17.01.2022

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Folge 16-21 vom 23. April 2021 / Deutsch-italienische Beziehungen / Taktlosigkeit zum Dante-Tag / Arno Widmanns Polemik in der „Frankfurter Rundschau“ gegen den Verfasser der „Divina Commedia“ belastet das bilaterale Verhältnis

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16-21 vom 23. April 2021

Deutsch-italienische Beziehungen
Taktlosigkeit zum Dante-Tag
Arno Widmanns Polemik in der „Frankfurter Rundschau“ gegen den Verfasser der „Divina Commedia“ belastet das bilaterale Verhältnis
Eberhard Straub

Italiens früheren Staatspräsidenten Giorgio Napolitano bekümmerte die zunehmende Entfremdung zwischen Deutschland und seinem Land. „Ohne einen lebhaften Gedankenaustausch, voller Respekt und Freundschaft, unter unseren beiden Völkern gibt es kein Europa und kann es keine Zukunft für ein vereinigtes Europa geben.“ Das rief er am 11. Dezember 2014 in Turin Deutschen und Italienern zu, die auf seine Veranlassung hin zusammengekommen waren, um über die deutsch-italienischen Beziehungen zu debattieren, deren unerfreulicher Zustand ihn sehr bekümmerte, ja beunruhigte. Er versteht sich wie die meisten gebildeten Italiener seiner Generation noch als Schüler Benedetto Croces, 1952 in Neapel gestorben. Dieser große Historiker und Philosoph in der Tradition Georg Wilhelm Friedrich Hegels, dieser leidenschaftliche Patriot, erfüllt vom Geist des nationalen Risorgimento (Wiedererstehung), und unermüdliche Verfechter der Eintracht in einem Europa der Vaterländer, war innig vertraut mit den immer neuen Formen eines nie unterbrochenen, bald tausendjährigen Gesprächs zwischen Italienern und Deutschen.

cortesia und civiltà

Die Hoffnung Napolitanos auf eine deutsch-italienische Verständigung hat sich seitdem leider nicht erfüllt. Nicht zuletzt, weil Deutsche es oft nicht allzu genau mit den liebenswürdigen Geboten des guten Geschmacks, der Höflichkeit und der Rücksicht nehmen, die nun einmal den Umgang auch unter Völkern und Staaten erleichtern. Italiener bleiben hingegen meist bemüht, cortesia (Höflichkeit) und civiltà (Zivilisation), wie der italienische Dichter und Philosoph Dante Alighieri es ihnen empfahl, möglichst nicht außer Acht zu lassen. Taktlosigkeiten können sie deshalb ungemein irritieren. 

Eine jüngste Grobheit galt ausgerechnet am 25. März, dem Tag feierlich-festlichen Gedenkens an Dante, eben diesem unumstrittenen Vater des Vaterlandes und der italienischen Lebenskultur im umfassenden Sinne. Nicht einer Stadt, einem Hof, dem Adel oder dem Bürgertum verdankt Italien seine Sprache und den Zusammenschluss zu einer Kulturnation, bald vorbildlich für das übrige Europa, sondern der in jeder Beziehung Einzigartigkeit dieses Florentiner Gelehrten und Dichters, der vor siebenhundert Jahren gestorben ist. Seit seiner „Divina Commedia“ („Göttliche Komödie“) – vollendet 1320/21 – gibt es Italienisch, und seit ihm gibt es Italiener.

Wolfgang von Goethe nannte mit äußerster Ehrfurcht Dante „eine Natur“, weil – wie diese – unerschöpflich in seinen Werken und immer überraschend. Gegen eine solche Überschätzung wehrte sich unlängst in der „Frankfurter Rundschau“ Arno Widmann, der dort früher das Feuilleton geleitet hat. Der italienische Dante-Tag am 25. März schien ihm die beste Gelegenheit, Deutsche und Italiener darüber aufzuklären, dass Dante ein recht unangenehmer Zeitgenosse gewesen sei, rechthaberisch, nie bereit anzuerkennen, dass nicht er, sondern eingewanderte Provenzale die neue Kunst und die neue Sprache ermöglicht hätten. Er sei ein Egomane gewesen, habe nur an sich gedacht, sein Werk und seinen Ruhm, vom „sportlichen Ehrgeiz“ getrieben, ihm bekannte arabische Überlieferungen von der Himmelsreise Mohammeds durch seine christliche „zu übertrumpfen“. Seine Lust am Urteilen und Verurteilen, ohne Mitleid mit den zur Hölle Verdammten aufgrund seiner „religiösen Besessenheit“ sowie seine offenkundige Ungeduld mit den Menschen hätten ihn daran gehindert, sich unbefangen und verständnisvoll auf die Natur der Menschen und die Wunder der Welt einzulassen. Das unterscheide ihn von William Shakespeare, der mit moralischer Gleichgültigkeit den Menschen in seiner Umwelt schildere, wie sie sei, und „uns“ deshalb „Lichtjahre moderner“ als Dante vorkomme.

Ärger und Enttäuschung

Es ist nicht sonderlich hilfreich, ausgerechnet „modern“ als ein ausschlaggebendes Kriterium zu verwenden, da nichts so schnell veraltet wie die jeweilige Moderne und wir ja angeblich schon seit Jahrzehnten in der Postmoderne leben. Wie postmodern sind dann Shakespeare oder Dante? Doch abgesehen von solchen Fragwürdigkeiten: Dante brauchte wahrlich keine arabischen Legenden, um in Konkurrenz zu ihnen seine „Divina Commedia“ zu entwickeln. Dante hat nie unterschlagen, in Traditionen zu stehen. Wanderungen im Jenseits, in der Unterwelt, waren im Orient und in der hellenisierten Kultur der Antike ein oftmals behandeltes Motiv. In diesen Zusammenhang gehören Geschichten zu Mohammeds Jenseitsreise, vorgetragen von Muslimen, die mit hellenistischer und christlicher Literatur vertraut waren. Zum Begleiter durch die Hölle und beim Aufstieg des Läuterungsberges wählte sich Dante sein Vorbild, den römischen Dichter Vergil, der seinen Helden Aeneas in die Unterwelt geschickt hatte. Dante wird in der Unterwelt von Homer, Ovid und Lukan herzlich begrüßt und von ihnen als ihresgleichen anerkannt. Dante ist ihnen ebenbürtig, weil er auf seine eigenwillige Weise ihren Wegen folgt. Er kennt seinen Rang.

Aber er hat deswegen nie Italien aus den Augen verloren. Seine Seelenlenkerin Beatrice begrüßt ihn kurz vor dem Paradies, der himmlischen Sphäre, in der Christus Römer ist für alle Zeiten. Italiener sollten nach Dantes Vorstellungen auf Erden wieder werden, was sie einst zur Zeit des Kaisers Augustus waren, nämlich Römer, und sich damit dem Römer Christus, der unter Augustus geboren, annähern. Christus der Römer wirkt rettend und befreiend in dieser Welt mit Hilfe des Römischen Reiches und der Römischen Kirche. Dante wies mit Christus die Italiener auf Rom, auf die Hauptstadt des Römischen Reiches und der Römischen Kirche. Die Italia, das einige Italien, der Garten des Reiches und der Kirche, durfte sich nicht genügsam auf sich selbst beschränken. Sie stand in weiten Zusammenhängen, und die Italiener als Reichsvolk sollten vor deren Anforderungen nicht verzagen. Dante wies ihnen einen anspruchsvollen Weg, weil nämlich nur mit Italien Europa zu einer wohltätigen Wirklichkeit werden kann. Italien ist das Herz und das Gedächtnis Europas.

Nationalistische Reaktionen

Es liegt nahe, dass in Italien das Grußwort des Arno Widmann zum Dante-Tag als Taktlosigkeit aufgefasst worden ist. Der sozialdemokratische Kultusminister Dario Franceschini bemerkte lapidar: „Dante erinnert uns an viele Dinge, die zusammengehören: Dante, das bedeutet die Einheit des Landes, Dante, das meint die italienische Sprache, Dante, das ist schlechthin die Idee Italiens!“ Mit diesen Worten resümiert der Minister das italienische Selbstverständnis, das trotz aller Spannungen Italiener seit siebenhundert Jahren vereint. Der Danteforscher Enrico Malato hält sich nicht lange mit den Albernheiten und unhistorischen Argumenten Widmanns auf, erinnert aber selbstbewusst an die Besonderheit Italiens: „Die meisten Sprachen Europas wurden durch die Macht verbindlich gemacht, Dantes Italienisch setzte sich wegen des Ansehens eines literarischen Werkes durch, und das war einzigartig!“ Es ist eben der Geist, der sich die Form erschafft.

Deutsche müssen diese Ideen nicht teilen, vielen unter ihnen missfällt überhaupt, dass immer noch recht unaufgeklärte „Menschen in Europa“ an längst überholten Vorstellungen wie Nation und Nationalsprachen, in denen sich eine besondere Mentalität ausdrücke, festhalten wollen. Aber sie könnten, im Sinne der civiltà Dantes und Italiens, der Höflichkeit und Rücksicht auf Eigenarten, schweigen, wie Luca Serriani, der Vizepräsident der italienischen Dante-Gesellschaft zu bedenken gibt. Die auflagenstarke Zeitung „La Repubblica“, mindestens so aufgeklärt und links wie Widmann, hielt dessen wenig erhellenden Artikel eben auch aus geschmacklichen Gründen für einen unglaublichen Angriff aus Deutschland auf das Dante-Gedenken, auf den Dichter und Italien. Darin sind sich – ungeachtet sämtlicher parteipolitischer Unterschiede – fast alle Italiener einig, mit Ausnahme Roberto Savianis, des Lieblingsitalieners unter den Deutschen, die auf den Zeitgeist horchen. Wie eh und je warnt Saviani vor Chauvinismus und der Korruption der Seelen, die er verursacht.

Man kann nur den Kopf schütteln

Übrigens mischt sich bei manchen Journalisten, wie etwa bei Valerio Benedetti in „Il Primato nazionale“, einem Magazin, das mit seinem Titel kundgibt, sich zur Nation und zu Italien zu bekennen, in ihren berechtigten Ärger auch einige Enttäuschung, dass gerade in Deutschland, wo 1865 die erste Dantegesellschaft, noch vor der italienischen, gegründet worden war, ein solch dilettantischer Beitrag erscheinen konnte. Gerade deutsche Wissenschaftler haben die Dante-Forschung angeregt, woran er eindringlich erinnert. 

Es gibt außerdem keinen ausländischen Dichter, um den die Deutschen so inständig werben, wie um Dante. Mittlerweile gibt es fast 180 Versuche, mit Übersetzungen ihn den Deutschen nahezubringen. Weil er unerschöpflich wie die Natur ist, lässt er sich nicht angemessen ins Deutsche übertragen, wovon Sibylle Lewitscharoffs Roman „Pfingstwunder“, 2016 erschienen, handelt, ein Zeugnis mehr deutscher Liebe zu Dante und seiner Sprache.

Wirklich nationalistisch reagieren deutsche Berichterstatter auf die ihnen unverständliche Aufregung in Italien. Oliver Meiler in der „Süddeutschen Zeitung“ missversteht sie als antideutsche Reflexgeschichte und ist darüber ungehalten, dass es heißt, der peinliche Angriff komme „aus Deutschland“. Frankfurt liegt in Deutschland und Widmann ist ein Deutscher, also kommt der Artikel aus Deutschland. Ja, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ behauptet Karen Krüger umstandslos, dass „die Verunglimpfung Deutschlands“ in Italien wie gewohnt eine gute Auflage und Verbreitung garantiere. 

Kritik an einem deutschen Journalisten zu üben ist offenbar ein Zeichen böswilliger Absichten unbelehrbarer Italiener, Dante einmal etwas anders zu betrachten, soll hingegen als redlicher Versuch eines deutschen Aufklärers verstanden werden, Interesse für einen nicht mehr ganz zeitgemäßen Dichter zu wecken. Da kann man nur verwundert den Kopf schütteln. Es ist der Mangel an Augenmaß, an Lebensart und einer humana civilitas, also der von Dante geformten italienischen civiltà, die in Italien zu erheblichen Irritationen führt. 

Statt über Dante leichtfertig zu räsonieren, wäre es sinnvoller, viele „kritische“ Deutsche würden diesen unmodernen Dichter aufmerksam lesen, bei dem es für sie viel zu lernen gibt über den angemessenen Umgang mit Menschen zum Vorteil des Zusammenlebens im gemeinsamen Europa.






Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Werken gehören u.a. „Zur Tyrannei der Werte“ (2010) und „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (2014, beide Klett-Cotta). 

www.eberhard-straub.de