Vorfahren haben. Und in manchen Fällen lieferten Gentests auch schon den wissenschaftlichen Beweis dafür.