24.01.2022

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Folge 15-21 vom 16. April 2021 / Sputnik V / Ein Impfstoff als politisches Druckmittel? / Brüssel lässt sich mit der Zulassung des russischen Vakzins Zeit – EU-Einheit bröckelt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-21 vom 16. April 2021

Sputnik V
Ein Impfstoff als politisches Druckmittel?
Brüssel lässt sich mit der Zulassung des russischen Vakzins Zeit – EU-Einheit bröckelt
Manuela Rosenthal-Kappi

Bei der Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gegen Corona hatte Russland die Nase vorn. Bereits im August 2020 gab Moskau den weltweit ersten Corona-Impfstoff für eine breite Anwendung in der Bevölkerung frei. Die Meldung war noch frisch, als es auch schon Kritik an der Vorgehensweise Russlands hagelte. Die Russen hatten den Abschluss der Phase-III-Tests nicht abgewartet, was für die Zulassung neuer Medikamente normalerweise Voraussetzung ist. Die Testpersonen wurden während der noch laufenden Studien mit Sputnik V geimpft.

Herbe Kritik aus dem Westen gab es nicht nur wegen des Fehlens schlüssiger Daten, sondern es wurde auch der symbolträchtige Name als Propaganda des Kreml interpretiert: Sputnik 1 hieß der weltweit erste gestartete Satellit, mit dem die Sowjetunion im Jahr 1957 die USA und die westliche Welt schockierte. Ob  bei Sputnik V das V für Victory (Sieg) steht oder einfach nur für Vakzin, darüber rätseln selbst die meisten  Russen. 

Das im Moskauer Gamaleja-Forschungszentrum entwickelte Serum ist ein Vektor-Impfstoff und damit dem von Astrazeneca ähnlich. Mit einer Wirksamkeit von 91,6 Prozent steht es dem von Moderna und Biontech/Pfizer nicht nach. Sputnik V soll sogar gegen die Variante B.1.1.7 wirksam sein. Als Nebenwirkungen sind Schmerzen im Arm, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit sowie zum Teil grippeähnliche Symptome bekannt.

Zulassung in 56 Ländern

56 Länder haben inzwischen Sputnik V zugelassen, nur die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) prüft derzeit noch die Zulassung. Angela Merkel hatte bei Ausbruch der Pandemie eine EU-weite einheitliche Vorgehensweise bei der Impfstoffbeschaffung eingefordert und eine Zusammenarbeit mit Russland aus politischen Gründen – der Ukrainekrise und der Verhaftung Alexej Nawalnyjs – ausgeschlossen. 

Aufgrund der schleppenden Impfstoffversorgung innerhalb der EU regt sich indessen Widerstand. Nicht nur immer mehr EU-Mitgliedstaaten scheren aus der gemeinsamen Impfstoffstrategie aus – Ungarn und die Slowakei verimpfen bereits ohne EU-Zulassung Sputnik V, Österreich erwägt einen Alleingang –, auch in Deutschland regt sich Widerstand gegen die Blockadehaltung. Nach den mitteldeutschen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen spricht sich auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für die Herstellung von Sputnik V im Werk des russischen Pharmakonzerns R-Pharma in Illertissen aus. Bis zum Sommer könnten dort 2,5 Millionen Impfdosen hergestellt werden. 

Ist es angesichts der Ausbreitung der Pandemie nicht geboten, alle vorhandenen Impfstoffe zur Anwendung kommen zu lassen? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Skeptiker sehen in dem russischen Impfstoff ein Propagandamittel, mit dessen Zulassung der Westen Putin in die Hände spiele. Die Gegenseite argumentiert, dass der Schutz der Bevölkerung vor geopolitischen Erwägungen stehen müsste. 

Angetrieben von dem Wunsch, den Impfengpass so schnell wie möglich in den Griff zu bekommen und ein weiteres Bröckeln der Einheit in der EU zu verhindern, sahen Merkel und Emmanuel Macron sich offenbar gezwungen, mit Putin zu verhandeln. Das Bundeswirtschaftsministerium hat eine „Taskforce Impfen“ gegründet, um Engpässe bei den Impfstoffen zu verhindern. 

(siehe auch Seite 8)